Organspende: Mutter will Sohn ein drittes Leben schenken

Organspende : Mutter will Sohn ein drittes Leben schenken

Jannik Emerling lebt zurzeit mit einer Spenderniere. Bald benötigt er wieder ein neues Organ. Mutter Kirstin steht bereit.

Junge Menschen haben oft große Träume. Jannik Emerling nicht. Er ist da anders. Bescheidener. „Ich will mich weiterhin mit Freunden treffen können, für meine Familie kochen, ins Fußballstadion fahren und arbeiten gehen“, sagt der 22-Jährige. Er wünscht sich Dinge, die für die meisten Menschen selbstverständlich sind. Nicht jedoch für ihn. Denn der junge Mann aus Theley ist seit seiner Geburt schwer krank. Eine Nierentransplantation hat er bereits hinter sich, in wenigen Monaten steht die zweite an. „Mir war klar, dass das Spenderorgan nicht ewig halten wird. Aber ich habe mich mit dem Gedanken nicht auseinandergesetzt. Bis mir der Arzt klar gemacht hat, dass es jetzt bald wieder soweit ist“, erzählt er.

Rückblick: Schon in der 24. Schwangerschaftswoche stellte der Frauenarzt fest, dass mit Jannik irgendetwas nicht stimmte. In der Homburger Uni-Klinik hätten die Ärzte herausgefunden, dass er einen Harnkappenverschluss hatte. „Normalerweise trinkt der Embryo Fruchtwasser und scheidet es wieder aus. Bei Jannik war es so, dass er mehr getrunken hatte, als er rauslassen konnte. Dadurch wurden die Nieren stark beschädigt“, erklärt seine Mutter Kirstin Emerling. Für sie war die Diagnose ein Schock – und der Beginn einer kräftezehrenden Lebensphase.

Kirstin Emerling. Foto: Emmerling

Gleich nach der Geburt bekam ihr Sohn sogenannte Harnleiterschienen gesetzt. Röhrchen, die den Urin nach außen in Beutelchen ableiten. Erst zwei Monate später durften die Eltern ihr Baby mit nach Hause nehmen. Aber Normalität sei nie wirklich eingekehrt. Ständig mussten sie mit ihrem Sohn zum Arzt, immer wieder auch in die Uni-Kliniken nach Homburg und Heidelberg. „Selbst ein gewöhnlicher Husten, Fieber oder eine Grippe führten dazu, dass wir im Krankenhaus gelandet sind“, berichtet Emerling. Mit drei Jahren bekam Jannik einen künstlichen Darmausgang, mit vier mussten die Ärzte eine seiner Nieren entfernen.

Erinnern kann sich der 22-Jährige an all das nicht mehr. Stattdessen sind ihm andere Dinge im Kopf geblieben. „Ich bin früh in einen Fußballverein gegangen. Wir haben immer Sandhäufchen auf dem Sportplatz gebaut“, erzählt er und lacht. Dass trotz der Strapazen solch positive Gedanken überwiegen, hat Jannik vor allem seiner Mutter zu verdanken. Statt ihren Sohn in Watte zu packen, ließ sie ihn mit anderen Kindern toben, Sport treiben und im Schlamm spielen. „Er war genug gequält, da wollte ich ihm das Leben mit Verboten nicht noch schwieriger machen“, sagt die 47-Jährige.

Jannik Emerling. Foto: Emmerling

Als Jannik sechs Jahre alt war, machte schließlich auch seine verbleibende Niere schlapp. Die Ärzte entschieden, auch diese zu entfernen und ein neues Organ einzusetzen. Kirstin Emerling kam damals als Spenderin nicht infrage, da sie eine andere Blutgruppe als ihr Sohn hat. Stattdessen standen Großmutter, Vater und Patenonkel zur Auswahl. Nach etlichen Untersuchungen stand fest, die Niere der Großmutter war am besten geeignet. Am 12. April 2002 transplantierten die Ärzte das Organ in der Uni-Klinik in Hannover. Acht Wochen lang musste Jannik im Krankenhaus bleiben, zwei davon auf der Intensivstation.

