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Schnittkurs: „Wer gutes Obst ernten will, muss schneiden“

Schnittkurs : „Wer gutes Obst ernten will, muss schneiden“

Ganz speziell für Frauen hat der Kreisverband der Obst- und Gartenbauvereine einen Baum-Schnittkurs organisiert.

. Obstbäume schneiden ist eine Wissenschaft für sich, aber keine Männersache. Diesen Beweis traten jetzt 20 Teilnehmerinnen in einem Baum-Schnittkurs an. Unter dem Motto „Frauen-Direkt-Aktiv“ hatte der Kreisverband der Obst- und Gartenbauvereine St. Wendel zu einem Kurs speziell für Frauen eingeladen. Und die kamen gut vorbereitet – mit reichlich professionell anmutendem Gartenwerkzeug – zum Treffpunkt an der Streuobstwiese rund um das Kelterhaus des Obst- und Gartenbauvereins in Theley. Noch ehe Kursleiter und Diplom-Biologe Michael Keller den ersten Schnitt ansetzte, hatte er einige Tipps parat.

Gibt es eigentlich Unterschiede zwischen Frauen- und Männerkurs? „Frauen fragen in der Regel mehr nach als die Männer und sie machen sich viele Notizen“, bemerkte Dieter Sträßer, der Vorsitzende des Theleyer Gartenbauvereins. So war es auch in Theley. Die Kursteilnehmerinnen löcherten ihren Referenten mit Fragen, hakten nach, tauschten ihre Schnitterfahrungen aus und machten sich eifrig Notizen. Auch Elaine Neumann, die Generationenbeauftragte der Gemeinde Tholey, wollte wissen, wie man richtig schneidet. Auf sie warten etwa 20 Obstbäume im elterlichen Garten. „Früher hat mein Papa die Bäume geschnitten. Jetzt schafft er das nicht mehr und der letzte Schnitt liegt schon ein paar Jahre zurück“, berichtete die junge Frau. Von ihrem Vater habe sie sich zwar einiges abgeguckt, möchte aber im Bauschnittkurs ihr Wissen auffrischen und erweitern. Mit den anderen Teilnehmerinnen rückte sie Michael Keller auf die Pelle, als er in dem Geäst eines halbhohen Obstbäumchens verschwand, um zu demonstrieren, an welcher Stelle der Schnitt angesetzt werden muss. Baumpflege sei wie die Erziehung von Kindern: „Wenn ich einen Obstbaum pflanze und ihn gehen lasse, macht er, was er will. Sein ganzes Potential geht verloren, wenn ich in die Erziehung nicht frühzeitig eingreife. Auch ein Baum durchlebt Entwicklungsphasen wie Kindheit und Pubertät.“

Im Wochenendgrundstück von Anne Sauber aus Marpingen müssen dringend weitere Erziehungsmaßnahmen vorgenommen werden. „Dort stehen recht alte und hohe Bäume wie Kirsche und Mirabelle, die bestimmt seit 15 Jahren nicht mehr geschnitten wurden. Das sind wahre Monsterbäume“, berichtete sie. Sie und ihr Ehemann wollen den Baumschnitt jetzt richtig angehen. „Im Baumschnittkurs will ich mich erst schlau machen und werde dann gleich nächste Woche loslegen“, verriet Anne Sauber.

„Wer gutes Obst ernten möchte, muss schneiden“ lautet Kellers Faustregel. Für Inge Birtel war das nichts Neues. Als Mitglied des Obst- und Gartenbauvereins Primstal hatte sie ihren ersten Baumschnittkurs bereits 1984 belegt. In ihrem Garten wachsen unzählige Obstbäume, die früher ihr Ehemann geschnitten habe. „Es ist heute schwer, jemanden zu finden, der sich im richtigen Obstbaumschnitt auskennt“, weiß die Hobbygärtnerin.

Diplom-Biologe Keller erklärte auch, warum bei zu großem Fruchtansatz im Juni die Obstbäume ausgedünnt werden müssen. „Der Baum wirft zwar mit dem sogenannten Junifruchtfall auch selbst einige Früchte ab. Es bleiben aber meist noch zu viele hängen. Diese Früchte reifen schlecht aus und besitzen nur wenig gehaltvolle Inhaltsstoffe. Zudem würde die Alternanz der Bäume gefördert: im Folgejahr gäbe es dann also kaum Obst“, so Gartenfachmann Keller. Alternanz bezeichne den Wechsel von Ausfall-und Ertragsjahr bei Obstbäumen. Greife man bei einem Fruchtüberbehang nicht technisch nicht ein, könne es im Folgejahr zu einem Ertagsausfall kommen.

Michael Keller demonstrierte an einem kleinen Apfelbäumchen, wie man nach dem Abknipsen der überschüssigen Früchte im gleichen Arbeitsgang den sogenannten Juni- oder Sommerriss vornehmen kann. „Unnötige Äste, die sogenannten Wasserschosse, werden durch Reißen entfernt. Diese Wasserschosse sind steil gewachsene Langtrieb, die dem Baum unnötig Energie entziehen“, erklärte  Keller. Das Reißen habe den Vorteil gegenüber dem Schneiden, dass auch die „schlafenden Augen“ entfernt und so ein übermäßiger Neuaustrieb im nächsten Jahr unterbunden würde.

Referent Michael Keller war zufrieden mit dem Engagement seiner Kursteilnehmerinnen: „Die Damen waren hochinteressiert. Aus ihren Fragen hörte ich heraus, dass sie sich intensiv mit ihren Obstbäumen beschäftigen. Bei der Baumkontrolle werden wir im Landkreis von vielen Frauen unterstützt, die einfach anders auf die Dinge schauen und andere Themen im Kopf haben.“ 40 Frauen hatten sich zu dem Kurs angemeldet. Das waren für einen Termin zu viele, weswegen Michael Keller demnächst für die  auf der Warteliste stehenden Teilnehmerinnen einen zweiten Baum-Schnittkurs organisiert.