1. Saarland

Stress für hörgeschädigte Menschen

Stress für hörgeschädigte Menschen

St. Wendel. Die Vorfreude auf Silvester und den Jahreswechsel ist groß: Familie und Freunde kommen zusammen, sie haben sich viel zu erzählen. Doch für jemanden, der nicht gut hört, kann diese Freude schnell in Enttäuschung umschlagen. Festtage gehen häufig mit erschwerter Kommunikation einher: Stimmengewirr, Musik spielt im Hintergrund, Geschirr klappert

St. Wendel. Die Vorfreude auf Silvester und den Jahreswechsel ist groß: Familie und Freunde kommen zusammen, sie haben sich viel zu erzählen. Doch für jemanden, der nicht gut hört, kann diese Freude schnell in Enttäuschung umschlagen. Festtage gehen häufig mit erschwerter Kommunikation einher: Stimmengewirr, Musik spielt im Hintergrund, Geschirr klappert. Schon hat der Hörgeschädigte den Faden verloren und kann sich an Gesprächen nicht beteiligen. Er gibt Antworten, die nicht zur Frage passen und nickt, obwohl er nicht versteht, was gesagt wird.Wer hörgeschädigt ist, hört in solchen Situationen häufig nur verschwommene Klänge und ist nicht in der Lage, das für ihn Wichtige herauszufiltern. Dazu kommt, dass ein Hörgeschädigter nicht "nebenbei" hören kann - das Hören und Verstehen verlangt seine gesamte Aufmerksamkeit und Konzentration. Daher ermüden hörgeschädigte Menschen im Vergleich schneller und empfinden Gespräche als anstrengend. Zusätzlich kann der emotionale Stress mit der Familie an Festen den temporären Hörstress verstärken. Viele ziehen sich dann zurück. "Der soziale Rückzug ist die größte Gefahr bei einer Hörschädigung. Weil der Betroffene nicht gut versteht, beteiligt er sich nicht mehr am Gespräch. Häufig kommt es dann zu Unstimmigkeiten, weil Erwartungen auf beiden Seiten nicht erfüllt werden", erklärt Dr. Harald Seidler, Chefarzt für Hals-Nahren-Ohren (HNO) an den Medi-Clin Bosenberg Kliniken in St. Wendel, der selbst hörgeschädigt ist und ein Hörimplantat trägt.

Damit Feste und Feiern für den Betroffenen und seine Familienangehörigen gelingen, sollten bestimmte akustische Rahmenbedingungen geschaffen werden: "Die Gesprächsbeteiligten sollten darauf achten, nacheinander zu sprechen und nicht gleichzeitig. Musik im Hintergrund sollte möglichst leise spielen, generell sollten Störgeräusche vermieden werden", erklärt Seidler.

Hörgeschädigte gehen häufig sehr defensiv mit ihrer Beeinträchtigung um und versuchen diese vor anderen zu verbergen. Der Hörgeschädigte sollte sich jedoch als solcher bekennen und seinen Kommunikationsstatus mitteilen. "Wer seine Hörschädigung verschweigt und an Gesprächen nicht teilnehmen kann, stößt auf Unverständnis und macht sich selbst das Leben schwer. Wichtig ist mit dem Hörgeschädigten zu klären, was für eine gute Kommunikationssituation notwendig ist", rät Dr. Seidler.

Wer ein hörgeschädigtes Familienmitglied hat, sollte darauf achten, dass er langsam und deutlich spricht - jedoch nicht unbedingt lauter. Auch eine entsprechende Beleuchtung kann helfen, die Verständigung zu vereinfachen: So sollte das Licht im Rücken des Hörgeschädigten sein, damit das Mundbild des Gesprächspartners gut sichtbar ist. Wichtig ist, nachzufragen, ob der Hörgeschädigte alles verstanden hat. "Wer nickt, hat noch lange nicht alles verstanden", sagt Seidler. Deshalb ist es gut, wenn der Hörgeschädigte noch einmal wiederholt, was er verstanden hat, um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen.

Wer bereits ein Hörgerät trägt, kann dennoch mit Hörproblemen konfrontiert werden. Denn auch wenn Hörgeräte gut eingestellt sind, werden in großen Gesprächsrunden oft auch Geräusche verstärkt, die störend sein können.

Viele Betroffene wissen nicht, dass es eine Möglichkeit gibt, den Hörsinn zu ersetzen - mit dem sogenannten Hörimplantat. Dies kann laut Seidler helfen, wenn Betroffene mit ihrem Hörgerät nicht mehr ausreichend Sprache verstehen. Das Hörimplantat wird in der Fachsprache auch Cochlear-Implantat genannt. red

www.ich-will-hoeren.de

Foto: privat

Hintergrund

Die Initiative "Ich will hören", die von Cochlear Deutschland ins Leben gerufen wurde, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen mit hochgradiger Hörschädigung, deren Angehörige sowie die allgemeine Öffentlichkeit kontinuierlich über die Bedeutung des Hörens, Hörschädigung und deren mögliche Auswirkungen aufzuklären. Zudem informiert die Initiative über die bei starkem Hörverlust weltweit erfolgreich eingesetzte Therapie mit Hörimplantaten, wenn Hörgeräte nicht mehr ausreichen. Im Rahmen der Initiative "Ich will hören" finden regelmäßig Informationsveranstaltungen für Betroffene, Angehörige und Freunde in verschiedenen Regionen Deutschlands statt. red