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In Patagonien lernen Theleyer Armut kennen

In Patagonien lernen Theleyer Armut kennen

Einem Papst-Kandidaten die Hand schütteln, die Arbeit einer Missionarin kennenlernen: Während der Südamerika-Tour einer Theleyer Reisegruppe sind interessante Begegnungen eingeplant. Dieses Mal stand ein Zwischenstopp bei Missionaren in Bariloche an.

Von Brasilien aus ist die Theleyer Reisegruppe auf ihrer Südamerikatour weiter nach Argentinien gereist. Ihr Ziel ist die in Patagonien in einem Tal der südlichen Anden liegende Stadt Bariloche. Hier schauen die saarländischen Reisenden einer Missionarin über die Schulter und erfahren viel über Land und Leute. Am Flughafen von Bariloche erwartet Schwester Rosemarie Dewes die Gruppe. Die rüstige 78-Jährige begrüßt mitten in der Nacht die Saarländer persönlich. Besonders freudig ist das Wiedersehen bei Franz und Gabi Dewes. Trotz Namensgleichheit besteht keine Verwandtschaft. Das Theleyer Ehepaar unterstützt die Missionarsarbeit der Ordensschwester finanziell schon seit vielen Jahren mit seinem Verein "Hilfe Direkt".

Seit 50 Jahren in Argentinien

Schwester Rosemarie hat mit 18 Jahren ihr Zuhause in Theley verlassen und ist in den Orden der Styler Missionare eingetreten. Dort hat sie ihr Abitur nachgemacht und wurde mit 28 Jahren zur Missionierung in die weite Welt hinaus gesandt. 50 Jahre hat die 1,50 Meter kleine, zierliche Frau seither in Argentinien verbracht. "In ihrer Ordenstracht mit Rock und Kopftuch wirkt sie zerbrechlich. Aber ihr ganzer Körper strahlt Leben und Kraft aus. Sie ist hellwach im Geiste, und ihre strahlenden Augen zeigen uns eine glückliche Frau, die ihre Bestimmung gefunden hat ," beschreibt Franz Dewes die Missionarin. Die Ordensschwester hat den Aufenthalt der Saarländer in Patagonien organisiert. Sie regelt nicht nur die Kleinigkeiten mit dem deutschsprachigen Reiseführer, sie begleitet auch die Gruppe auf ihren Ausflügen. Tholey Bürgeremeister Hermann Josef Schmidt : "Sie ist stets gut gelaunt. Anfangs hat sie noch im Gespräch Spanisch und Deutsch verwechselt. Es dauerte aber nicht lange, und sie sprach wieder fließend ihr Theleyer Blattdeutsch."

Bevor Schwester Rosemarie den Saarländern ihr Wirkungsgebiet zeigt, steht ein Besuch des Nationalparks Nahuel Huapi auf dem Programm. Schmidt: "Wir spazieren durch einen prachtvollen Wald mit 40 Meter hohen Bäumen, die teilweise bis zu 400 Jahre alt werden. Derjenige, die die rotfarbenen Bäume umarmt, kann waldalt werden, so sagt es die Mär."

Einblicke in die soziale Arbeit

Im Mittelpunkt dieser Reiseetappe steht die soziale Gemeindearbeit von Schwester Rosemarie im Einzugsbereich ihrer Pfarrei, der teils bis zu 230 Kilometer über den Sitz der Ordensschwestern hinausreicht. Erste Station ist das 400-Seelen-Dorf Villa Llanquín am Río Limay. Schwester Rosemarie besucht regelmäßig den Ort, um in der Schule und dem Kindergarten nach dem Rechten zu schauen. Der Schulleiter ist sichtlich erfreut über den ersten Besuch einer ausländischen Gruppe. Die Theleyer besichtigen die mit deutschem Standard nicht zu vergleichende Einrichtung und verteilen Geschenke an die Kinder, die sich mit einem Lied bedanken. Dann geht es weiter zu einer etwas außerhalb des Dorfes gelegenen Siedlung. Hier besuchen die Saarländer das kleine Gehöft von Roberto. Der 84-Jährige lebt hier mit Frau und Sohn. Fünf Hunde bewachen das Anwesen. Im Wohnzimmer eines kleinen Hauses, das die Armut der Bewohner widerspiegelt, erzählt Roberto von seinem früheren Leben als bekannter Gitarrist. "Roberto gehört zu dem indigenen Volksstamm der Mapuche. Die Mapuche leben fast alle unter ärmliche Bedingungen in der Steppe und werden von Menschen der Stadt Bariloche eher ausgegrenzt und gemieden", berichtet Schmidt. Roberto sei zufrieden mit seinem Leben und mit dem, was er besäße. Schwester Rosemarie besucht Roberto und viele andere Familien ein bis zwei Mal die Woche. Sie ist Ansprechpartnerin bei allen Problemen des Alltags. Zum Abschied greift Roberto zur Gitarre und singt zwei selbst komponierte Songs.

Der Rückweg zum Dorf führt über einen staubigen Pfad durch die Steppe, wo noch die Folgen des Vulkanausbruches im Jahre 2011 im benachbarten Chile sichtbar sind. Am Nachmittag steht das Zuhause der Styler Ordensschwestern auf dem Besuchsprogramm. Es ist ein kleines Anwesen am Rande des Dorfes Dina Huapi. Franz und Gabi Dewes übereichen den Ordensschwestern eine Spende in Höhe von 10 000 Euro. Der Theleyer Verein "Hilfe direkt" hat diesen Betrag gesammelt.

Holzhütten aus Abfallmaterial

Am nächsten Tag lernen die Thelyer ein weiteres Wirkungsgebiet von Schwester Rosemarie kennen. Es geht in die verwahrlosten Außenbezirke von Bariloche. Die Menschen hier haben ihre kleinen Holzhütten aus Abfallmaterialien errichtet. Hier gibt es weder Wasser und Abwasser noch Strom und Gas. Das Bildungsniveau ist sehr niedrig. Kriminalität und Gewaltverbrechen, Drogenkonsum und Gewalt gegen Frauen und Kinder gehören zum Alltag. Schmidt: "Wir fahren mit dem Bus durch die unbefestigten Straßen der Viertel und sehen die Not und das Elend." Und weiter: "Wir treffen die alleinerziehende Erika mit ihrer siebenjährigen Tochter. Sie führt ehrenamtlich das Kinderzentrum. Sie erzählt uns, dass täglich etwa 30 Kinder zum Mittagessen kommen und danach bis zum Abend von ihr und anderen alleinerziehenden Müttern betreut werden." Schwester Rosemarie hat vor zwei Wochen in diesem Quartier eine Dependance-Kommunität errichtet.

Von Bariloche aus bricht die Reisegruppe teils mit dem Schiff, teils mit einem nicht mehr ganz neuen Allradbus nach Chile auf mit Ziel Puerto Varas. Auf einer geschotterten Strecke überqueren die Saarländer in etwa 1000 Meter Höhe die Anden. In Puerto Varas stehen einige Besichtigungstouren auf dem Programm ehe die Gruppe nach Santiago de Chile weiterfliegt.