Seine Mutter wich damals nicht von seiner Seite. „Das war eine große Belastung. Auch für unsere Familie“, sagt sie. Vor allem eine Situation sei ihr im Gedächtnis geblieben: Als es Jannik wieder besser ging, kamen sein Vater und sein vier Jahre jüngerer Bruder Leon zu Besuch. „Ich hatte Leon zu diesem Zeitpunkt schon seit Wochen nicht mehr gesehen“, berichtet Emerling. Ihr Sohn habe sie nicht mehr erkannt und sei an ihr vorbeigerannt. „Das war schon schlimm. Aber als Mutter funktioniert man eben. Es geht alles irgendwie.“

Für Jannik ging es nach der Operation erstmals aufwärts. Mit neuer Niere und ohne künstlichen Darmausgang war für ihn endlich ein halbwegs normaler Alltag möglich. „Die Transplantation hat ihm Lebensqualität gegeben“, fasst Emerling zusammen. Für den Jungen begann ein zweites Leben. Er konnte zur Schule gehen, bei Freunden übernachten, an Geburtstagspartys teilnehmen und mit auf Klassenausflüge fahren.

Trotzdem gab es immer wieder auch Rückschläge. In der dritten Klasse beispielsweise warf ihn eine Lungenentzündung monatelang aus der Bahn. Im Jahr 2010 kam es zu einer Abstoßungsreaktion. Zwischendurch erlitt Jannik unter anderem eine Salmonellenvergiftung und erkrankte an der Schweinegrippe. „Sein Immunsystem ist sehr schwach“, erklärt Emerling dazu. Heute noch müsse ihr Sohn 16 verschiedene Medikamente nehmen, einige davon mehrfach. „Insgesamt komme ich auf 25 Tabletten pro Tag“, erläutert Jannik. Außerdem müsse er alle vier Wochen zum Nephrologen nach St. Wendel und alle drei Monate in die Klinik nach Homburg. Beschwert habe sich Jannik über all das aber nie, berichtet Emerling stolz. „Ich bin damit groß geworden und kenne es nicht anders“, fügt der 22-Jährige hinzu.

Mittlerweile können Mutter und Sohn der Krankheit sogar etwas Gutes abgewinnen. „Wir haben bisher alles geschafft. Das hat uns beide sehr eng zusammengeschweißt“, ist Emerling überzeugt. Und ihre Verbindung wird demnächst wohl noch stärker sein. Denn die 47-Jährige wird ihrem Kind ein drittes Leben schenken. Sie kann nun doch eine Niere spenden. Was vor 16 Jahren noch undenkbar war, ist heute möglich. „Spender und Empfänger müssen nicht mehr die gleiche Blutgruppe haben“, erläutert Emmerling. Ihr stünden zwar noch zahlreiche Untersuchungen bevor. Doch bis jetzt sehe „alles gut aus“.

Wann genau Jannik das neue Organ bekommt, ist unklar. Die Funktion seiner jetzigen Niere liegt bei 15 Prozent. Ab zehn Prozent müsste er an die Dialyse. Das wollen die Ärzte verhindern. „Sie vermuten, dass die Transplantation in den nächsten sechs Monaten ansteht“, sagt Jannik. Er merkt bereits jetzt, dass die Leistung seiner Spenderniere schlechter wird. „Ich werde schneller müde und fühle mich ständig schlapp“, erklärt er. Auch seinen Beruf als Altenpflegehelfer kann der 22-Jährige nicht mehr ausüben. Das habe jedoch nur indirekt mit der Krankheit zu tun. „Ich finde zurzeit keine Stelle“, erzählt er. Viele Arbeitgeber scheuen sich, ihn in seinem jetzigen Gesundheitszustand einzustellen. Einen Fuß in der Arbeitswelt zu fassen, scheint momentan unmöglich. Das möchte der junge Mann allerdings ändern, sobald er die Operation überstanden hat. „Ich hoffe, dass ich dann beruflich wieder einer Chance bekomme“, sagt Jannik. Er will für seine Träume kämpfen, auch wenn bis dahin noch ein weiter Weg vor ihm liegt.