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Stilles Örtchen: Wohin rollen, wenn es pressiert?

Stilles Örtchen : Wohin rollen, wenn es pressiert?

Wochenlang war die Behindertentoilette in der St. Wendeler City außer Betrieb, ab heute ist sie wieder offen. Das WC am Bahnhof bleibt indes geschlossen – Schuld sind Vandalen, die ihre Zerstörungswut auf Kosten aller ausleben.

„Wegen Vandalismus geschlossen.“ In großen weißen Lettern prangt der Satz auf einem schwarzen Schild, das Mitarbeiter des Landratsamtes an die eiserne Eingangstür geklebt haben. Die Tür führt in ein Gebäude, das sich zwischen Bahnhof und Rondell duckt. Hinter der grau-braunen Pforte verbirgt sich eine öffentliche Toilettenanlage – oder besser gesagt das, was davon übrig ist. Der Sanitärraum am Bahnhof St. Wendel ist nicht nur ein sehr stilles Örtchen, sondern auch ein sehr kaputtes. „Man kann sich gar nicht vorstellen, mit welcher Zerstörungswut da immer wieder gehaust wurde“, erklärt auf SZ-Nachfrage ein Sprecher des Landratsamtes, das für die Anlage zuständig ist. Teile der zerstörten Inneneinrichtung seien schon mitten in der Stadt aufgetaucht. Sogar hinter dem Landratsamt seien Teile gefunden worden. „Es ist unglaublich.“

„Ein Unding“, sei es, hatte Michael Meyer an die Saarbrücker Zeitung geschrieben, „wie die Kreisstadt St. Wendel mit behinderten Menschen umgeht und die Obrigkeit sich eher mit Festen (. . .) schmückt, statt sich den Bedürfnissen der behinderten Bürger anzunehmen.“ Aufgrund dieses Schreibens hatte die SZ nachgefragt, was denn da los ist auf den stillen städtischen Örtchen. Meyer, selbst auf Toiletten für behinderte Menschen angewiesen, schimpft: „Die Kreisstadt St. Wendel unterhält zwei öffentliche Toilettenanlagen in ihrem Stadtkern.“ Eine sei die besagte am Bahnhof, die andere die an der Tiefgarage. „Die Behindertentoilette am Parkhaus ist schon rund vier Wochen außer Betrieb. Die Behindertentoilette am Bahnhof nun seit rund einer Woche.“ Seine Mutter habe sich deswegen bereits mehrfach beschwert. Das Resultat sei „gleich null“ gewesen. „Anscheinend ist der Schwerbehindertenbeauftragte der Kreisstadt nicht behindert und kann demzufolge die Schikane der behinderten Menschen nicht nachvollziehen. Auch scheint es die Bürgerbeauftragte, welche es ja anscheinend gibt, nicht zu kümmern. Dabei sollte doch ihr Interesse schon aus der Amtsbezeichnung heraus dem Bürger gelten. Oder etwa nicht?“

„Die Beschwerden des Herrn Meyer sind sehr wohl bei uns angekommen“, sagt Volker Schmidt, Sprecher der St. Wendeler Stadtverwaltung. Seine E-Mails zu diesem Thema „wurden von der Bürgerbeauftragten oder dem Behindertenbeauftragten der Kreisstadt stets zeitnah beantwortet“. Das sei belegbar. Im Übrigen sei die Stadt lediglich für die Behindertentoilette in der Mott neben der Einfahrt zur Tiefgarage zuständig. Die am Bahnhof falle in den Aufgabenbereich der Kreisverwaltung, wie eingangs beschrieben.

Dass das WC für Behinderte in der Mott seit längerem außer Betrieb ist, bestätigt Schmidt. Von fünf Wochen ist die Rede – dieses Mal. „Leider wurde und wird die Toilette an der Tiefgarage immer öfter Opfer von Vandalismus und muss bis zur anschließenden Reparatur geschlossen bleiben. Im aktuellen Fall wurde beispielsweise der Münzweinwurf komplett aus der Verankerung gerissen“, erklärt Schmidt. Mehr als 10 000 Euro habe die Stadt in den vergangenen drei Jahren in die Reparatur der Toilette gesteckt. Der Stadtsprecher berichtet von „abgerissenen Waschbecken, zerstörten Toilettenschüsseln, abgerissenen Griffen“. Wieder und wieder werde die Toilette verdreckt, verstuhlt und verstopft. Auch der Münzeinwurf sei nicht zum ersten Mal aus der Wand gerissen worden. „Das ist aufwändig zu reparieren – wegen der rausgerissenen Kabel muss auch die Elektroinstallation erneuert werden.“ Entsprechend teuer sei die Instandsetzung. Schmidt spricht von Kosten im mittleren vierstelligen Bereich. Und Zeit brauche das ganze auch. Gestern war jedoch eine Firma vor Ort und hat den vor Wochen neu bestellten Münzapparat eingebaut. Zusammenfassend sagt Schmidt: „Sinnlose Zerstörungswut dieser Art ist ein immer größer werdendes gesellschaftliches Problem, und jeder, der so handelt, sollte sich einmal bewusst machen, wem er letztendlich damit schadet.“ Jedenfalls sei es mitnichten so, „dass die Kreisstadt St. Wendel die Belange behinderter Mitbürger ignoriert. Ganz im Gegenteil“. Um die Reparatur der Toiletten kümmerten sich Mitarbeiter der Stadt immer umgehend. „Dennoch kann es – je nach Grad der Zerstörung oder der Wartezeit auf die Ersatzteile – einige Zeit dauern, bis die Toiletten wieder einsatzbereit sind.“ So wie im aktuellen Fall.

Mit roher Gewalt wurde der Münzeinwurf an der Toilettenanlage in der Innenstadt aus der Wand gerissen. Foto: Thorsten Grim

Das Klo am Bahnhof ist übrigens kein explizites Behinderten-WC, „sondern die Toilette ist für alle. Sie ist jedoch behindertengerecht ausgebaut“, erklärt der Sprecher des Landratsamtes. Behinderten hätten gemeinhin einen Schlüssel, damit sie die Anlage kostenfrei nutzen können. Oder besser gesagt könnten. Denn derzeit verrichtet dort niemand seine Notdurft. „Die Toilette ist geschlossen – und wie es ausschaut, wird sie es auch bleiben.“ Man sei im Landratsamt zu der Erkenntnis gelangt, dass es nichts bringe, die Anlage immer und immer wieder instand zu setzen. Kurz darauf sei sie eh wieder kaputt. Dass das für Meyer, aber auch für alle anderen, die dringend mal müssen, nicht schön ist, sei klar. Aber das Maß sei eben voll. Ettliche Tausend Euro habe der Landkreis in jüngerer Vergangenheit für Reparaturen berappt. Und die Kamera, die den Eingangsbereich der Sanitäreinrichtung überwacht? „Die funktioniert“, heißt es aus dem Landratsamt. Aber bislang habe sie nicht dazu beitragen können, auch nur einen Vandalen dingfest zu machen. Weil die zumeist vermummt seien, wenn sie ihr zerstörerisches Werk beginnen, und obendrein die Kamera zur Seite drehen oder sogar mit kaputtschlagen.