St. Wendel stellt Julia Klöckner das Programm Landaufschwung vor

Landaufschwung : „Regionalentwicklung braucht Kontinuität“

Ländliche Regionen voranbringen. Konkrete Projekte testen. Das sind Ziele des Modellprogrammes Landaufschwung. Finanziert vom Bundes- landwirtschafts- ministerium. Über die Umsetzung in St. Wendel hat sich Ministerin Julia Klöckner informiert.

In der Großstadt können die Einwohner an fast jeder Ecke einkaufen, auf dem Land müssen sie oft in die Stadt fahren, weil es im Dorf keine Geschäfte mehr gibt. In der Stadt fahren Busse, U- und S-Bahnen im Minutentakt, auf dem Land oft nicht mal jede Stunde. In der Stadt ist Wohnraum kaum mehr zu bezahlen, auf dem Land stehen immer mehr Häuser leer. In der Stadt sind viele auf sich allein gestellt, auf dem Land kennt fast jeder jeden, hilft man sich gegenseitig.

Einige Schlagworte, die die Stadt-Land-Beziehung beschreiben. Aber auch Zukunftsaufgaben, wenn es gilt, den ländlichen Raum attraktiv zu halten, zu sichern, dass Menschen dort gerne und gut leben können. Von der „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ sprach dann auch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) am Freitag bei ihrem Besuch in St. Wendel (wir berichteten kurz). Schließlich macht der ländliche Raum rund 90 Prozent der Fläche der Bundesrepublik aus, lebt hier die Hälfte der Bevölkerung.

Um herauszufinden, mit welchen konkreten Projekten ländlichen Regionen geholfen werden kann, hat das Landwirtschaftsministerium 2015 das Modellvorhaben Landaufschwung ins Leben gerufen. Bei ihrem Besuch im Unternehmer- und Technologiezentrum St. Wendel informierte sich Julia Klöckner vor zahlreichen Gästen aus Politik und Wirtschaft, wofür St. Wendel die 2,83 Millionen Euro ausgegeben hat. Dies erläuterte Hans-Josef Scholl, Leiter der Wirtschaftsförderungsgesellschaft St. Wendeler Land, die sich als regionale Entwicklungsagentur um die Umsetzung des Programmes gekümmert hat.

Insgesamt 39 Projekte sind mit Mitteln des Landaufschwungs gefördert worden. Scholl nannte einige Beispiele. Da ging es um die Dorfinnenentwicklung und die Ausweisung von Sanierungsgebieten. Hier ist es gelungen, dass Hausbesitzer in ihre älteren Immobilien investieren. Man  erwarte in zehn Jahren ein Wertschöpfungspotential in einem hohen zweistelligen Millionenbetrag. Ein erfolgreicher Hebel, so Scholl, um die Dorfkerne attraktiver zu machen.

Beim Projekt „St. Wendeler Land nimmt an die Hand“ habe man 231 Zuwanderer in Arbeit, Ausbildung oder Selbstständigkeit begleitet. Bei „Paten mit Herz“ geht es um die Unterstützung von Senioren. 31 ehrenamtliche Paten sind aktuell im Landkreis aktiv. „Mitmacher gesucht Verein(t)“ kümmert sich um die Betreuung von Vereinen. 833 Ehrenamtliche haben an 136 Vereinsberatungen bisher teilgenommen, 50 Workshops für Vereine haben bisher 697 Teilnehmer besucht. „Als ländliche Region ist das Ehrenamt von eminenter Bedeutung“, unterstrich Scholl. Sein Fazit: „Wir haben in den vier Jahren sehr viel gelernt. Das hat uns vorangebracht.“ Das Programm habe sich bewährt.

Landrat Udo Recktenwald (CDU) stellte  zu Beginn des Besuches kurz den Landkreis vor. Regionalentwicklung spiele im St. Wendeler Land schon seit Jahren eine wichtige Rolle. Recktenwald unterstrich auch die Bedeutung der Kultur-Landschaftsinitiative (Kulani), die die lokalen Ressourcen im Blick hat. Mit Mitteln aus dem Leader-Programm der EU wird die Kulani seit 2003 gefördert, bisher mit 6,5 Millionen Euro. „Die Kulani hat uns geholfen, Strukturen zu entwickeln und aufzubauen und dadurch den Grundstein für Landaufschwung zu legen.“

Beide Programme sind auch nicht für sich alleine zu sehen, die Mitarbeiter arbeiten eng zusammen, ein Netzwerk hat sich gebildet. Das erklärte Thomas Gebel, Leiter des Amtes Entwicklung ländlicher Raum der Kreisverwaltung und Vorsitzender der Kulani. „Wie können wir unsere Strukturen erhalten und finanziell absichern?“ Auf diese Frage ging Gebel näher ein und stellte mehrere Thesen zur Regionalentwicklung vor: „Regionalentwicklung braucht Zeit, bis sie wirkt.“ Sie brauche Geld, abgestimmte Konzepte, engagierte Menschen und  funktionierende Netzwerke. Ebenso die Zusammenarbeit verschiedener Ebenen. Gebel: „Regionalentwicklung braucht Kontinuität.“

Das sieht auch der Kreistag so und hat vor kurzem eine Resolution verabschiedet. In dieser fordert der Landkreis, dass er eigene Mittel für diese Zukunftsaufgabe in die Hand nehmen darf. Über die beschränkte Möglichkeit der Finanzierung als freiwillige Aufgabe hinaus.

Eine weitere Förderung über Landaufschwung ist laut Ministerin Klöckner nicht möglich. Solche Modellprojekte seien zeitlich begrenzt. Sonst  handele es sich um Strukturförderung, die so nicht möglich ist, weil sie in die Rechte der Bundesländer eingreift. Klöckner sprach sich dafür aus, das Thema Entwicklung ländlicher Räume in die Gemeinschaftsaufgabe Agrar- und Küstenschutz aufzunehmen. Dann dürfe der Bund hier finanziell unterstützen. Allerdings müssen die Länder die Kofinanzierung sicherstellen.

Klöckners Fazit zu Landaufschwung fiel positiv aus: „Wir haben die Entscheidung, welche Projekte sinnvoll sind und wie die Region vorangebracht werden kann, ganz bewusst in die Hände der engagierten Menschen vor Ort gelegt. Der Bund setzt den Rahmen, mit Leben gefüllt wird er hier in St. Wendel. Mit großem Erfolg, wie ich heute eindrucksvoll erleben kann.“

Auch Oberkirchen ist Teil des Modellprogrammes Landaufschwung. Als Energiedorf liegt der Schwerpunkt hier bei der Infrastruktur der Zukunft. Foto: B & K/Franz Rudolf Klos

Einen Erfolg, auf dem Kreistag und Kreisverwaltung aufbauen wollen. Udo Recktenwald: „Wir wollen hier selbst Geld in die Hand nehmen. Daher muss Regionalentwicklung eine zugelassene abweisbare (freiwillige) Aufgabe der Landkreise werden, was sie bisher nicht ist. Dafür setzen wir uns auf Landes- und Bundesebene ein.“

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