Vortrag im Rathaus Tholey über Saarländer im brasilianischen Urwald

Es waren Hundertausende : So lebt es sich im brasilianischen Urwald

Vortrag in Tholey beleuchtete die Geschichte von Saarländern, die vor Jahrzehnten nach Südamerika auswanderten.

Einblicke in das Leben der saarländischen Auswanderer nach Brasilien im 19. Jahrhundert gewährte kürzlich Felipe Kuhn Braun in seinem Vortrag „Saarländer im brasilianischen Urwald“. Dass das Thema die Tholeyer interessiert, bewies der große Andrang. Der Saal im Tholeyer Rathaus war mit etwa 90 Besuchern gänzlich gefüllt. Zu dem Vortrag geladen hatten die Gemeinde Tholey und der Deutsch-Brasilianische Freundeskreis „Saarland – Rio Grande do Sul“. Tholeys Bürgermeister Hermann Josef Schmidt (CDU) machte im Publikum schnell einige Pilger aus, die regelmäßig mit Vertretern der Gemeinde bei Reisen nach Brasilien die Spuren der Vorfahren erkunden. „Das ist Gänsehaut pur, wenn wir in unsere Partnergemeinde Alto Feliz kommen und das vertraute Plattdeutsch hören. Und wir werden jedes Mal mit einer unglaublichen Gastfreundschaft empfangen“, bemerkte der Bürgermeister.

Auch Referent Kuhn Braun beschäftigt sich intensiv mit seinen Vorfahren. Er besucht regelmäßig das Saarland, um die Spuren seiner Vorfahren zu erkunden. Der Buchautor lebt in der Stadt Novo Hamburgo im südlichsten brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul. Seine genealogischen und historischen Recherchen zur Auswanderung von Saarländern in sein Heimatland hat er in mittlerweile 19 Büchern aufgearbeitet.

Auf seinem jüngsten „Heimaturlaub“ informierte er in Tholey, Nohfelden und St. Wendel über seine Studien. Alle drei Kommunen sind mit brasilianischen Gemeinden partnerschaftlich verbunden: Tholeys Partnergemeinde ist Alto Feliz, Nohfelden hat sich mit Feliz zusammengetan und St. Wendel mit Sao Vendelino, von Auswanderern in Anlehnung an die alte Heimat benannt. Im Tholeyer Rathaussaal sprach Kuhn Braun vor allem über die Städte Porto Alegre (Rio Grande do Sul) und Sao Leopoldo (Rio dos Sinos). Er erzählte von den vielen Nachkommen der deutschen Einwanderer. Mit Landkarten und historischen Fotos ergänzte er seine Ausführungen und gewährte einen Einblick in das Leben der Auswanderer. „Meine Studien habe ich mit 14 Jahren begonnen, als ich eine Kiste mit vielen alten Familienbildern bekam. Über Erzählungen meiner Familie habe ich von der Geschichte der Einwanderer erfahren“, verriet der 32-jährige Referent. Mittlerweile habe er in seiner 18-jährigen Forschung Bilder von 710 Familien zusammengetragen. Seine Sammlung umfasst eigenen Angaben zufolge ungefähr 40 000 Fotos.

„Etwa 300 000 Deutsche sind im Lauf des 19. Jahrhunderts ausgewandert. Die Auswanderer kamen unter anderem aus Ostpreußen und Nordrhein-Westfalen. 60 Prozent waren aber Auswanderer aus dem Hunsrück und dem Saarland“, wusste Kuhn Braun zu erzählen.

