Relikte des frühen Kohleabbaus im Saarland: Streit um Denkmalstatus des Pingen-Waldes

Relikte des frühen Kohleabbaus im Saarland : Streit um Denkmalstatus des Pingen-Waldes

Der Bergbaukonzern RAG sieht das Pingenfeld bei Heiligenwald nicht als schützenswert an. Experten aus dem Saarland widersprechen.

Die Überreste des frühen Kohleabbaus im Saarland sind von abgestorbenen Blättern und Astwerk bedeckt. Nur bis zu drei Meter tief sind die flachen Mulden im Wald zwischen Schiffweiler-Heiligenwald und Merchweiler. Sie zeugen nach Angaben Delf Slottas davon, dass hier ab Beginn der frühen Neuzeit, also vor etwa 500 Jahren, Menschen nach Steinkohle gegraben haben. Pingen werden diese kleinen Mulden genannt, 500 davon zählte Slotta noch vor 30 Jahren, als er seine Diplomarbeit verfasste. „Ich vermag nicht genau zu sagen, wann die Pingen entstanden sind. Darüber gibt es keine Quellen“, erklärte Slotta, Direktor des Vereins Institut für Landeskunde in Reden, der SZ. Doch dass die Pingen „alt“ sind und den Beginn des Bergbaus in der frühen Neuzeit im Saarland darstellen, sei sicher. „Nach meiner Kenntnis sind die Pingen bei Heiligenwald für den Beginn des Kohleabbaus besonders aussagekräftig“, sagte Slotta, der bereits mehrere Abhandlungen über die Pingen verfasst hat. Nur noch bei Wiebelskirchen und im Bereich Altenkessel/Luisenthal gebe es in kleinerer Zahl ebenfalls noch erhaltene Pingen.

Der Landesdenkmalpfleger Professor Wolfgang Adler (Saar-Uni) schätzt, dass das Pingenfeld bei Heiligenwald ins 18. Jahrhundert zurückreicht. „Teilweise sind die Pingen älter als die Grube Itzenplitz, mit denen der über Tage begonnene Abbau unter Tage fortgesetzt wurde“, sagte Adler der SZ. Der Kohleabbau in der Grube Itzenplitz, die nach dem preußischen Minister Graf Heinrich Friedrich August von Itzenplitz benannt wurde, begann Mitte des 19. Jahrhunderts. „Insofern gehört das Pingenfeld auch zur Grube Itzenplitz, die in Teilen als Baudenkmal ausgewiesen ist“, betonte Adler, der auch Landes-Archäologe ist.

Doch wie wertvoll sind diese Überreste des Bergbaus? Zählen die Pingen zum saarländischen Kulturgut wie die Halden, Kohlewäschen oder Maschinenhäuser? Der Schiffweiler Bürger Herbert Hartmann, der den Pingen-Wald regelmäßig durchwandert, hatte kritisiert, dass der Saarforst bei Baumfällungen mit schwerem Gerät die Pingen zerfurchte und mit Ästen verdeckte (die SZ berichtete). Diese Kritik führte vor Kurzem dazu, dass sich Umweltstaatssekretär Roland Krämer (SPD), selbst Bürger Schiffweilers, in den Pingen-Wald begab, um vor der Presse und Hartmann zu betonen, dass der Saarforst schonend mit den Kulturgütern umgehe. Krämer, in grünen Gummistifeln und braun-beiger Wetterjacke, sagte: „Die Bergbaudenkmäler werden vom Saarforst nicht geschädigt. Die Pingen sind den Saarforstmitarbeitern bekannt, die nehmen Rücksicht darauf bei ihren Arbeiten.“ Krämer erklärte zudem, dass der Saarforst vom Nabu Saar ausgezeichnet worden sei für seine naturnahe Waldbewirtschaftung.

Der Bergbaukonzern RAG (früher Ruhrkohle) hatte seinen promovierten Ensdorfer Vermessungs-Ingenieur, den Obermarkscheider Axel Schäfer, zu dem Ortstermin entsandt. „Die Pingen sind nicht schützenswert und keine Bodendenkmäler“, betonte Schäfer. Die Pingen seien Stolperfallen, aber ein Verfüllen sei nicht angebracht. Schäfer vertrat die Ansicht, dass die Pingen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs stammen würden. „In ein paar hundert Jahren sind die Pingen ohnehin verschwunden durch die natürlliche Erosion“, betonte Schäfer.

Das sieht Professor Adler ganz anders. „Das Pingenfeld bei Heiligenwald hat als Ensemble zweifellos einen herausragenden landesgeschichtlichen Wert“, betonte Adler. Es gehe weniger um die einzelne Pinge, deren Alter kaum oder nur mit großem Aufwand zu ermitteln sei. Sondern es gehe um das Ensemble, zu dem auch Pingen der Nachkriegszeit gehörten. Das Pingenfeld vertrage dabei durchaus „eine rücksichtsvolle forstwirtschaftliche Nútzung“. Den natürlichen Erosionsprozess werde man nicht verhindern können, sagte Adler.

Der Pingen-Schützer Hartmann erklärte: „Warum wohl hat sich der Förderverein Itzenplitz den Schutz der Pingen zur Aufgabe gemacht? Natürlich sind die Pingen ein Kulturgut. Deswegen kommen die Menschen doch hierher, um dies zu sehen.“ Durch den Pingen-Wald soll bald ein Premium-Wanderweg verlaufen, der von dem Förderverein vorangetrieben wird. Bisher gibt es dort den Itzenplitzer Pingen-Pfad, der über 8,5 Kilometer Länge durch den Pingen-Wald führt.

Auch Thomas Steinmetz, Referent im Umweltministerium, sagte, dass die „Geschichte des Saarlandes im Wald erlebbar“ werde. Gleichzeitig betonte er, dass es keine Zerfurchung der Pingen durch schweres Holzsägegerät wie Harvester gegeben habe. „Harvester waren hier gar nicht im Einsatz“, sagte Steinmetz. Zudem habe man die abgeschnittenen Kronen der Bäume nur zeitweise in den Pingen liegen gelassen, die würden jetzt abgeräumt und zu Brennholz verarbeitet. Der zuständige Saarförster Lars Kreinbihl erklärte, dass Forstspezialschlepper die gefällten Bäume herausgeholt hätten. „Dort wurde nicht mit Harvestern, sondern mit Motorsägen gearbeitet“, sagte Kreinbihl.

Hartmann räumte ein, dass es gut sei, wenn die Pingen wieder frei geräumt werden und zu sehen sind. Gleichzeitig forderte der 70-Jährige, dass Saarforst den Pingen-Wald aus dem Bewirtschaftschaftungsprogramm herausnehmen solle. Es gehe nur um zwölf Hektar Wald, was eine Holzwert von 3000 Euro darstelle, betonte Hartmann.

Staatssekretär Krämer erklärte seine Bereitschaft, an der Ausweisung des Premium-Wanderwegs mitzuwirken. Der Landesarchäologe Professor Adler begrüßte die Erschließung durch den Premiumwanderweg Pingen-Pfad sehr. „Der Betreiber des Wanderweges könnte auch auf Art und Umfang der forstwirtschaftlichen Nutzung einwirken und in Hinblick auf die Präsentation der Relikte Verbesserungen aushandeln“, betonte der Landesdenkmalpfleger. Er bot dazu seine beratende Mitwirkung an.

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