Street-Art: Hendrik Beikirch startet mit Groß-Porträt in Neunkirchen

Kostenpflichtiger Inhalt: Saarland bekommt Top-Straßen-Kunst : Bodo Lutze – das Gesicht der Hüttenarbeiter

In Neunkirchen entsteht ein riesiges Hüttenarbeiter-Porträt an einer Hauswand. Am Freitag war der erste Arbeitstag für den Künstler. Doch wen malt er? Wer tritt für das Industriearbeiter-Erbe an?

217 Quadratmeter für ein Kunstwerk, das klingt ziemlich groß.  Hendrik Beikirchs gigantische Arbeiterköpfe kennt man aus dem Internet oder aus dem Fernsehen. Doch die Realität ist unschlagbar. Erst wenn man sich in Neunkirchen den Hals verdreht hat, um an der Ecke Bahnhof-/Wiebelskircherstraße steilhoch nach oben zu schauen, bis zum Giebel in 15 Meter Höhe, ahnt man, welche Überraschungs-Qualität allein schon in der Dimension dieser Streetart steckt. Emotionale Überrumpelung inklusive: Hier also wird im Saarland der wohl exponierteste und persönlichste Platz sein für Erinnerung an eine Generation der in Geschichtsbüchern Verschwundenen, Industriearbeiter des alten Schlages. Bodo Lutze (79) gibt ihnen sein Gesicht. 37 Jahre  lang arbeitete er im Neunkircher Eisenwerk. Wenn er sich erinnert, sind da die Kontrast-Farben Schwarz-Weiß, sind da „Stolz und das Gegenteil davon“, spürt man  Traurigkeit und Euphorie. Bis 1973 ging es im Turbo-Tempo immer nur „vorwärts und aufwärts“, danach bergab, in einer Schussfahrt, bis zur Zusammenlegung der Flüssigproduktionen von Völklingen und Neunkirchen, 1982. Noch 13 Jahre blieb Lutze im Eisenwerk, mit 55 dann Sozialplan,  mit 60 in Rente. Das Berufsleben der Vielen im Land.

Am Freitagmorgen nun stand Lutze vor der noch unberührten „Riesen-Hauswand“ in seiner Heimatstadt. „Die Fläche langt grad für mich“, meinte er, mit der ihm eigenen Selbstironie. Weil man ihn in der Stadtverwaltung bestens kennt, weil er dort Freunde hat, fiel die Wahl auf ihn, als es darum ging, einen authentischen Hüttenmann als Motiv zu finden. Für Lutze steht jedoch fest, dass sein perfektes „Giebelgesicht“ ihn zum „Model“ für die Beikirch-Aktion macht: „Hier wird‘s bestimmt bald zum  Verkehrschaos kommen“, prophezeit er. „Ein gewisses Selbstbewusstsein braucht man schon“, das sagt Beikirch. Für Feiglinge sei das nichts, sein Gesicht hinzuhalten für eine untergangene Epoche. Eher was für Nostalgiker? Doch zu Letzteren zählt der jugendlich-vitale Lutze wahrlich nicht. „Warum sollte ich das nicht machen?“, fragt er; „Ich stehe dazu. Es war halt mei Läwe“. Auf seinem Polo-Shirt steht „Neunkirchen. steel echt.“

Alles, was Lutze  über seinen früheren Berufsalltag berichtet, klingt kernig-unsentimental, gleichwohl erzählt er mit Leidenschaft. Von all dem, was er im Eisenwerk auch jenseits des eigenen Arbeitsumfelds erkundete, oft in den Pausen.  So trieb es ihn zum „Sensationsarbeitsplatz“  im Drahtwalzwerk, wo die Kollegen „wie Akrobaten“ mit dem glühenden Material tanzten: „Das waren Künstler!“

