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Globalisierung erfordert mehr Wissen über fremde Kulturen

Globalisierung erfordert mehr Wissen über fremde Kulturen

Tholey. Eine Reise durch die Welt unternehme er schon, wenn er durch die Preußenstraße in Berlin ginge. Ein einziges Kind deutscher Herkunft sei innerhalb einer Schulklasse schon lange keine Seltenheit mehr. Die indische Traumfabrik Bollywood habe mit ihren Streifen längst Europa erobert

Tholey. Eine Reise durch die Welt unternehme er schon, wenn er durch die Preußenstraße in Berlin ginge. Ein einziges Kind deutscher Herkunft sei innerhalb einer Schulklasse schon lange keine Seltenheit mehr. Die indische Traumfabrik Bollywood habe mit ihren Streifen längst Europa erobert. "Aber verstehen wir diese anderen Gesellschaften, diese anderen Kulturen auch?", wandte sich Bernd Scherer fragend an die 200 Zuhörer in der Abtei. In den Vordergrund seiner Ausführungen stellte er die Herausforderungen, Probleme und Veränderungen der modernen Zeit in Politik, Wirtschaft und Kultur. Dafür müsse man sich mit Werten wie Weltoffenheit, Toleranz und Mitgefühl ausstatten. Um alle Veränderungen jedoch zu verstehen, benötige man Kenntnisse über die Menschen in allen Erdteilen. Wer sind wir Deutsche, Europäer, und was ist unser Verhältnis zur Welt ? Europa habe immer auf die Welt geschaut, nun schaue die Welt zurück, und halte Europa den Spiegel vor. Um dies politisch zu verdeutlichen, unternahm er eine Zeitreise ins Jahr 1989. "Für Deutschland ein ganz besonderes Jahr, aber auch für die gesamte Weltpolitik", sagte der 53-jährige Intendant des Hauses der Kulturen in Berlin. Schicksalsjahr 1989Deutschland feierte den Mauerfall, gleichzeitig richtete Osama bin Laden in Kabul (Afghanistan) die Militärbasis Al Qaida als Servicezentrum für die Araber-Afghanen und ihre Familien ein. Die USA und Saudi-Arabien unterstützten dort eigentlich Pakistans Initiative, um ein islamisches Bollwerk gegen die Sowjetunion zu errichten. Heutzutage kämpften dort deutsche Soldaten. Verlagerung des ZentrumsDamit begann 1989 eine Entwicklung an der scheinbaren Peripherie, die zu dem einschneidendsten Datum der jungen Geschichte des 21. Jahrhundert führte - dem 11. September 2001. Die Anschläge auf die Türme markierten eine Gegentendenz zu einer linearen Bewegung einer globalen Weltgemeinschaft unter rein westlichen Vorzeichen. "Durch jenes Ereignis sind vor allem Denkweisen in den Blickpunkt geraten, die sich scheinbar jeder Moderne radikal verweigern", sagte Scherer, der sofort hinzufügt, dass diese vielmehr zunehmend auf einen eigenen Weg in die Moderne beharrten. Dabei werde deutlich, dass diese Gesellschaften nicht mehr wie einst an der Peripherie der Welt sein werden, sondern im Gegenteil deren neue Zentren. "Dort wird auch in Grundsätzen gedacht, die über unseren Lebensstil, und über unser Demokratieverständnis hinausgehen", merkte Scherer an. Damit mache Weite der bisherigen Enge des Denkens Platz, umschrieb Scherer eine sich ständig verstärkende Tendenz in allen Teilen unserer Weltgesellschaft. Der Scheuerner Bernd M. Scherer wurde bei seinem Heimspiel für seinen kurzweiligen Vortrag mit viel Beifall und dem Pilgerset verabschiedet. frf

Zur PersonDr. Bernd M. Scherer, geboren und aufgewachsen in Scheuern, machte sein Abitur am Realgymnasium Lebach. Anschließend Studium der Philosophie, Germanistik und Geschichte in Saarbrücken, England und in den USA; 1983 Promotion zum Dr. phil. 1985 Dozentenausbildung am Goethe-Institut und seitdem verschiedene Stationen, unter anderem Leiter der Institute in Karatschi und Lahore. Von 1994 bis 1999 war er stellvertretender Generalsekretär und Leiter der Abteilung Literatur, Wissenschaft und Gesellschaft am Haus der Kulturen der Welt. Seit 2006 ist er Intendant des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin. Publikationen: Das Marco-Polo-Syndrom (1995), Alexander von Humboldt - Aufbruch in die Moderne (2001). frf