Wildunfall: Totgefahrene Rotte stinkt zum Himmel

Wildunfall : Totgefahrene Rotte stinkt zum Himmel

Ende März hat ein Zug sieben Schwarzkittel erfasst und getötet. Vier Wochen später liegen die Kadaver noch immer dort.

„Die toten Tiere liegen immer noch dort. Ein Kadaver ist inzwischen so aufgebläht, dass er kurz vorm Platzen steht. Und die anderen krabbeln bald davon. In denen ist wieder Leben.“ Damit spielt er auf Fliegen an, deren Nachkommen sich massenhaft an den Kadavern mästen. Andreas Hasmann ist in den vergangenen Wochen zum Zyniker geworden. Weil offenbar niemand für sein Problem zuständig ist und er sich fühlt wie Don Quichotte. Hasmanns Gegner sind allerdings keine als Riesen daherkommende Windmühlen. Vielmehr muss sich der Jäger mit Behörden und einem Unternehmen herumschlagen, das zu 100 Prozent dem Bund gehört: der Deutschen Bahn.

Ihren Anfang – oder aus Sicht der Wildschweine ihren Schlusspunkt – findet die Geschichte bereits Ende März. „Da bekam ich von einem befreundeten Jagdpächter, dessen Revier an meins in Namborn-Heisterberg grenzt, den Hinweis, dass auf der Bahnlinie, die durch mein Revier führt, ein Zug in eine Rotte Wildschweine gefahren ist. Die Tiere würden dort liegen“, berichtet Hasmann. Der Jagdpächter konnte das zunächst nicht glauben. Denn laut saarländischem Jagdgesetz muss er vom Verursacher informiert werden, wenn in seinem Revier Schalenwild bei einem Unfall zu Tode kommt – in dem Fall von der Bahn. Das sei aber nicht geschehen. Also schnürt Hasmann seine Stiefel und macht sich auf den Weg zur benannten Stelle. Was der Waidmann dort sieht – rund zehn Meter von einem Feldweg und ein paar Meter mehr von einem Naherholungsgebiet mit Wochenend-Häuschen entfernt –, verschlägt ihm zunächst die Sprache.

Sechs oder sieben tote Tiere, ganz genau kann Hasmann es aufgrund des Zustandes nicht erkennen, liegen entlang der Gleise sowie auf beziehungsweise am Fuß des Bahndamms. „Teilweise sogar in einem Bachlauf drin“, berichtet er. Dass jemand von der Bahn bereits vor Hasmann am Unglücksort gewesen sein muss, ist an Farbmarkierungen erkennbar, die den toten Tieren aufs Fell gesprüht wurde.

Nun hat Hasmann zwar ein sogenanntes Aneignungsrecht für Wild, das in seinem Revier tödlich verunglückt. Und wenn auf einer Straße ein Tier überfahren werde, kümmere er sich auch um die Beseitigung. „Aber ich bin nicht in der Lage, sieben Wildschweine über die Schienen zu bergen und zu entsorgen. Wo soll ich denn mit Hunderten Kilo Fleisch hin?“, fragt er. Zumal das Betreten von Bahnanlagen nur autorisierten Personen gestattet ist. Darauf weist ihn auch die beim Landkreis angesiedelte Untere Jagdbehörde hin. An die hat er sich gewandt, nachdem die Polizei ihm nicht weiterhelfen konnte. Die hatte er eingeschaltet, „weil ich wissen wollte, ob denen ein solcher Wildunfall gemeldet worden war.“ War er nicht.

Wie Hasmann schildert, habe der Polizist nach einem Gespräch mit dem zuständigen Fahrdienstleiter jedoch bestätigen können, dass an jener Stelle ein Zug mit Wildschweinen kollidiert war – was Hasmann aber bereits herausgefunden hatte. Mehr könne er momentan nicht tun, habe der Polizist gesagt.