Er selbst wollte zunächst Bergmann werden, in der Grube König, doch vor Stoß arbeiten, ein Leben lang? 1954 heuerte er als Steuermann im Walzwerk des Neunkircher Eisenwerkes an, wurde dann Hilfsschlosser in der Werkstatt II und wechselte, nachdem er die Abendschule  absolviert hatte, in die Morganstraße (Draht- und Stabstahlstraße). Nach einer weiteren Abendschul-Qualifizierung  (Industriemeister) folgte die Phase des „Sesselfurzens“, wie Lutze das nennt. Als Angestellter in der Arbeitswirtschaft schrieb er bis 1982 Schicht- und Personal-Pläne und erlebte die erste Massenentlassungs-Welle hautnah mit. Denn das Personalbüro lag genau nebenan. „Viele Jungs, die da raus kamen, haben lauthals geheult.“ Die Arbeitsbedingungen seien schlimm gewesen, „aber keiner wollte gehen.“ Heute noch, man spürt es, drücken Lutze diese Bilder. Die eigenen Existenzängste – er war Alleinverdiener, hatte 1967 gebaut, zwei Jahre später kam das erste Kind –, geht er lieber schnell hinweg. „Mir hann nie Feddere in die Luft geblos“, sagt er und lobt die Sparsamkeit seiner Frau. 55 Jahre sind sie verheiratet. Ärgern kann er sich deshalb immer noch, wenn er an die Eisenbahner-Pensionäre denkt, die einst die Hüttenwerker, die am Völklinger Bahnhof ausstiegen, um zu demonstrieren, als „Faulenzer“ bezeichneten, die  nichts Besseres zu tun hätten als zu protestieren: „Die Herren Beamten hatten keine Ahnung, wie es ist, um seinen Arbeitsplatz zu kämpfen.“ Und wie steht es heute um die Wertschätzung, wie um die Industriekultur? „Man könnte mehr draus machen“, sagt er. Den Saarländern fehle das „Mir-san-mir“-Gefühl der Bayern.

Zum Projekt-Start haben ihn Frau, Tochter, Sohn und Schwiegertochter sowie drei der fünf Enkel begleitet, mit Thermoskannen-Kaffee für den Künstler im Korb. Den Lyonerweck will Lutze später nachliefern, aber das scheitert am  Vegetarier Beikirch. Dem gefällt die Fürsorge, wobei er meint:  „Im Saarland bleibt man nicht lange einsam.“ Am Ende seines ersten Arbeitstages will er Lutzes Ohr an der Wand haben. Bis 23. August muss er das Gesamtwerk abliefern. Beikirch erwartet hier keine Termin-Gefährdungen wie er sie aus Asien kennt: Taifune oder Affen, die nachts seine Mal-Utensilien klauen. Pro Tag wird er 20 Spraydosen und zehn Liter Farbe mit auf die Hubbühne nehmen. Das Malen beschreibt  er als physisches Erlebnis, der Korb wackele permanent: „Es ist ein wenig wie Skifahren.“

Die Fotomontage zeigt, wie das Bild aussehen soll. Foto: Hendrik Beikirch
Authentisch: Bodo Lutze zu Hause in Neunkirchen-Hangard. Foto: Cathrin Elss-Seringhaus. Foto: Cathrin Elss-Seringhaus

 Gearbeitet wird nach einer Skizze, die der Künstler nach Fotos anfertigte, die er bei einem ersten Treffen mit Lutze machte.  Nur ungern gibt er seinen Entwurf vorab heraus, denn er hat die Erfahrung gemacht, dass Menschen die Spannung lieben und dass das Mitverfolgen des  Entstehungsprozesses sie lockert für die öffentliche Kunst, mit der sie leben sollen und müssen. Übrigens sehr lange Zeit. Wie ein guter Außenanstrich halten auch Beikirchs Wandporträts bis zu 30 Jahre. Lutzes Enkelin Yara (13) hat also gute Chancen, den riesigen Urgroß-Opa noch ihren Kindern zeigen zu können. Sie sagt, es sei  eine Ehre für alle in der Familie: „Ich mache in der Schule Werbung für ihn.“ Peinlich findet sie so was überhaupt nicht. Und wenn? „Sag einfach, ich bin Peinlichkeiten von meinem Opa gewöhnt“, sagt Lutze. Doch es ist alles andere als das. Es ist ein Liebesdienst für die Männer, die an der DNA des Saarlandes mitschrieben. 

Mehr von Saarbrücker Zeitung