Seit zehn Jahren Hüter der regionalen Sprachen Keine dunklen Wolken am Dichterhimmel

Seit zehn Jahren Hüter der regionalen Sprachen Keine dunklen Wolken am Dichterhimmel

Theley. An einem der letzten schönen Spätsommertage trafen sich die Mundartautoren der Bosener Gruppe in der Johann-Adams-Mühle in Theley. Das zehnjährige Bestehen der Gruppe wurde an dem idyllischen Ort mit einer gemeinsamen Lesung gefeiert. Es war eine gelungene Veranstaltung

Theley. An einem der letzten schönen Spätsommertage trafen sich die Mundartautoren der Bosener Gruppe in der Johann-Adams-Mühle in Theley. Das zehnjährige Bestehen der Gruppe wurde an dem idyllischen Ort mit einer gemeinsamen Lesung gefeiert. Es war eine gelungene Veranstaltung. Die Gruppe entstand in der Folge des SR-Mundart-Symposiums und hat sich zwischenzeitlich zur größten Mundartautoren-Vereinigung im Südwesten Deutschlands entwickelt. 28 Mundartschriftsteller aus dem Saarland und umliegenden Gebieten gehören inzwischen zu dieser literarischen Vereinigung. Ursprünglich war das Mundart-Kolloquium als lockerer Zusammenschluss von Mundartschreibenden der rhein- und moselfränkischen Regionalsprachen gedacht. Einer der bedeutendsten Dichter Deutschlands, Johannes Kühn (Foto: SZ) aus Hasborn, gehört mit Georg Fox, Heinrich Kraus und Gisela Bell zu den Gründungsmitgliedern der Bosener Gruppe. Deshalb hatte die Bosener Gruppe die Heimat von Johannes Kühn diesmal als Tagungsort ausgewählt. Die Bosener Gruppe juriert den Mundarttext des Monats, hatte bereits mehrfach Lesungen in Berlin in der Saarlandvertretung organisiert und gab zuletzt die Hörbuch-CD "Sprachfarben" heraus. Darauf werden in literarischen Texten und Liedern die unterschiedlichen Regionalsprachen des Saarlandes und der angrenzenden Gebiete präsentiert. Mehrmals im Jahr treffen sich die Mitglieder der Gruppe, um die aktuellen Strömungen und Entwicklungen in der Mundart zu diskutieren.Zehn Jahre Bosener Gruppe. Woher kommt sie, wohin will sie?Karin Klee: Die Bosener Gruppe ist ein Zusammenschluss von Künstlern, die sich zum Ziel gesetzt haben, nicht zuzulassen, dass ihre jeweiligen regionalen Sprachen vom Erdboden verschwinden. Die Gruppe entstand, als einige Menschen aufeinandertrafen, die der Meinung waren, dass man gemeinsam für die Dialektsprache und auch für die Kunst mehr erreichen kann, als jeder noch so begabte Einzelkämpfer. Die Gründerväter und -mütter wollten keinen Verein gründen. Niemand kann sich die Mitgliedschaft zu diesem Kreis durch einen Beitrag "erkaufen", die Gruppe sucht sich in mehrheitlicher Entscheidung ihre Mitglieder aus. Hier ist ein einstimmiges Ja erforderlich. Bei der Entscheidung darüber, ob jemand Mitglied werden kann oder nicht, spielen natürlich fachlichen Qualitäten eine Rolle. Aber als mindestens genauso wichtig erachten wir die rein menschliche Qualität, sich vorrangig eben nicht um sich selber und ums eigene Schaffen, den eigenen Erfolg, zu bemühen, sondern sich für die gemeinsame Sache - uus sprooch - egal wie sie klingt, einzusetzen. Da die Feuerprobe einer ersten gemeinsamen Veranstaltung in der Johann-Adams-Mühle geklappt hat, planen wir künftig weitere solcher Sprachgrenzen überschreitender Auftritte; wann, kann ich im Augenblick nicht sagen; aber es wird diesmal keine zehn Jahre dauern bis dahin! Die Gruppe ist ein Zusammenschluss von Individualisten, wo ist der Zusammenhalt?Klee: Der Zusammenhalt ist erstaunlich groß. Zehn Jahre sind für eine solche Gruppe ganz unterschiedlicher Typen und Persönlichkeiten eine ganze Menge. Natürlich gibt es - wie in jeder gut funktionierenden Partnerschaft - sich widersprechende Meinungen, Empfindlichkeiten, manchmal sogar Kommunikationsstörungen. Da aber einige von uns ein enormes diplomatisches Talent besitzen, was sie auch einsetzen, sind bislang keine dunklen Wolken am Dichterhimmel aufgezogen. Die Altersstruktur der Gruppe liegt nicht gerade im jugendlichen Bereich, fehlt der Nachwuchs? Gibt es oder wird es junge Mundartautoren geben?Klee: Ob der Nachwuchs fehlt, weiß ich nicht. Aus eigener Anschauung aber kann ich sagen, dass es eine gewisse Lebenserfahrung und jede Menge Selbstbewusstsein braucht, um mit literarischen Texten überhaupt, aber dann auch noch solchen in Platt, an die Öffentlichkeit heranzutreten. Ich schätze, wenn jemand so auf die 40 zusteuert, erreicht er ein magisches Alter: Da verschieben sich die Wertvorstellungen. Man fragt sich, wenn man Glück hat, was zählt, was bleibt, was wichtig ist und verzweifelt nicht daran. So erscheint es mir also in Ordnung, wenn man die Ab-30-Jährigen in der Mundartszene als Nachwuchs bezeichnet. Abgesehen davon: Alle unsere Sprachen leben und verändern sich mit uns. Wem es gelingt, seine Sprache anderen zu vermitteln, lässt sie nicht sterben. Und was sein wird, wenn es uns, die Plattschwätzer, nicht mehr gibt? Ich erinnere mal an die Dinosaurier: Ein paar Knochen davon lasssen sich immer finden.

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