1. Saarland

Staatsanwältin im Saarland gewährt Einblick in ihren Job

Tag der offenen Tür in der Saar-Justiz : Anklägerin und Ermittlungs-Chefin

Judith Mailänder ist Staatsanwältin. Vor dem Tag der offenen Tür in der Saar-Justiz an diesem Donnerstag gewährt sie einen Einblick in ihren Job.

Mit manchen Angeklagten habe sie durchaus ein wenig Mitleid. Andere werden nicht ohne Grund zu langjährigen Haftstrafen und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt, sagt Staatsanwältin Judith Mailänder. Seit 19 Jahren ist die gebürtige Rheinland-Pfälzerin eine von 80 Staatsanwälten im Saarland. Von Betrug über Diebstahl, Raub- und Gewaltdelikten – die 48-Jährige vertritt in allgemeinen Strafsachen die Behörde vor Gericht.

Trotz aller Objektivität, die Menschlichkeit spiele gerade in Fällen, in denen Jugendliche angeklagt sind, durchaus eine Rolle. „Wenn ich das Gefühl habe, dass es bereits im Elternhaus nicht passte und keine Hilfe gab. Wenn die Jugendlichen einfach Unterstützung brauchen und mit konkreter Lebenshilfe wie Anti-Aggressionstraining, Drogenberatung und Berufsberatung davon abgehalten werden können, in Zukunft nochmal straffällig zu werden.“ Im Jugendstrafrecht stehe der Erziehungsgedanke an erster Stelle. Im Erwachsenenstrafrecht sieht das anders aus. Mailänder gibt zu, in manchen Fällen schlicht zu resignieren. Wenn Angeklagte über Jahrzehnte hinweg Straftaten begangen haben und dies wahrscheinlich auch immer wieder tun werden. Da bleibe schlicht nur das Gefängnis und eventuell eine Sicherungsverwahrung. „Da geht der Schutz der Gesellschaft vor.“

Während ihres Jurastudiums in Frankfurt fand Mailänder das Strafrecht eher uninteressant. „Blut geleckt habe ich erst im Referendariat in Darmstadt.“ Aus privaten Gründen hat sie sich anschließend für den Staatsdienst im Saarland beworben. Ein Jahr lang arbeitete sie als Richterin beim Amtsgericht für zivil- und strafrechtliche Fälle. Im Jahr 2000 wechselte sie zur Staatsanwaltschaft, zunächst in die Jugendabteilung. An ihren ersten Fall als Staatsanwältin kann sie sich nicht mehr erinnern. Auch nicht, ob sie aufgeregt war. In den ersten Monaten musste sie ihre Akten und Entscheidungen dem Oberstaatsanwalt zur Prüfung und Gegenzeichnung vorlegen. „Das habe ich als sehr angenehm empfunden.“ Die Sicherheit des Gegenzeichnens sei ein großer Vorteil. Junge Staatsanwälte würden an die Hand genommen und gut eingearbeitet.

Als sie noch in der Jugendabteilung tätig war, habe sie einige Fälle von Sexualdelikten gegen Kinder und Jugendliche auf dem Tisch gehabt. Besonders in Erinnerung ist ihr der Mord an einem Jungen geblieben. Der Missbrauchsskandal hatte vor einigen Jahren hohe Wellen im Saarland geschlagen. Mailänder war zu Beginn des Verfahrens in die Ermittlungen involviert, ist kurz darauf aber in Elternzeit gegangen. Solche Fälle begleiten einen nach Hause, die lässt man nicht im Büro, sagt Mailänder. „Ich glaube, ich könnte solche Fälle auch heute nicht mehr machen. Ich weiß es nicht genau. Wenn man eigene Kinder hat, sieht man die Dinge etwas anders. Man versucht, professionelle Distanz zu wahren, das klappt auch. Aber so ganz prallt das nicht ab.“ Die Kollegen tauschen sich untereinander aus, das helfe ganz gut – auch bei Problemen in rechtlichen Fragen.

„Wir sind die Herren des Ermittlungsverfahrens. So steht es auch im Gesetz“, beschreibt Mailänder ihren Beruf. Bevor Anklage erhoben wird, muss sie die hinreichende Verurteilungswahrscheinlichkeit prüfen. „Die Erwartung, dass es zu einer Verurteilung kommt, muss über 50 Prozent liegen.“ Außerdem sind es die Staatsanwälte, die Bankauskünfte einholen oder Durchsuchungen, Observationen, Telefonüberwachungen oder eine Untersuchungshaft beim Gericht beantragen. In einem allgemeinen Dezernat gingen monatlich zwischen 100 bis 120 neue Fälle ein. Davon werde allerdings nur ein Bruchteil angeklagt. Die würden laut Mailänder aber auch schwieriger, die Kriminalität internationaler durch Internetkriminalität oder reisende Täterbanden. Was viele nicht wüssten: Staatsanwälte verhandeln vor Gericht in der Regel Fälle, bei denen sie zuvor gar nicht im Ermittlungsverfahren beteiligt waren. Das wahre die Objektivität und mache den Beruf gleichzeitig „spannend und abwechslungsreich“. Manchmal könne es vorkommen, dass das, was in der Akte steht, nicht im Einklang steht mit dem, was Angeklagte in der Hauptverhandlung sagen. Eine Herausforderung, die auch Spaß mache, sagt Mailänder.

Ob ihr Beruf gefährlich ist, da sie es ja oft mit Schwerstkriminellen zu tun hat? „Mir persönlich ist noch nie etwas passiert. Ich wurde noch nie bedroht.“ Sie wisse allerdings von einigen Kollegen, die diese Erfahrung gemacht hätten. Heute gebe es aber deutlich mehr Sicherheitsvorkehrungen als zu Beginn ihrer Tätigkeit. Damals habe jeder ohne Kontrolle ins Büro der Staatsanwaltschaft laufen können. Mittlerweile gibt es Eingangs- und Taschenkontrollen, Besucher müssen angemeldet und angekündigt werden. Türen und Aufzüge öffnen sich nur mit einem Chip. Jeder Richter hat unter seinem Tisch im Gerichtssaal einen Notfallknopf.

Eine entscheidende Rolle bei Gerichtsverhandlungen spiele die Robe, die Richter und Anwälte tragen. Sie bewirkt nach Ansicht von Mailänder, dass Angeklagte einen gewissen Respekt empfinden. „Dadurch ist man in einer gewissen Position. Man ist in dem Augenblick nicht der Mensch, der Mann oder die Frau. Die Robe ist ein Schutz und etwas Hoheitliches, das der Angeklagte wahrnimmt.“