1. Saarland

Stadtkarrieren unter der Forscher-Lupe

Stadtkarrieren unter der Forscher-Lupe

Völklingen. Ob sie mal vorbeikommen könnten zum Gespräch, hatten Sabine Weck und Sabine Beißwenger vor Wochen angefragt. Per Brief auf offiziellem Papier des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS) in Dortmund

Völklingen. Ob sie mal vorbeikommen könnten zum Gespräch, hatten Sabine Weck und Sabine Beißwenger vor Wochen angefragt. Per Brief auf offiziellem Papier des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS) in Dortmund. Völklingen, schrieben Weck und Beißweng darin, sei - als eine von mehreren deutschen Mittelstädten - Thema eines Forschungsprojekts mit dem Titel "Stadtkarrieren". Dabei gehe es vor allem um Strategien der Stadtentwicklung.

Nun sitzen sie am Redaktionstisch, die beiden Expertinnen, und haben viele kluge Fragen mitgebracht. Doch zuvor müssen Sabine Weck, promovierte Raumplanerin, und Sabine Beißweng, Diplom-Geografin, erst einmal selbst Fragen beantworten. Sechs Stadt-Fallstudien, so berichten sie, umfasst ihr Forschungsprojekt. Ausgewählt wurden Kommunen, die von "Peripherisierung" betroffen sind - sprich: Sie büßen durch wirtschaftliche, politische oder soziale Prozesse Funktionen und Einwohner ein. Das niedersächsische Osterode im Harz etwa, früher Zentrum an der deutsch-deutschen Grenze, zählt zu den Verlierern der Wiedervereinigung: Die Bedeutung ist geschrumpft, die "Zonenrandförderung" fließt nicht mehr. Das nordhessische Eschwege ist in ähnlicher Lage. Im östlichen Vorharz steckt Eisleben in der Krise, trotz einer Luther-Gedenkstätte von Weltkulturerbe-Rang. Dem nahen Sangerhausen geht es wenig besser, mag auch das dortige Europa-Rosarium Sommer-Touristen anziehen. Im südwestdeutschen Grenzraum haben die Forscherinnen Pirmasens gewählt, das den Niedergang der örtlichen Schuhindustrie verkraften muss. Und Völklingen, im Strukturwandel als Stadt der Montanindustrie.

Weck und Beißwenge sind gut vorbereitet gekommen. Stadtplanerin Andrea Chlench (Foto: bub) hat ihnen Wege geebnet, im Gespräch und mit ihrer Dissertation, die Jahrzehnte der Stadtentwicklung samt einschlägigen Debatten und Gutachten aufarbeitet. Mit langen Gängen durch die Innenstadt haben sich die Forscherinnen erste eigene Völklinger Eindrücke verschafft. Und kommen rasch zum Kern der Probleme. Welches städtische Projekt ist am wichtigsten? Welche Akteure sind bei Zukunfts-Vorhaben im Boot, welche nicht, und warum nicht? Ist die Talsohle schon durchschritten? Welche Bedeutung haben "gefühlter" Aufschwung und soziales Klima? Wo sind die treibenden Kräfte der Stadtentwicklung, wo die Visionäre? Welche Rolle für Investoren spielt das Image der Stadt, was tut man im Rathaus, um es zu bessern?

Drei Tage haben die beiden für Völklingen Zeit, zu wenig, sie wollen ein zweites Mal kommen. Und später vergleichen und die Planer "ihrer" Kommunen zusammenbringen - damit Stadtentwickler voneinander lernen können.

Auf einen Blick

Das Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung mit Sitz in Dortmund ist eine gemeinnützige GmbH mit dem Land Nordrhein-Westfalen als einzigem Gesellschafter. Es befasst sich - jenseits universitärer Zusammenhänge - mit Stadt- und Raumplanung, Architektur und Bauwesen.

Sein Leitthema lautet "Neue Urbanisierungsprozesse im europäischen Kontext - Zukünfte des Städtischen". Dabei geht es darum, den städtebaulichen und sozialen Wandel zu analysieren, der sich aktuell in Städten und Gemeinden vollzieht, und auf dieser Grundlage Konzepte zu entwickeln für eine zukunftsfähige Gestaltung urbaner Räume.

Im Projekt "Stadtkarrieren" stehen sechs von Abwanderung und Bevölkerungsschwund betroffene deutsche Mittelstädte - darunter Völklingen - im Fokus. Die Forscherinnen und Forscher nehmen die Krisen-Symptome und Zukunfts-Strategien in diesen Kommunen zuerst getrennt, später vergleichend unter die Lupe. Das Projekt dauert bis Ende 2011 und soll auch ein Stadtplaner-Treffen umfassen. dd