1. Saarland
  2. St. Wendel
  3. Tholey

Lesung mit der Künstlerin Mahbuba Maqsoodi in Sotzweiler

Lesung in Sotzweiler : Bilder aus dem Leben einer Künstlerin

Mahbuba Maqsoodi stellte ihr Buch „Der Tropfen weiß nichts vom Meer“ in Sotzweiler vor. Die von der Gemeinde Tholey organisierte Lesung war deren Beitrag am Festprogramm anlässlich der Wiedereröffnung der Abteikirche.

Ein Stapel Bücher liegt vor ihr auf dem Tisch. Konzentriert schlägt sie eines davon auf, lässt mit schwungvoller Bewegung den Stift über die erste Seite tanzen. Während sie zum nächsten greift, streicht sie sich eine silbrig-graue Haarsträhne hinters Ohr und lächelt ihrer Sitznachbarin zu. Künstlerin Mahbuba Maqsoodi bereitet sich zusammen mit Lektorin Hanna Diederichs auf ihre Lesung in der Sotzweiler Heldenrechhalle vor. Fleißig signieren sie Exemplare ihres Buches „Der Tropfen weiß nichts vom Meer.“

Dass diese beiden Frauen mehr verbindet als ein gemeinsames Projekt, ist ihnen sofort anzumerken. Ihr Kennenlernen „ist eine gute Geschichte“, wie Hanna Diederichs findet. Eine gemeinsame Freundin habe die Begegnung eingefädelt – während eines Frauen-Urlaubs auf Kreta. Schon am ersten Abend habe Mahbuba Maqsoodi gesagt, dass sie gerne ein Buch schreiben würde. Am Ende des Urlaubs gab es bereits ein Konzept. „Wir hatten gleich das Gefühl, uns gegenseitig zu verstehen“, sagt Diederichs.

„Der Tropfen weiß nichts vom Meer“ erzählt aus dem Leben der 63-jährigen, afghanischen Künstlerin, die die Entwürfe zu 34 Fenstern in der Tholeyer Abteikirche geschaffen hat. Es ist keine klassische Autobiografie. „Von denen gibt es schon genug“, wie die Lektorin bemerkt. Vielmehr bestehe das Buch aus verschiedenen Bildern. Eines ist „Die Welle“. Dieses entführt die Zuhörer nach Herat in Afghanistan. Dort wuchs Mahbuba Maqsoodi als eine von sieben Töchtern in einer muslimischen Familie auf. Eines Tages zeigte ihr eine Freundin ein kleines Parfumfläschchen. Auf dessen blauem Glas war ein kleines Boot gemalt, das über das Wasser zog. „Es war ein Bild, das mich tief berührte – dass es in mir eine Flamme auslösen und auf mein zukünftiges Leben Einfluss nehmen würde, konnte ich damals nicht ahnen“, schreibt Maqsoodi in ihrem Buch. Sie war 16, als die Kunst sie eroberte. Mit Erlaubnis ihrer Eltern nahm sie Malunterricht bei Fazl Maqsoodi, ihrem späteren Ehemann. „Künstler zu sein, ist eine Berufung, ein Wunsch der Seele“, sagt die geborene Afghanin. Zwischen den Textpassagen, die aus dem Buch vorgetragen werden, entsteht ein Gespräch zwischen Moderator Arno Jos Graf und den beiden Frauen. So hat das Publikum die Gelegenheit, noch mehr über die Künstlerin zu erfahren. Außerdem helfen die Dialoge dabei, die einzelnen, in Worte gegossenen Bilder, besser einzuordnen.

So wie jenes: „Vor der Staffelei“ fand sich die Muslima in Russland wieder. Sie und Fazl Maqsoodi hatten ein Stipendium erhalten, um Kunst zu studieren. Dafür verließen sie 1980 ihre Heimat. Nachdem sie erfolgreich Sprachkurse absolviert hatten, warteten an der Akademie die nächsten Herausforderungen. „Vor mir stand eine sehr schöne junge Frau – sie war nackt, vollkommen nackt. Ein Anblick, wie er sich mir in meinem ganzen Leben noch nie geboten hatte“, heißt es in dem Buch. Aber nicht nur die Aufgabe der Aktmalerei war neu für die Künstlerin. Auch mit einer Staffelei hatte sie zuvor nie gearbeitet. Reich an vielen neuen Erfahrungen meisterten beide ihr Studium, „Wir waren gerüstet, um zurückzukehren nach Afghanistan“, erzählt Maqsoodi. Doch dort herrschte Krieg. In Russland konnte das Paar, das inzwischen Eltern von zwei Söhnen war, nicht bleiben. Ihre Aufenthaltsgenehmigung war auf die Studienzeit beschränkt. 1992 erhielt Fazl Maqsoodi politisches Asyl in Deutschland, zwei Jahren später folgten seine Frau und die beiden Kinder. „Anfangs hatte ich das Gefühl, dieses Land braucht keine Künstler“, erinnert sich Maqsoodi. Durch Zufälle habe sie das Medium Glas kennen gelernt. „Glas hat mich fasziniert – es tut es bis heute.“ Also, habe sie die Ärmel hochgekrempelt und sich eingearbeitet in die Glasmalerei.

Unter dem Stichwort „Maria Himmelfahrt“, was auch das Thema ihres ersten großen Auftrags war, widmet Maqsoodi einige Passagen einem Mann, von dem sie viel über Glas, Licht und Farbe gelernt hat: Hans Gottfried von Stockhausen. Ihm assistierte sie in der Mayr’schen Hofkunstanstalt in München. „Gelegentlich bat er mich sogar um meine Meinung, was mich, die Afghanin, fast in Schreckensstarre versetzte. In unserer Kultur wäre es niemals erlaubt gewesen, einem so geachteten älteren Menschen einen Rat zu erteilen“, heißt es in dem Buch.

Es ist eine wunderschöne Sprache, welche den Leser durch die Bilder aus Mahbuba Maqsoodis Leben führt. Sie gestattet einen Blick in ihr Schaffen, aber auch in ihre Seele. Das honorieren die Gäste in der Heldenrechhalle mit lang anhaltendem Applaus. Gefesselt hat schon das Vorwort des Buches, mit dem die beiden Frauen die Lesung begonnen haben. Dort heißt es: „In Afghanistan ist wie überall auf der Welt eine Geburt ein besonderes Ereignis […] Öffnet ein Junge die Augen zur Welt, bekommt die Familie vor Freude Flügel.“ Ein Mädchen hingegen sei eine unschöne Nachricht für alle. Mahbuba Maqsoodis Vater hatte sieben Töchter. „Wenn ein Mann keine Söhne hat, sondern nur Töchter wird sein Namen nicht weitergegeben und gerät dazu schneller in Vergessenheit. Und wie seinem Name ergeht es dann auch seinen Taten“, steht in dem Buch geschrieben. Nein, nicht diesem Vater. Denn Maqsoodis Buch ist auch eine Hommage an ihn. „Ich bin ihm zutiefst dankbar, und ich möchte versuchen, in diesem Buch, in dem ich meine und ein bisschen auch seinen Geschichte erzähle, diese Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen.“