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Enthüllt: Die Kirchenfenster von Gerhard Richter in der Abtei in Tholey

Erste Fotos, alle Infos : Enthüllt: So sehen die Kirchenfenster von Gerhard Richter in der Tholeyer Abtei aus

Mancher Kunstkritiker erspürt in Gerhard Richters abstrakten Werken eine „kosmische Dimension“, nicht zuletzt, seit vor 13 Jahren dessen erstes und bis dato einziges Kirchenfenster im Kölner Dom eingebaut wurde - ein mit geometrischen Formen spielendes Mosaik.

Nun kommen seit Donnerstag im Chor der Abteikirche St. Mauritius in Tholey drei weitere Kirchenfenster hinzu - abstrakt sind auch sie, aber ganz anders, vergleichsweise üppig-ornamental. Es hat wohl einen guten Grund, warum Richters auf das eigene Genie pochender Stilpluralismus mit dem von Picasso verglichen wird. Generelll gilt: Was immer man in der Tholeyer Kirche erwartet hat, es tritt nicht ein: die Erschütterung, das erhabene Gefühl. Denn die drei Fenster, eingebunden in ein steinsichtiges, pures Umfeld, sie überwältigen nicht, sie nehmen dem Besucher mit ihrer orientalisch anmutenden, melodischen Schönheit nicht den Atem, sie machen das Atmen eher tiefer, so als seufze man. Richter (88) selbst, einer der weltweit bedeutendsten und teuersten Künstler, hat vor rund einem Jahr über die Entwürfe für die Tholeyer Fenster gesagt: „Wir müssen gar nichts glauben und Gott drin sehen, es geht auch so.“

Verstehen muss der Betrachter ebenfalls nicht, was ihn ergreift oder womöglich skeptisch auf Distanz hält zur „Weltkunst“ in der Provinz. Denn kaum ein anderer Künstler führt uns so krass vor Augen wie Richter, wie weit der Weg ist zwischen dem „Alles sehen“ und „nichts begreifen“, wie er das selbst mal formulierte. Deshalb helfen die puren Fakten zu den Fenstern kaum weiter, wenn man ihrer Wirkung nachspürt, aber sie gehören nun mal dazu.

Richter hat seine Entwürfe dem Tholeyer Konvent geschenkt. Gefertigt wurden die Fenster in den Münchner Glaswerkstätten Gustav van Treeck und sind je 1,95 Meter breit und 9,3 Meter hoch. Links und rechts dominieren die Farben Rot und Blau, spielen ins Lila, im zentralen Fenster leuchtet es vor allem Gelb. Jedes Fenster ist zweigeteilt und zeigt, gespiegelt, die gleichen Motive. Als Vorlage gilt Richters Gemälde mit der Nummer 724-4, das er am Computer einem systematischen und zugleich Prozess unterwarf: vervielfältigte, mehrfach teilte, bis nur noch Linien bleiben, die er dann wieder zu Bildern komponierte. Nachvollziehbar wird dies in Richters Buch „Patterns: Divided - Mirrored – Repeated“ (2011).  In Richters Gesamtwerk - Zweidrittel davon ist abstrakte Kunst - tragen die Tholeyer Fenster die Nummer 957, einen Titel haben sie nicht.

Zweifelsohne beziehen sie ihren Reiz aus einem zeitlichen wie stilistischen Schweben. Metaphysisch? Sagen wir lieber, es geht, wie so oft bei Richter, um Uneindeutigkeit. Zum einen erlebt man die Tholeyer Kunstwerke tief verwurzelt in der christlichen Tradition historischer Verglasungen, andererseits wecken sie Assoziationen an Teppiche aus dem arabisch-muslimischen Kulturkreis und zusätzlich legen sie Zeugnis ab vom Stellenwert der künstlerischen Autonomie im Kunstschaffen des 21. Jahrhunderts.

Fürs Religiös-Inhaltliche und Szenische sind in der frühgotischen Abteikirche (1260-1302), die seit zwei Jahren renovierungsbedingt geschlossen war, 34 weitere neue Fenster der afghanischen Künstlerin Mahbuba Maqsoodi zuständig. Sie liefern unter anderem Darstellungen zu Weihnachten oder zu Jesu Kreuzigung. Im nördlichen Seitenschiff explodieren und baden die Motive in Grüntönen, vibrieren vor Vitalität. Noch fehlen die Maqsoodi-Fenster im südlichen Seitenschiff, erst wenn sie im eingebaut sind, wird sich die Frage klären, ob sie Richters subtilere Farb-Kompositionen stimmig orchestrieren oder sie übertrumpfen.

Der Konvent sieht Richters wie auch Maqsoodis Kunst als gleichwertig, als eine Brücke, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Ihre Renovierungsanstrengung steht unter der Überschrift „Sprechfähigkeit“. Das Ziel ist ein neuartiger Dialog, jenseits des „Theologensprech“. Für Bruder Wendelinus, verantwortlich für die Abtei-Baumaßnahme, stellen die Richter-Fenster „eine großartige Näherung an den Gottesbegriff nach Anselm von Canterbury dar. Ohne ein falsches Bild eines Gottvaters als altem Mann mit grauen Haaren und Bart wird die Transzendenz des Göttlichen in diesen Bildern spürbar.“