Dichter Johannes Kühn: „So suche ich mein Glück im Gedicht“

Dichter Johannes Kühn : „So suche ich mein Glück im Gedicht“

Der Hasborner Dichter Johannes Kühn verfasst täglich neue Verse. Anfang Februar wurde er 85 Jahre alt. Sein Heimatort feierte mit ihm.

Der koffeinfreie Kaffee in der Tasse dampft noch, auf dem Tisch liegen verschiedene Blätter, es wird gelesen, geschwiegen und diskutiert. So sitzen Lyriker Johannes Kühn und sein Freund Benno Rech häufig im Gasthaus Huth in Hasborn-Dautweiler zusammen. An dem Tisch am Fenster hat der 85-jährige Dichter seinen Stammplatz, und hier kam ihm schon so manche Zeile in den Sinn. „Ich schreibe zu Hause oder in der Wirtschaft. Ich bin dann in einer Art von Fieber. Die Worte fließen einfach aufs Papier.“ Zunächst schreibt Kühn alles von Hand auf. Den Titel habe er als erstes, dann folge der Rest. Wie aus einem Guss. „Er bosselt nicht an Gedichten herum“, sagt Rech. Vor ihm liegen drei neue Schöpfungen Kühns. Ein typisches Tageswerk des Poeten. Über dem Papier, auf dem Kühn per Hand seine Verse aufnotiert hat, ist fein säuberlich ein zweites Blatt fixiert. Es ist das gleiche Gedicht, doch dieses Mal hat eine Schreibmaschine akkurat die Buchstaben aufs Papier gedruckt. „Ich bin auf die Schreibmaschine gut zu sprechen“, begründet Johannes Kühn schmunzelnd seine Wahl.

Die Treffen der beiden Jugendfreunde dienen dazu, die besten Gedichte auszuwählen. „Wenn wir arbeiten, sind wir in der Regel zu dritt“, erklärt Benno Rech. An diesem Vormittag fehlt seine Frau Irmgard. „Johannes ist der Chef und meine Frau und ich die Dichterknechte“, benennt er lächelnd die Rollenverteilung.

Die beiden Männer saßen schon als Jugendliche so zusammen. Während der gemeinsamen Schulzeit im Internat des Missionshauses habe Kühn ihm seine Gedichte vorgelesen, erinnert sich Rech zurück. Und dann haben die beiden Jungen darüber gesprochen. Für zwei Bergmannskinder sei es damals eher ungewöhnlich gewesen, ein Gymnasium zu besuchen. Das Missionshaus sei eine große Chance für sie gewesen. Auf dem Heiligen Berg in St. Wendel war es auch, wo die bis heute währende Freundschaft begann.

Johannes Kühn erinnert sich noch genau an seine ersten Zeilen. „Ich habe über das Glockengeläut im Dorf geschrieben.“ „Sonntagsglocken“ lautete der Titel. „Ich habe zu schreiben angefangen und nie mehr aufgehört.“ So einfach beschreibt Johannes Kühn seine Dichterkarriere.

Von Kritikern, Verlegern, Übersetzern wird er in Deutschland und weit darüber hinaus als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker der Gegenwart gefeiert. Seine Gedichte wurden ins Französische, Spanische und gar ins Japanische übersetzt, er selbst mit zahlreichen Literaturpreisen bedacht. „Das weiß der Hasborner Bürger nicht“, sagt Kühn. „Sie sagen sich vielmehr: Er ist ein Komet aus der Heimat und der leuchtet ein bisschen.“

Ihren Dichter-Stern feierten die Menschen in Hasborn-Dautweiler am vergangenen Sonntag in der Kulturhalle. Der Lyriker wurde nämlich 85 Jahre alt. Einmal am Vormittag und einmal am Nachmittag lasen sie Gedichte vor.

1984 hatte der Dichter mit der Veröffentlichung des Gedichtbands „Salzgeschmack“ den ersten zahlenmäßigen Erfolg. „Es wurde 5000 mal verkauft“, sagt Rech. Das sei keine schlechte Zahl für ein Lyrik-Werk. Den richtigen Durchbruch für Johannes Kühn aber brachte „Ich Winkelgast“ 1989. „Da kamen gleich die ersten Besprechungen“, erinnert sich Rech. Viel bedeutender aber sei der Verlag gewesen, in dem das Buch erschien: der Hanser Verlag in München.

Durch die Veröffentlichung in diesem „renommierten“ Verlag, wie Rech sagt, seien auch Übersetzer auf die Verse aufmerksam geworden. Wobei gerade der Begriff Winkelgast zur Herausforderung für die geübten Literaten wurde. Benno Rech, der selbst seit 51 Jahren eine theologische Zeitschrift herausbringt, erinnert sich daran, dass 30 Übersetzer einige Tage zusammensaßen und darüber philosophierten, wie Winkelgast nun am besten zu übersetzen sei.

Der Hasborner Dichter war auf Lese-Reisen unterwegs. Auch hier immer an seiner Seite: Irmgard und Benno Rech. Einmal ging es für das Trio nach Mexiko. Der Nobelpreisträger Vargas Llosa wünschte sich Johannes Kühn 2002 als Partner für eine gemeinsame Lesung auf dem Literatur-Weltkongress in Tampico. „Ich bin ein Fußball-Fan“, sagt Rech. Daher habe er sich die Übertragung eines Spiels angeschaut. „Plötzlich wurde die Übertragung unterbrochen und ein Sprecher kündigte an, dass der deutsche Dichter Johannes Kühn zu Gast ist und auf dem Literatur-Weltkongress liest.“ Weitere Termine in dem südamerikanischen Land organisierte Bernd Scherer, der heutige Intendant des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin, der damals die Goethe-Institute in Mexiko leitete.

Oft und gerne las Johannes Kühn seine Werke vor Schülern. „Er war mal Abiturdichter“, erinnert sein Freund und ehemaliger Lehrer Benno Rech. Damals hätten sich so viele Schüler wie nie zuvor für die Gedichtinterpretation entschieden.

Doch generell hat es die Lyrik schwer – in Konkurrenz zu Romanen oder besonders Krimis. „Eine Generalerhebung hat ergeben, dass sich nur zwei Prozent der Leser für Gedichte interessieren“, sagt Kühn. Er selbst habe früher viel gelesen, heute nicht mehr, weil die Schrift zu klein für ihn sei. „Das Alltägliche für mich sind Blatt, Papier und Stift, und so suche ich mein Glück im Gedicht.“

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