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„Wir wollen nur das haben, was uns zusteht“

„Wir wollen nur das haben, was uns zusteht“

„Wir begehen keinen Abrechnungsbetrug.“ Gerd Leins, kaufmännischer Direktor des Marienkrankenhauses St. Wendel ist verärgert. Der Grund ist der Vorwurf des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) an die Krankenhäuser in Deutschland (wir berichteten). Demnach sei bundesweit seit dem Jahr 2011 jede zweite vom Medizinischen Dienst geprüfte Krankenhausrechnung fehlerhaft gewesen.

Allein im ersten Halbjahr 2013 sei durch die fehlerhaften Abrechnungen ein Schaden von 2,3 Milliarden Euro bundesweit entstanden, behauptet der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen. Würden die Krankenhäuser richtig abrechnen, dann könne der Beitragssatz der Krankenversicherung um 0,2 Punkte auf 15,3 Prozent gesenkt werden. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft , der Dachverband der Kliniken , hingegen hat die Vorwürfe "als schlichtweg falsch" zurückgewiesen. Die Kliniken würden "in unzulässiger Weise diskreditiert".

Das sehen auch Gerd Leins und Armin Schäfer vom Marienkrankenhaus St. Wendel so. Schäfer ist der Leiter der Abteilung Medizincontrolling des Krankenhauses. "Der Eindruck, jede zweite Abrechnung ist falsch, ist in sich verkehrt", sagt Schäfer. Zum einen handele es sich um Stichproben-Prüfungen und nicht um alle Abrechnungen. Zum anderen hätten die Beanstandungen nichts mit Falsch-Abrechnungen zu tun. In der Hälfte der Fälle gehe es um Verweildauer-Fragen, seien die Kassen anderer Ansicht als die Krankenhäuser und kürzten deshalb die Rechnungen.

Armin Schäfer beschreibt einen Beispielsfall. Dieser spiegele die Realität in der deutschen Kliniklandschaft. Eine ältere Patientin, die zu Hause auf sich allein gestellt sei, müsse zur Operation in die Klinik. Da Vorbereitungen auf Operationen nach Ansicht der Kassen die persönlichen Lebensumstände der Patienten nicht mehr berücksichtigen dürften, müsse die Patientin alle notwendigen Untersuchungen vor der stationären Aufnahme ambulant organisieren. Dies überfordere die meisten älteren Patienten .

Keine langen Aufenthalte

Des Weiteren müsse die Operation am Aufnahmetag durchgeführt werden, damit keine ungerechtfertigten Liegezeiten entstehen. Auch erlaube die Phase der Genesung nach der Operation keine ausreichende Zeit der klinischen Beobachtung mehr. Die Patientin sei trotz ihres Alters und obwohl sie alleine Zuhause lebe, unverzüglich zu entlassen, wenn keine schwerwiegenden Begleiterscheinungen vorliegen.

Armin Schäfer in seiner Stellungnahme: "Jeder Tag, den man der Seniorin aus medizinischer Sicht zur Genesung und Stabilisierung zugestehen würde, wird vom MDK als unnötig und nicht begründet bedingungslos gestrichen." Und weiter: "Durch diese Kürzung, die außerdem erst bis zu einem Jahr nach der Entlassung der Patienten vorgenommen wird und über die der Patient nicht informiert wird, entsteht ein reduzierter Erlösbetrag, der als Abrechnungsbetrug gewertet wird." Mehr als die Hälfte der überprüften Fälle werden laut Schäfer nach diesem Muster gekürzt: Ärztliche Vorsicht und die individuelle Genesung der Patienten seien für den MDK kein Bewertungsmaßstab.

Jeder zusätzliche diagnostische, therapeutische und pflegerische Aufwand werde so grundsätzlich infrage gestellt oder als nicht erforderlich abgelegt. Schäfer: "Die Kassen werten dies ebenso als Betrugsversuch der Klinikseite und nicht als verantwortliches Handeln im Sinne der Patienten ."

Gerd Leins ergänzt: "Bei uns sind nur die Patienten stationär, die auch stationär behandelt werden müssen." Der kaufmännische Direktor unterstreicht: "Wir sind 365 Tage 24 Stunden im Einsatz. Uns dann als Betrüger darzustellen, das ist ein Schlag ins Gesicht unserer Mitarbeiter. Wir wollen nur das haben, was uns zusteht."

Erschwerend komme hinzu, dass die Krankenkassen die Leistungen zunächst nur mit etwa 70 Prozent vergüten würden. Diese Praxis werde mit Fragen zu Abrechnungsinhalten gerechtfertigt. Diese Vorgehensweise führe in den saarländischen Kliniken zu dauerhafter Unterfinanzierung. Darüber hinaus sei der Aufwand für die Dokumentation der einzelnen Fälle immer größer geworden.

Kliniken machen Miese

Das 2003 eingeführte Fallpauschalensystem habe über die Jahre dazu geführt, dass die Einnahmen immer öfter die Ausgaben nicht mehr decken. Laut Schäfer schreiben mehr als die Hälfte der Kliniken im Saarland rote Zahlen.

Das St. Wendeler Marienkrankenhaus hat rund 680 Mitarbeiter und behandelt etwa 10 000 Patienten im Jahr.