Sanierung der Abteikirche in Tholey in vollem Gang

Sanierungsarbeiten an der Abteikirche Tholey : Frühgotisches Gotteshaus putzt sich heraus

Die Benediktinerabtei St. Mauritius ist sukzessive saniert worden. Jetzt laufen die Bauarbeiten an der Kirche. Die Saarbrücker Zeitung hat sich auf der Baustelle umgeschaut.

Es ist fast wie eine Schutzhülle – das Gerüst, das die Abteikirche umgibt. Viel wird aktuell über das Gotteshaus und dessen Nordportal diskutiert. An der Baustelle selbst wird fleißig gearbeitet. Kaum hörbar sind Handwerker auch an diesem Morgen hoch oben an dem Gebäude zu Gange. „Am Tag sind hier in etwa zehn bis 15 Fachleute beschäftigt“,  sagt Peter Berdi. Der Architekt aus Bernkastel-Kues ist regelmäßig vor Ort. Er hat schon viele Projekte an historisch bedeutenden Sakralbauten geleitet. Und doch ist dieses ein besonderes.

Begonnen hat es im Herbst 2017. Nachdem die Abteikirche ihrem Namen entsprechend auch endlich im Besitz des Benediktinerordens St. Mauritius war, sollte das Bauwerk aus dem 13. Jahrhundert saniert werden. „Es waren mehrere Bauabschnitte geplant“, blickt Frater Wendelinus zurück. „Zunächst sollte der Turm saniert werden. Drei, vier weitere Bauphasen sollten folgen.“ Doch nun wird alles in einem Aufwasch erledigt. Stehen Gerüste außen wie innen. Das verdanke das Kloster unter anderem der Unternehmerfamilie Meiser, die das Vorhaben unterstützt.

Architekt Peter Berdi packt vier gut gefüllte Aktenordner auf einen der Tische im Gästehaus St. Lioba. Darin reiht sich Dokumentation an Dokumentation, Foto an Foto. „Erst einmal mussten wir uns einen Überblick über die Schäden am Gebäude verschaffen“, erläutert der Architekt. Alle wurden in einen Katalog aufgenommen, frühere Gutachten studiert. Auch eine Drohne stieg am Gotteshaus auf, um Bilder vom Turm zu liefern. „Doch erst als das Gerüst stand, wurde das Ausmaß der Schäden an den Fassaden deutlich“, erinnert sich Frater Wendelinus, studierter Historiker, zurück. Dazu zählte Fäulnis am Tragwerk des Turms. Experten haben inzwischen alles überarbeitet, neuer Schiefer aufs Dach gedeckt. Somit ist die Spitze des Bauprojektes schon einmal geschafft.

Arbeit gab es auch am Glockenstuhl. Bislang schwangen dort sechs Glocken an einer stählernen Konstruktion. „Es gibt noch zwei historische Glocken aus dem 15. Jahrhundert“, informiert Bruder Wendelinus. Vier stammen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie haben nun ein Holz-Joch  bekommen. „Es gab Korrosionsschäden an den Stahljochen“, erläutert Berdi. Holz sei langlebiger und biete zudem einen besseren Klang.  Der wird künftig mit modernster Technik gesteuert, außerdem wurden die Schallläden verändert. Dadurch soll der Ruf der Glocken angenehmer werden und weithin hörbar sein. Zwei Proben gab es schon. „Zu Weihnachten und zu Ostern konnten die Glocken läuten“, so Bruder Wendelinus.

Welche Mammutaufgabe eine solche Kirchensanierung ist, wird vielleicht am besten beim Thema Außenfassade deutlich. Peter Berdi breitet einen DIN-A-2-Plan aus. Darauf sind all jene Steine markiert und nummeriert, die beschädigt sind. Es dürften um die 3000 sein. Alleine sieben Steinmetze sind seit September täglich an der Baustelle im Einsatz.  In Absprache mit dem Landesdenkmalamt sind verschiedene Sanierungsvarianten ausprobiert worden. Neben dem Austausch der maroden Steine gibt es die Möglichkeit, die Steinoberfläche teilweise zurückzuarbeiten. Das bedeutet, dass ein paar Zentimeter abgetragen werden. „Um besser abwägen zu können, welche Herangehensweise zu favorisieren ist, wurden Musterflächen angelegt“, erläutert Berdi. In Abstimmung mit der Denkmalpflege wird die letztliche Entscheidung für die eine oder andere Variante gefällt.

