Aber beim nächsten Mal bitte mit Sané

Aber beim nächsten Mal bitte mit Sané

Bundestrainer sind wir derzeit alle ein bisschen. Wie aber sehen wirkliche Trainer die Auftritte der DFB-Elf? Um das herauszufinden, schaut ihnen die SZ beim Zugucken über die Schulter. Dieses Mal in Neipel mit Andreas Caryot, dem Trainer des VfL Primstal.

Gemeinsam sieht man besser. Im Hause Caryot werden die Spiele der deutschen Fußball-Nationalmannschaft deshalb per Mini-Public-Viewing im Heimkino-Format verfolgt. "Es bietet sich doch an, dass wir mit der Familie, Verwandtschaft und Freunden zusammen gucken", sagt Andreas Caryot, der Trainer des Saarlandligisten VfL Primstal.

Manchmal wird dabei gegrillt, vor der Achtelfinalpartie gegen die Slowakei ruft diesmal der Pizzabote: "Essen ist da". In der Aufstellung von Bundestrainer Joachim Löw fehlt Mario Götze . "Den hätte ich gar nicht mitgenommen, er hat zu lange nicht gespielt", sagt Caryot. Sein Freund und langjähriger sportlicher Weggefährte Luca Lanfranco ist gerade noch rechtzeitig eingetroffen, als Jérôme Boateng die Kugel zum 1:0 für Deutschland ins Tor jagt. "Super Schusstechnik", schwärmt Lanfranco, der derzeit den Landesligisten SV Bardenbach trainiert. Dagegen kann Mesut Özil mit seiner körperlosen Spielkunst Caryot nicht überzeugen. "So lasch, wie er spielt, hat er auch den Elfmeter geschossen. Das war ein dankbarer Ball für den Tormann", kritisiert er.

Deutschland dominiert die Partie klar, ein zweiter Treffer liegt in der Luft, aber der Schauplatz und der Gesprächsstoff wechseln. Neu aufgekommene Gerüchte über einen Rückzug der SG Saubach aus der Saarlandliga werden diskutiert. "Beim Turnier am nächsten Wochenende in Saubach werden wir mehr wissen", beendet Caryot die Spekulationen, denn in Lille hat sich was getan. Die Slowakei war gefährlich im deutschen Strafraum aufgetaucht, aber an Manuel Neuer gescheitert. "So schnell kann es gehen . . .", sagt Caryot noch, ehe er eine Minute später das 2:0 bejubelt. "Geil vorbereitet von Julian Draxler", findet Caryot. Lanfranco imponiert, wie Torschütze Mario Gomez seinen Körper vor den Gegenspieler geschoben hat.

Nervennahrung muss wegen der überlegenen Spielweise der DFB-Elf nach dem Seitenwechsel nicht verzehrt werden. "Die deutsche Mannschaft wird nicht echt gefordert", meint der 47-jährige Caryot, der als Stützpunkttrainer des Saarländischen Fußballverbandes auch den Nachwuchs ausbildet. Den Auftritt von Jonas Hector aus Auersmacher bezeichnet er als grundsolide, Draxlers Tor zum 3:0-Endstand als längst überfällig.

Was Caryot anders gemacht hätte? Er hätte dem Schalker Leroy Sané seinen ersten EM-Einsatz beschert. "Der Bundestrainer gibt doch jedem eine Chance", sagt er. "Und Schweinsteiger baut er auf." Löws Ballbesitz-Fußball kommt bei ihm an, nur das Ergebnis nicht. "Ich hatte ein 4:0 getippt", sagt Caryot und verzieht den Mund. Er wird es verschmerzen, denn von einem slowakischen Arbeitskollegen hat er bereits letzte Woche eine Flasche Sliwowitz für einen Sieg der deutschen Elf bekommen.

Nun steht das Viertelfinale an. Spanien oder Italien - welches Team wäre der angenehmere Gegner? Caryot: "Egal. Ich traue der AH aus Italien nicht viel zu." Kumpel Lanfranco, in Italien geboren, ist zurückhaltend. "Ich weiß nicht, ob Italien die Spanier besiegen kann." Die Partie gestern Abend hat Caryot im Heimkino übrigens verpasst: Trainingsauftakt in Primstal mit seiner Saarlandliga-Mannschaft.