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Vielschichtiges Bild eines Dorfes

Vielschichtiges Bild eines Dorfes

Eigentlich ist Breitfurt nichts Besonderes, hier eine Gärtnerei, dort ein Gasthaus. Passiert man nach der Linkskurve die Kirche, macht die Hauptstraße, die sich parallel zur Blies durch das Tal Richtung Frankreich schlängelt, noch einmal zwei Kurven nach rechts, wenig später ist das Dorf dann auch schon wieder zu Ende - ein typisches Straßendorf im Bliesgau eben und ein Dorf wie viele

Eigentlich ist Breitfurt nichts Besonderes, hier eine Gärtnerei, dort ein Gasthaus. Passiert man nach der Linkskurve die Kirche, macht die Hauptstraße, die sich parallel zur Blies durch das Tal Richtung Frankreich schlängelt, noch einmal zwei Kurven nach rechts, wenig später ist das Dorf dann auch schon wieder zu Ende - ein typisches Straßendorf im Bliesgau eben und ein Dorf wie viele."Ein Mikrokosmos", sagt dagegen Frank Glade und untermauert seine Aussage mit einer Vielzahl von Fotos. Auf über 300 Bildern hat Glade in den vergangenen drei Jahren Bewohner von Breitfurt porträtiert und damit eine Reichhaltigkeit dokumentiert, die man eher in einer Großstadt vermuten würde, nicht in einem Dorf mit rund 1000 Einwohnern. "Ich hätte nie gedacht, dass diese kleine Dorf im Bliesgau so vielfältig ist", sagt Glade rückblickend.

Frank Glade (46) ist kein Fotograf, aber er fotografiert leidenschaftlich gerne. Eigentlich ist er Pfarrer und teilt sich mit seiner Frau Clara die Pfarrstelle in Breitfurt. Mit seinem Projekt, das Leben der Breitfurter Bürger auf Bildern festzuhalten, ist es ihm gelungen, Beruf und Leidenschaft perfekt zu verknüpfen. Denn auch wenn er mit den Bildern auf der einen Seite seinem Hobby nachgeht, ist es doch auch aktive Gemeindearbeit.

Die Idee zu dem Projekt, das im März in einer einwöchigen Ausstellung in der Breitfurter Kirche gipfelt, hatte Glade schon vor vielen Jahren. "Eine Fotografin bei Münster hatte etwas ähnliches gemacht, und die Bilder dann in einem Buch veröffentlicht", erzählt er.

Glade hätte am liebsten schon vor sechseinhalb Jahren angefangen, als er mit seiner Frau die Stelle im Bliesgau übernommen hat. "Damals wäre es aber zu früh gewesen, wir waren noch nicht ausreichend angekommen", sagt er heute. Stattdessen hat er gewartet, bis sie als Mitglieder des Dorfes angenommen waren.

"So lebt bald niemand mehr"

Den Startimpuls brachte dann der Besuch bei einer Frau aus der Gemeinde, die an ihrem alten gusseisernen Küchenherd einen Eintopf kochte. "Das wollte ich unbedingt fotografieren, weil es einfach ein geschichtliches Zeugnis ist. So lebt ja schon bald niemand mehr", erinnert sich Glade.

Innerhalb der vergangenen drei Jahre gab es dann kaum eine Woche, in der Glade seiner Sammlung nicht mindestens ein Foto zufügte. Anfangs versuchte er, systematisch vorzugehen und straßenweise die Häuser abzuarbeiten - "wir haben aber schnell gemerkt, dass das nicht geht", sagt Clara Glade. Stattdessen hat das Projekt eine eigene Dynamik entwickelt. Jedes Foto, das entstanden war und dann einen Platz in den verschiedenen Wohnzimmern fand, war auch eine Werbung für die Idee. Und Glade stieß immer häufiger auf offene Türen: "Der Fotoapparat ist ein Schlüssel zu Menschen geworden, die mich nicht kannten und die ich vorher auch nicht kannte." Er habe in den vergangenen drei Jahren unendlich viel Neues gelernt: Wie Schnaps gebrannt wird, wie man Tauben züchtet oder wie man einen LKW fährt.