Die umfangreichen Sanierungsarbeiten bieten die Gelegenheit, „das Bauwerk besser kennen zu lernen“, wie es Frater Wendelinus ausdrückt. So sind in der Abteikirche sieben Renovierungsphasen ablesbar – und zwar durch die Farbgebung. „Die Kirche war ursprünglich farbig gefasst“, erläutert Berdi. Der Grundton war Rot. Mit weißen Fugen wurde die Form von Steinen imitiert.  In einer dritten Phase tauchen gelbe Steine auf. Die barocke Phase war durch die Farbtöne weiß und hellrot geprägt.  Seit Ende des 19. Jahrhunderts gibt es die Steinsichtigkeit, und diese Variante soll auch bleiben. „Dunkel und kalt“ – das sei oft der erste Eindruck gewesen, wenn Besucher die Abteikirche betreten haben, weiß Bruder Wendelinus. Das soll sich künftig ändern, denn der Schmutzfilm, der sich über die Jahre auf die Wände gelegt hat, wird entfernt. Vielleicht wird es eine Stelle geben mit einer Hommage an die frühere Farbgebung.

Mattes Licht fällt aktuell durch die Fenster ins frühgotische Gotteshaus. In deren steinerne Rahmen wurden Schutzverglasungen eingesetzt – als Vorbereitung für die kunstvollen Arbeiten, die bald die Fenster zieren werden. Die Glasmalerei von einst wurde sorgfältig ausgebaut und archiviert. „Die Fenster waren stark sanierungsbedürftig und teils marode, mussten daher ausgebaut werden“, erklärt Berdi. Doch könnten die Fenster  künftig museal genutzt werden. „Es ist wichtig, dass sie erhalten bleiben.“

In einem internationalen Wettbewerb hat die Abtei Tholey nach einem Künstler gesucht, der 34 Fenster gestalten soll. Am Ende fiel die Wahl auf eine Künstlerin: die gebürtige Afghanin Mahbuba Maqsoodi. „Sie war einfach die Beste“, sagt Bruder Wendelinus schlicht als Begründung. Er sei sehr überrascht gewesen, dass die Frage diskutiert worden sei, ob man eine Frau für die Gestaltung der Kirchenfenster engagieren könne. „Gott ist der Schöpfer aller Menschen. Wir machen keine Unterschiede“, entgegnet Abt Mauritius Choriol den Kritikern. Szenen aus dem Testament werden unter anderem Themen der künftigen Fenster sein. Maqsoodi arbeitet figürlich.

Abstrakt hingegen werden die großen Fenster in der Apsis gestaltet. Hier ist der Abtei ein Coup gelungen. „Wir hatten die Absicht, die besten Künstler zu finden und haben geflachst, dass die Nummer eins in der Welt, Gerhard Richter, eigentlich die Fenster gestalten müsste“, erinnert sich Ulrich Meiser zurück. Durch eine göttliche Fügung und die Unterstützung von Organist Bernhard Leonardy sei tatsächlich der Kontakt zu Richter entstanden. „Es wird wohl sein letztes Großwerk sein“, sagt Meiser. Die Entwürfe dazu sind bereits fertig. „Die neuen Fenster werden eine große Wirkung auf die Wahrnehmung der Kirche haben“, ist sich Bruder Wendelinus sicher.

Da mit den Richter-Fenstern wohl auch deutlich mehr Besucher den Weg in die Abteikirche finden werden, sollen der Hauptaltarraum und die Seitenaltäre geschützte Bereiche werden. Ein filigranes Gitter aus Schmiedebronze wird sie vom Kirchenraum trennen. Mehrfach ist Peter Berdi in die Werkstatt gereist, um sicher zu gehen, dass alles passt. „Die Gitter sehen aus, als seien sie aus Messing, werden entsprechend mit Klarlack lackiert“, verrät der Architekt.

Auch an Barrierefreiheit wird bei der Modernisierung der Kirche gedacht. Drei Stufen gilt es für Besucher am Nordportal zu überwinden. Wegen des Gefälles von sechs Prozent wäre eine Rampe zu lang geworden. „Daher wird ein Lift eingebaut, der im Boden versinkt.“

Blick auf den eingerüsteten Turm der Abteikirche. Mit einem Aufzug geht es für die Handwerker in luftige Höhe. Foto. Evelyn Schneider. Foto: Evelyn Schneider
Deutlich sichtbar: die Schäden am Tragwerk des Turmes der Abteikirche in Tholey. Foto: Peter Berdi
Entwurf eines der künftigen Fenster in der Abteikriche. Es zeigt Martha und Maria. Gestaltet hat den Entwurf Künstlerin Mahbuba Maqsoodi. Foto: Mahbuba Maqsoodi
Die Wände im Innern der Abteikriche werden gereinigt. Foto: Peter Berdi
Viel Arbeit für die Steinmetze: Viele Steine an der Fassade sind beschädigt und müssen teils ausgetauscht werden. Foto: Peter Berdi
Die Fensterrahmen wurden so wie hier komplett erneuert. Foto: Peter Berdi

Es ist noch viel zu tun, muss noch so manche Hürde genommen werden, ehe die Abteikirche ihre Schutzhülle abwerfen und in neuem Glanz erstrahlen kann. Ein genaues Datum, wann die Wiedereröffnung gefeiert werden kann, ist noch nicht bekannt.

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