„Alles unter einem Dach“

Der Schaumberger Hof wird ab Februar zum landesweiten Zentrum für die Erstaufnahme von minderjährigen Flüchtlingen, die alleine unterwegs sind. 40 bis 80 Kinder und Jugendliche werden dann dort kurzzeitig untergebracht. Das Konzept stellten die Verantwortlichen am Dienstagabend bei einer Info-Veranstaltung im Rathaus vor und beantworteten die Fragen der Bürger.

Wenn minderjährige Flüchtlinge alleine im Saarland ankommen, werden sie ab Februar zum Schaumberger Hof gebracht. Dort wird ihr Alter überprüft, ob sie wirklich unter 18 Jahre alt sind. Dort werden sie untersucht, ob sie gesund sind, ob sie unter traumatischen Erlebnissen leiden. Dort wird nachgeforscht, ob sie Verwandte im Land haben. Die Experten sprechen von vorläufiger Inobhutnahme und Vorclearing.

Sind die jungen Flüchtlinge gesund und haben keine Verwandtschaft hier, dann werden diese unbegleiteten Jugendlichen schnell weitergeleitet, auch in andere Bundesländer. Denn bisher hat das Saarland viel mehr unbegleitete Flüchtlinge aufgenommen als es nach einem Verteilungsschlüssel hätte aufnehmen müssen. Zuständig sind dann vor Ort die jeweiligen Jugendämter. Schnell deshalb, damit die Flucht der Jugendlichen ein Ende hat und sie in der ihnen zugewiesenen Gemeinde eine neue Heimat finden können.

Dieses Konzept des landesweiten Zentrums für die vorläufige Inobhutnahme von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen stellten Experten am Dienstagabend im Tholeyer Rathaus vor. Gesprächspartner waren Sozialstaatssekretär Stephan Kolling, sein Abteilungsleiter Herbert Heyd, der Tholeyer Abt Mauritius Choriol, der ärztliche Leiter des Therapiezentrums Schaumberger Hof, Dr. Hermann Simmer, der Geschäftsführer der SHG-Kliniken, Alfons Vogtel und die SHG-Fachärztin, Professor Eva Möhler. Die Moderation hatte Bürgermeister Hermann Josef Schmidt selbst übernommen. Mehr als 100 Besucher waren zur Info-Veranstaltung gekommen.

Zu den Fakten: In Deutschland leben zurzeit 67 000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Im Saarland sind es 1350. Pro Tag kommen aktuell sechs bis acht Kinder und Jugendliche hinzu. Im Schaumberger Hof ist künftig Platz für bis zu 80 Minderjährige. Etwa sieben Werktage sollen die Flüchtlinge dort verbringen, bis sie weitergeleitet werden.

"Hier gibt es alles unter einem Dach", schilderte Herbert Heyd den Vorteil des Schaumberger Hofes. Das sei für ein kleines Bundesland die beste Lösung. Die Infrastruktur sei vorhanden, die Kapazität auch, es gebe tolles Fachpersonal vor Ort, und der Hof liege nahe beim Landesaufnahmezentrum in Lebach. Insgesamt werden hier 23 Mitarbeiter beschäftigt sein. Von dem Konzept profitiert auch das bisherige Therapiezentrum. Das war nicht mehr ausgelastet, hätte aus wirtschaftlichen Gründen schließen müssen, so der ärztliche Leiter Hermann Simmer.

Nach der Vorstellung des Konzeptes konnten die Besucher ihre Fragen stellen.

Zum Sicherheitskonzept: Warum ist ein Wachdienst notwendig? Das Land als Träger der Einrichtung hat ein Sicherheitskonzept erarbeitet. Es gibt eine 24-Stunden-Betreuung durch einen Wachdienst mit jeweils drei Mitarbeitern. Ohne Begleitung gibt es keinen Ausgang für die minderjährigen Jugendlichen. Sie sollen auch Herzweg und Schaumbergplateau weitgehend meiden, so Herbert Heyd. "Der Wachdienst dient dem Schutz der Betroffenen und dem Schutz der Bevölkerung", sagte Staatssekretär Kolling.

Was passiert mit den bisherigen Patienten des Schaumberger Hofes? Schon vor drei Monaten habe es einen Aufnahmestopp gegeben, sagte der ärztliche Leiter, Dr. Hermann Simmer. Betroffen von der Schließung seien zwölf Patienten. Für jeden habe man eine Lösung gefunden zum Beispiel in anderen Fachkliniken. Simmer: "Jeder ist bestens versorgt."

Wie können die Flüchtlinge in nur eine Woche therapiert werden? Dafür ist die Zeit doch viel zu kurz? Traumata könne man nicht in einer Woche aufarbeiten, bestätigte die Fachärztin Eva Möhler. Die Betroffenen stünden unter einer großen Anspannung, seien überwachsam. Hier könne man schon weiterhelfen, um eine Stabilität zu erreichen. "Jugendliche, die stark traumatisiert sind, werden nicht weitergeleitet, sondern weiter behandelt", ergänzte Stephan Kolling.

Wo kommen die 1,8 Millionen Euro für das Erstaufnahmezentrum her? Aus dem Landeshaushalt. "Jugendhilfe ist eine gesetzliche Aufgabe", sagte der Tholeyer Bürgermeister Hermann Josef Schmidt. Das jetzt gewählte Verfahren sei das kostengünstigste, erklärte Staatssekretär Kolling.

Wo greift das ehrenamtliche Engagement? Die Jugendlichen sind nur kurz am Schaumberg. Sind sie erfasst, medizinisch untersucht, bleiben sie nur noch einige Tage am Schaumberg, bis sie weiterreisen können. In diesem Zeitraum können laut Staatssekretär Kolling Ehrenamtliche helfen, zum Beispiel mit Sport- und Kreativangeboten: "Und so den Aufenthalt in Tholey zu einem positiven Erlebnis machen."

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