Aktive Gemeindearbeit

Und so ist für ihn die Fotografie auch aktive Gemeindearbeit. Denn sie bringt ihn in Kontakt mit Menschen, die sonst dem Thema Kirche eher zurückhaltend gegenüberstehen. Da die Porträts zum größten Teil keine Schnappschüsse sind, sondern vielmehr die Menschen so darstellen sollen, wie sie wirklich sind, ist jede Aufnahme mit intensiven Gesprächen verbunden. Gespräche, die letztlich auch einen Kontakt über den Fototermin hinweg herstellen. "Die wissen, dass der Pfarrer in Ordnung ist", sagt Glade, der, wie er selber sagt, liebend gerne Dorfpfarrer ist. In Zeiten zunehmender Kirchenaustritte ist das schon viel wert.

Eigentlich sei er eher etwas zurückhaltend, sagt Glade. Das Klinkenputzen, das mit dem Projekt einhergehe, falle ihm daher auch besonders schwer. Beim Fotografieren falle diese Zurückhaltung aber vollkommen ab. Dann konzentriere er sich vollkommen auf die Person, die Bildkomposition und die Frage, wie er sein Gegenüber so auflockert, dass das Bild die entsprechende Natürlichkeit bekommt. "Dass Glade ein feines Gespür für sein Gegenüber hat, ist offensichtlich - die Fotos sind 300facher Beweis dafür.

Nicht immer allerdings ist er mit dem Ergebnis zufrieden. "Manchmal würde ich gerne noch einmal einen zweiten Termin vereinbaren, weil den Bilder einfach die Ausstrahlung fehlt", sagt er. Das allerdings sei sehr schwierig, wenn er dann zu hören bekäme, dass die Fotos doch "so schön" seien.

Viele kleine Geschichten

Jedes der Fotos, die Glade auf seinem Rechner archiviert hat, erzählt eine Geschichte. Beispielsweise von dem 16jährigen, der sich seinen eigenen Traktor restauriert hat und dem auf dem Foto die Freude anzusehen ist, dass er diesen nun auch fahren darf. Oder dem alten Ehepaar, das sich nach vielen Jahren Ehe immer noch glücklich anlächeln kann. Glade kann witzige und rührende Geschichten zu den Fotos erzählen. Wie er zum Beispiel einem alten Mann auf dessen Wunsch für das Foto ein Hemd angezogen hat, das noch dessen gestorbene Frau gebügelt hatte. Oder wie er, mit der Kamera auf dem Boden liegend, seinen Schuh ausgezogen und in die Luft geworfen hat, damit die drei Hunde, die unbedingt mit aufs Bild sollten, auch in die Kamera guckten.

Wäre er nicht Pfarrer, dann wäre er am liebsten Fotograf geworden, sagt Glade. Schon nach dem Abitur hat ihn der Virus gepackt. Damals hatte er sich eine Minolta X-700 gekauft "damals mit der Programmautomatik eine echte Revolution". Mittlerweile fotografiert er mit einer professionellen Spiegelreflexkamera. Seitdem sei er kaum noch ohne Kamera unterwegs, sagt er. Auch jetzt seien einige Bilder seiner Sammlung als Schnappschuss auf einem Spaziergang oder auf Dorffesten entstanden - einfach weil Licht und Situation stimmten.

Im März wird das Ehepaar Glade eine Woche lang die Kirche abends für vier Stunden öffnen und dann mit einem Beamer die Bilder auf einer Leinwand - begleitet von meditativer Musik - zeigen. Eigentlich wäre das Projekt damit beendet, doch Glade denkt bereits über eine Fortsetzung nach. So gehört beispielsweise auch noch das Dorf Böckweiler zur Gemeinde. Und das hat noch einmal ein paar hundert Einwohner. "Ich hätte nie gedacht, dass diese kleine Dorf im Bliesgau

so vielfältig ist"

Frank Glade