Bei der Unteren Jagdbehörde heißt es, dass der geschilderte Sachverhalt nicht in deren Zuständigkeitsbereich falle. Es sei „die Aufgabe des Bahnbetreibers, die verunfallten Tiere zu entsorgen. Wenn Sie diesbezüglich allerdings Rechtssicherheit haben wollen, müssen Sie sich eines Rechtsbeistandes bedienen“, schreibt eine Mitarbeiterin per E-Mail. Was tierseuchenrechtliche Fragen angehe, sei das Veterinäramt behilflich. Hasmann fürchtet nämlich, dass die getöteten Schweine mit der für Hunde tödlichen Aujetzkischen Krankheit infiziert sein könnten. Schließlich wendet der Jäger sich – die Kadaver liegen noch immer an der Gleisanlage und auch ein Anruf bei der Bahn hat nichts gebracht – an die Oberste Jagdbehörde. Die ist beim Umweltministerium in Saarbrücken angesiedelt. Die Reaktion? Laut Hasmann keine.

Nachdem Sabine Schorr, Sprecherin des Umweltministeriums, auf SZ-Nachfrage erläutert, wer wann und wo für die Beseitigung von tödlich verunfallten Wildtieren zuständig ist, erklärt sie: „Bei verunglücktem Wild gibt es nicht unbedingt eine Pflicht, es zu beseitigen. Es sei denn, die Sicherheit oder die Ordnung werden tangiert.“ Ist das hier der Fall? Gerade hinsichtlich der Vielzahl der zu Tode gekommenen Tiere, des nahen Feldwegs und der Wochenendhäuschen unweit der Unglücksstelle. Hierzu erklärt Schorr, dass ja kein Seuchenverdacht vorliege – obwohl nach Ministeriumsangaben den Tieren keine Proben entnommen und an das Landesamt für Verbraucherschutz gesandt wurden, wie das eigentlich vorgesehen ist. Schorr sagt: „Im Saarland können wir definitiv ausschließen, dass Schweine mit der Aujetzkischen Krankheit infiziert sind. In allen bislang untersuchten Fällen in allen Landesteilen gab es noch keinen einzigen Fall einer Infektion.“ Es sei schlicht unrealistisch, dass nun genau diese verunglückten Jung-Keiler betroffen sein sollten.

Bliebe noch der Verwesungsgestank. Dazu sagt Schorr: „Bei Geruchsbelästigung oder wenn Menschen denken, das sei ungesund oder es könnten Hunde oder neugierige Kinder an die Kadaver gehen, dann müssen sie die Polizei oder die Ortspolizeibehörde informieren.“ Die Oberste Jagdbehörde habe jedenfalls keine Zuständigkeit, eben weil kein Seuchenverdacht vorliege. Einwirken auf die Bahn, dass die Tiere beseitigt werden, könne das Ministerium ebenfalls nicht: „Das gibt das Jagdrecht nicht her.“

Eine Bahnsprecherin räumt indes ein, dass der Jagdpächter tatsächlich nicht in Kenntnis gesetzt worden sei. „Das hätten wir tun sollen, tun müssen.“ Auch bestätigt die Sprecherin, dass Hasmann sich über eine Service-Nummer an einen Mitarbeiter gewandt habe. Doch wie interne Nachforschungen ergeben hätten, habe dieser das Anliegen des Jägers nicht an die richtige Stelle weitergeleitet. Die Sprecherin versichert: „Der bei uns zuständige Mitarbeiter für solche Fälle wird sich das ganze vor Ort selbst anschauen und sehen, was man nun noch machen kann.“ Also ob die Kadaver noch beseitigt werden können. Zudem wolle er mit dem Jäger, dessen Wut nachvollziehbar sei, Kontakt aufnehmen. Denn die Bahn sei grundsätzlich an einer guten Zusammenarbeit mit Jagdpächtern interessiert, sagte die Sprecherin Anfang der Woche. Bis gestern hatte sich der Mitarbeiter noch nicht bei Hasmann gemeldet. Und die Tierkadaver lagen noch an der Unglücksstelle.

Ärger wegen tote Wildschweine in Namborn-Heisterberg. Foto: Andreas Hasmann. Foto: Andreas Hasmann
Ärger wegen totgefahrener Wildschweine in Namborn-Heisterberg. Foto: google-maps. Foto: google maps

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