Eine Schiffsreise nach Südamerika habe damals drei Monate gedauert. Über die Sichtung von Traueranzeigen hat der Referent zahlreiche Familien ausfindig gemacht, deren Ursprünge in Tholey liegen. Anhand von Zahlen veranschaulichte er, wie sich die Familien in ihrer neuen Heimat in Brasilien verbreitet hatten. Kuhn Braun: „Eine Familie Lauck war 1827 mit acht Kindern ausgewandert. Überliefert sind 56 Enkel, 330 Urenkel und sage und schreibe 1100 Ururenkel.“

Eine Besonderheit sei, dass der Dialekt der Auswanderer aus dem Saarland und aus dem Hunsrück bis heute in den brasilianischen Gemeinden lebendig sei und mitunter zu Kommunikationsschwierigkeiten führe. „Meine Großeltern haben zu Hause immer nur Plattdeutsch gesprochen. Als meine Urgroßmutter 1995 verstarb, konnte sie kein Wort Portugiesisch sprechen“, erinnerte sich Kuhn Braun. Diese sprachliche Besonderheit wird von vielen Zeitzeugen und Nachfahren bestätigt, so auch von Ursula Christina Lenz.

Lenz verfolgte mit großem Interesse den Vortrag im Tholeyer Rathaus. Die Brasilianerin kam 1991 für eine Ausbildung nach Deutschland und lebt seit 2005 in Marpingen. „Meine Großeltern stammten aus Hannover und sind damals auch ausgewandert. Wenn ich als Kind meine Oma auf Portugiesisch ansprach, erhielt ich von ihr keine Antwort. Obwohl sie mich verstand, tat sie so, als ob sie kein Wort verstanden hätte. Nur wenn ich Deutsch mit ihr sprach, redete sie mit mir“, erinnerte sie sich. Bis zum Eintritt in die Grundschule habe sie in ihrer brasilianischen Heimat nur Deutsch gesprochen. Die Sprache habe sie in den Ferien bei den Großeltern gelernt. Heute gebe es in den Schulen Projekte, um den Jugendlichen die deutsche Sprache beizubringen.

Abschließend gab der Referent gemeinsam mit Klaus Lauck, dem Vorsitzenden des Deutsch-Brasilianischen Freundeskreises Saar, einen Ausblick auf die bevorstehende 200-Jahresfeier 2024 zum Gedenken an die erste deutsche Einwanderungsgruppe. Diese traf am 25. Juni 1824 am Rio dos Sinos in der Stadt Sao Leopoldo ein. „Viele Leute sind schon heute mit der Organisation von Familientreffen beschäftigt. In etwa 40 Städten wird es wohl Feierlichkeiten geben“, erklärte Kuhn Braun. „Mit unserem deutsch-brasilianischen Freundeskreis werden wir die Jahresfeier begleiten“, ergänzte Lauck.

Er präsentierte nach dem Vortrag einen 20-minütigen Film, der Alltagsszenen zeigt, in denen Ältere in ihrem plattdeutschen Dialekt aus ihrem Leben berichten. Unterbrochen werden die Szenen immer wieder durch Einspielungen mit ihren Enkeln, die offenherzig über die sprachlichen Barrieren mit den dialektsprechenden Großeltern reden. „Eigentlich fühle ich mich mehr deutsch als brasilianisch, weil meine Oma daheim immer Deutsch gesprochen hat“, schildert etwa ein Jugendlicher.

Nach dem offiziellen Programm nutzten viele Besucher die Gelegenheit, untereinander und mit dem Referenten über ihre Verbindungen nach Brasilien zu plaudern. So auch Mathilde Ludwig aus Theley. Die 90-Jährige ist eine Art Schlüsselfigur im saarländisch-brasilianischen Austausch. Jahrzehntelang beherbergte sie zu Hause in ihrer „Casa do Brasil“ Gäste aus Brasilien. „Ein Teil unserer Familie wanderte damals auch nach Brasilien aus. Die ersten Gäste kamen ab 1956, darunter unser Verwandter Arcadio Schwade. Wie viele seither da waren, kann man nicht nachvollziehen. Aber es gibt acht Gästebücher“, berichtet Herbert Ludwig. Seine Mutter Mathilde habe Anfang der 1950er-Jahre Kontakt zu den Verwandten in der Ferne aufgenommen, und so sei der Stein für einen regen Austausch ins Rollen gekommen.