1. Saarland

Straßburg geht neue Wege zur Messung von Feinstaubbelastung

Dicke Luft in Straßburg und Kehl : Am Rucksack die Feinstaubbelastung messen

21 Freiwillige ermitteln im Großraum Straßburg-Kehl sechs Wochen lang die Luftqualität. Warum macht Sophie Rabourdin (35) mit?

Auf dem Smartphone von Sophie Rabourdin leuchten ein grüner und zwei orangene Punkte mit den Zahlenwerten 15, 29, und 39 auf, links daneben jeweils ein Kurvendiagramm. Die Werte stehen für die Feinstaubbelastung der Luft vor der Kirche St. Johannes Nepomuk in Kehl durch Staubteilchen der Kategorie PM1 (sogenannter „Ultrafeinstaub“ mit einem Durchmesser von weniger als 0,1 Mikrometer), der Kategorie PM10 (kleinerer Durchmesser als 0,01 Millimeter) und Kategorie PM2,5, in die Partikel mit einem Durchmesser von weniger als 2,5 Mikrometer fallen.

Feinstaub der Kategorie PM1 und PM2,5 gelten aufgrund ihrer geringen Größe als besonders gefährlich, wie Amandine Henckel-Warth von der halbstaatlichen ostfranzösischen Luftmessungs- und Überwachungsbehörde Atmo Grand Est erklärt. „Je kleiner die Feinstaubpartikel sind, desto tiefer dringen sie in den menschlichen Organismus ein bis in das Lungengewebe und sogar in den Blutkreislauf. Dort können die Partikel zu Atemwegs-Infektionen, Lungenerkrankungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen.“ Hauptverursacher für Feinstaub sei der Verkehr, Holzheizungen und Industrie.

Die Werte auf dem Smartphone von Sophie Rabourdin sind die Ergebnisse der ersten Messung der Feinstaubbelastung vor der Kirche St. Johannes Nepomuk in der Innenstadt der badischen Grenzstadt Kehl. Ihren Mikrosensor, der wie ein kleines, weißes Gespenst aus Plastik aussieht und groß wie ein Smartphone ist, hat sie mit einem Karabinerhaken hinten am Griff ihres Rucksacks befestigt.

Die 35-jährige Französin, die in Kehl wohnt, im Straßburger Stadtteil Neudorf als Allgemeinärztin arbeitet und sich im Ärztekollektiv „Strasbourg respire“ (Straßburg atmet) für bessere Luft in der Region engagiert, ist eine von 21 Freiwilligen, die sechs Wochen lang im Großraum Straßburg/Kehl die Belastung der Luft durch Feinstaub misst.

Sie hat sich als Freiwillige gemeldet, „weil ich durch meine Arbeit im Ärztekollektiv für das Thema sensibilisiert bin“. Außerdem wolle sie selbst sehen, wie die Feinstaubbelastung an den Orten ist, wo etwa ihr Sohn in den Kindergarten geht oder vor Schulen und Kinderkrippen an viel befahrenen Straßen.

Für die Messungen haben die Freiwilligen, die aus 42 Interessenten ausgewählt wurden, von der Luftmessungs- und Überwachungsbehörde Atmo Grand Est jeweils einen Mikrosensor bereit gestellt bekommen, mit dem sie sechs Wochen lang die Feinstaubbelastung dort messen sollen, wo sie gerade zu Fuß, mit dem Auto oder mit dem Fahrrad unterwegs sind. Die Messungen, die mindestens sieben Mal die Woche stattfinden sollen, werden über Bluetooth mit einer App auf dem Smartphone sichtbar.

Die aus den USA stammenden Sensoren mit dem Namen AirBeam2, von denen jeder rund 300 Euro kostet, messen neben den oben genannten Feinstaubkategorien in der Umgebungsluft auch die Temperatur und relative Luftfeuchtigkeit, wie die Projektleiterin bei Atmo Grand Est, Raphaèle Deprost, erklärt. Bei jeder Messung müssen die Freiwilligen angeben, wo sie sich gerade befinden und was sie machen. Die Werte werden auf eine passwortgeschützte Internetseite übertragen, wo die Teilnehmer die Ergebnisse austauschen und Fachleute diese bewerten können. Die Feinstaubmessungen sind Teil des auf drei Jahre angelegten Projektes Atmo-VISION, das Atmo Grand Est als Projektträger in Zusammenarbeit mit seinen Partnern, der LUBW (Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg) und dem LHA (Lufthygieneamt beider Basel) federführend durchführt.

Es geht dabei um die Themen „Luft-Klima-Energie“ im Oberrheingebiet. Hauptziel ist es, neue geeignete Instrumente für Verwaltungen und Institutionen bereitzustellen, um die Emissionen von Luftschadstoffen und Treibhausgasen zu verringern und somit die Luftqualität zu verbessern

Mit der Feinstaubmessung durch die Mikrosensoren will Atmo Grand Est nach Angaben von Raphaèle Deprost die Bürger der Eurometropole Straßburg für Fragen der Luftqualität sensibilisieren, „indem die Luftverschmutzung insbesondere in ihrer Straße oder Nachbarschaft, sichtbar gemacht wird und als Hebel zur Verhaltensveränderung genutzt wird“. Die ersten Messergebnisse in Kehl am vergangenen Dienstag waren für Sophie Rabourdin nicht überraschend, als sie auf dem Weg zum Kindergarten in der Innenstadt war, um ihren Sohn abzuholen. „Wir haben gerade durch die Wetterlage eine Spitzenbelastung der Luft hier im Ballungsgebiet.“

Der Mikrosensor an Sophie Rabourdins Rucksack sieht aus wie ein kleines Gespenst und ist mit einem Karabinerhaken befestigt. Foto: Jürgen Lorey

An Hauptverkehrsstraßen seien die Werte im orangen oder sogar roten Bereich gewesen, etwa an der Tramhaltestelle vor dem Kehler Rathaus oder direkt vor rauchenden Passanten oder Autos mit laufendem Motor. Einige Meter weiter auf dem Gehweg durch den neuen Wohngebäudekomplex „Kinzighöfe“ war die Feinstaubbelastung im grünen Bereich.