Auf dem Schaumbergturm ,,dehemm”

Auf dem Schaumbergturm ,,dehemm”

Bis Ende September zeigt eine Ausstellung in Tholey was Heimat in Alltag und Kultur bedeutet.

Heimat. Dieser Begriff klang lange Zeit spießig. Verstaubt. Aber er erlebe gerade eine Renaissance. In der Politik genau wie in der Kunst. Das sagte Tholeys Bürgermeister Hermann Josef Schmidt (CDU) am Donnerstagmorgen, als er gemeinsam mit den Beteiligten von der Uni Saarbrücken die neue Ausstellung "Überall dehemm? Aspekte von Heimat in Alltag und Kultur" vorstellte. Diese ist ab Freitag, 9. Juni, und bis 30. September im Schaumbergturm zu sehen.

Der Turm sei, so Schmidt weiter, ein idealer Ort für diese Ausstellung: Allein schon wegen seiner 360-Grad-Aussicht mache der Turm Heimat erlebbar. Von Anfang an sei klar gewesen, dass dort die Ergebnisse der 40 Studenten zu sehen sein werden. Die Idee stamme von der beteiligten Studentin Nora Rauber aus Sotzweiler. Da die Fläche begrenzt ist, mussten auch die Ausstellungsstücke der 30 Projekte, die in zwei Semestern entstanden sind, angepasst werden. Herausgekommen sind 18 Plakate sowie Videobeiträge (unter anderem zu Bergbau und Tourismus), ein Kochbuch und vier begleitende Vorträge. Dabei stellten Barbara Krug-Richter, Professorin für Historische Anthropologie, und ihre Studenten schnell fest, wie interessant und umfangreich das Thema doch ist. "Wir hätten locker ein Buch schreiben können", sagt die Professorin, die selbst im Münsterland beheimatet ist. Für sie sei der Blick aufs Saarland daher etwas besonderes Spannendes gewesen. "Sie sollten keine Klischees reproduzieren", legte sie ihren Studenten ans Herz. Und doch: Die Recherchen zeigten, dass in vielen Klischees auch ein Kern Wahrheit stecke. Ein Beispiel gefällig? Krug-Richter: "Das Schwenken hat eine ausgeprägte Bedeutung für die saarländische Kultur."

Ein Klischee jedoch widerlegen die vier Studentinnen, die an diesem Morgen zum Pressegespräch ins Tholeyer Rathaus gekommen waren. Nämlich das, dass sich Frauen nicht für Fußball interessieren. Drei der vier jungen Frauen hatten sich dem Fußball in Verbindung mit Heimat und regionaler Identität angenommen. "Aus Eigeninteresse", so Felicitas Offergeld aus St. Ingbert, haben sie und ihre Kommilitoninnen sich damit beschäftigt: "Wir sehen uns gerne Fußball an, sind Fans", sagte die 23-Jährige. Ihr Ergebnis: Heimat und Fußball, das gehört zusammen, gerade im Saarland. Der Sport fördere die Gemeinschaft, vermittele ein Heimatgefühl. Wer neu in einem Ort sei, finde dank des Fußballs schnell neue Freunde, werde heimisch. "Fußball ist Integrations-Motor Nummer eins", erklärte Offergeld - auch in Bezug auf die Flüchtlingssituation.

Ein besonderes Augenmerk richten sie und Nina Schmit aus Landsweiler-Reden auf Nationalspieler Jonas Hector, den Offergeld als "Unseren Mann aus Auersmacher" bezeichnet. Im Interview haben die Studentinnen erfahren, dass auch für Hector Fußball ein "Anker" sei. Dank des Sports, des Vereins, habe er sich als Neuankömmling in Köln schnell heimisch gefühlt.

Auch ein Gespräch mit dem Pfarrer in Auersmacher stand auf ihrem Projekt-Programm: "Nach Hectors Siegtor gegen Italien hat er die Glocken geläutet - und der ganze Ort stand hinter ihm", erklärte Schmit. Hector als Identifikationsfigur verbinde den ganzen Ort.

Mit einem anderen Fußball-Thema beschäftigte sich Kathrin Gärtner aus Landsweiler-Reden: Die 21-Jährige hat die Historie des saarländischen Fußballs unter die Lupe genommen, dafür jede Menge SZ-Artikel gelesen. Und war überrascht, welche Euphorie das Spiel des Saarlandes gegen Deutschland vor der Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz ausgelöst hatte.

Auch Carmen Anton aus Bliesen hat historische Zeitungen gewälzt, vorwiegend im Stadtarchiv in St. Wendel. Ihr Thema bildet aber einen Kontrast zu den Fußball-Plakaten: "Heimat und Nationalismus". Wobei sie sich den Krieg 1870/71 vorgenommen hat, speziell die Schlacht von Spichern. Noch heute schaffe diese Schlacht ein Identitätsgefühl in der Bevölkerung, schließlich werde sie als "Reenactment" nachgespielt.

"Mit vielen Denkanstößen werden die Besucher die Treppen des Schaumbergturmes hinuntergehen", ist sich Jutta Backes-Burr von der Gemeinde Tholey sicher. Und sie rechnet mit großem Interesse aus der Bevölkerung. Eben, weil das Thema Heimat so breit gefächert ist. Und sein altbackenes Image abgelegt hat: "Heute haben auch junge Leute kein Problem damit, beim Almabtrieb mitzugehen."

Freude pur: Jonas Hector nach seinem Siegtor im Spiel gegen Italien bei der Weltmeisterschaft 2014. Danach wurden im Kleinblittersdorfer Ortsteil Auersmacher, dem Heimatort des saarländischen Fußballspielers, die Kirchenglocken geläutet. Foto: Charisiu/dpa. Foto: Charisiu/dpa

Der Almabtrieb vom Schaumberg ist übrigens auch ein Thema der Ausstellung und auch Titelbild der Plakate. Was hat ein Almabtrieb - typisch für Bayern - mit dem Saarland zu tun? Das fragte sich nicht nur Krug-Richter. Sie war vor Ort und stellte fest: "Das hat nichts mit Bier-Seligkeit zu tun; das ist eine ganz eigene Tholey-Veranstaltung geworden."

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