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Kunstwerk wechselt den Standort

Kunstwerk wechselt den Standort

Der rote „fern-seh-Sessel“ der Tholeyer Künstlerin Heidrun Günther blickt nun auf den Müll. Ab 1. August, 14.30 Uhr, hat der Sessel eine neue Aufgabe: Er wird auf dem Hasborner Wertstoffhof positioniert und soll nicht mit einem erhobenen Zeigefinger die Leute daran erinnern, wie viel Müll sie wegwerfen.

Acht Jahre ist es her. Ein roter Sessel hat seinerzeit schon vor der ersten Freiluftausstellung "Gipfelkunst am Schaumberg" für jede Menge konträren Gesprächsstoff gesorgt. Die Initiatorin der Veranstaltung und Künstlerin, Heidrun Günther, stellte ein weithin sichtbares Objekt aus. Die auf einem vier Meter langen Rohr am Herzweg befestigte Installation nannte sie "fern-seh-Sessel". Dazu die Künstlerin damals: "In schwebender Höhe symbolisiert dieser Sessel einen Ort, der auf einem gedanklichen Höhenflug den Blick in die Ferne richtet, der die Vielfalt und die Schönheit der Landschaft vor Augen führt".

Günthers Sessel-Wortspiel zum Dialog zwischen Kunst und Natur interpretierten Kritiker von zu kitschig bis fehl am Platz und gar als Verschandlung des Schaumberges. Für sie erreichte das umstrittene Kunstwerk ein Ziel: Es hat provoziert. Während der Hexennacht deckten Unbekannte den Sessel ab und verpassten ihm eine Tarnkappe oder setzen eine Puppe drauf. Rund eineinhalb Jahre thronte das insgesamt sechs Meter hohe, aus Styropor geschaffene Kunstwerk noch am Hang des Schaumberges. "Wenn ein spezieller Platz oder Ort für ein Werk gefunden ist, dann ist die Sache für mich abgeschlossen. Kunst als temporäre Sache ist mir am sympathischsten", sagte Künstlerin Günther.

Wiederholt erhielt sie Angebote, um den roten Sessel an einer anderen Stelle zu präsentieren. Dies verstand sie als Chance für ihr Objekt: "Der Sessel darf vergammeln, aber nicht am Schaumberg", so Günther. Eine Duisburger Agentur klopfte bei ihr an. Der Sessel sollte Ausstellungsstück bei der Ruhr-Biennale 2010 werden. Günther machte sich in der Lagerhalle des Hasborner Wertstoffhofes an eine aufwendige Restauration des stark verwitterten Sessels. Mit einer speziellen Einschichter-Technik wurde eine signalrote Farbpigmentierung aufgetragen, zuvor musste der Styropor-Sessel neu verputzt werden. Aber typisch Künstlerpech. Denn nach dem Unglück bei der Duisburger Love Parade bekam die Agentur nicht mehr genug Sponsoren zusammen. "An mich wurden dann dauernd neue finanzielle Auflagen gestellt", berichtete Günther.

Sessel sollte entsorgt werden

Aus ihrem Wunsch, dass der Sessel einmal direkt am Wasser einen neuen Standort finden würde, wurde nichts. Später erreichte sie ein Anruf über den Verkauf und Räumung der Halle, wo der Stuhl gelagert war. Nun wohin damit? "Mein Wunsch war, den Sessel zu zerstückeln und die Teile auf dem Wertstoff zu entsorgen", erklärte Günther, der ja Kunst als temporäre Sache sympathisch ist. Ihre angedachte Radikalmaßnahme traf allerdings nicht den Geschmack von Jutta Backes-Burr, der Kulturreferentin der Gemeinde Tholey . "Sie hat sich hartnäckig geweigert", berichtete Günther. Der finale Vorschlag von Backes-Burr, den "fern-seh-Sessel" auf dem Wertstoffhof zu installieren, löste bei der Künstlerin pure Begeisterung aus. "Dem Platz habe ich bewusst zugestimmt, damit sich Lieferanten und Kunden gedanklich auf dem fern-seh-Sessel positionieren und statt in die Ferne zu sehen, über den Wertmüll nachdenken und sich dazu selbst hinterfragen", meinte Günther. Der rote Sessel wird am 1. August, 14.30 Uhr, auf dem Gelände des Hasborner Wertstoffhofes mit der Lehne zur Industriestraße installiert.