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Wer vorausschauend baut, der baut für die Zukunft mit

Wer vorausschauend baut, der baut für die Zukunft mit

Frau Loch, Sie sind mit dem Deutschen Immobilienpreis 2010 ausgezeichnet worden wegen Ihrer Dissertation zum Thema "Das adaptive Habitat. Typologie und Bedeutungswandel flexibler Wohnmodelle". Was heißt adaptives Habitat?Sigrid Loch: Zugegeben, der Begriff klingt sehr wissenschaftlich. Er bedeutet "Die anpassungsfähige Behausung"

Frau Loch, Sie sind mit dem Deutschen Immobilienpreis 2010 ausgezeichnet worden wegen Ihrer Dissertation zum Thema "Das adaptive Habitat. Typologie und Bedeutungswandel flexibler Wohnmodelle". Was heißt adaptives Habitat?Sigrid Loch: Zugegeben, der Begriff klingt sehr wissenschaftlich. Er bedeutet "Die anpassungsfähige Behausung". Ich habe ihn als Oberbegriff für flexible Grundriss-Typen von Gebäuden gewählt, die leicht angepasst werden können, wenn sich die Nutzungsanforderungen ändern. Bei der Preisverleihung hat die Jury besonders herausgestellt, dass flexible Wohnkonzepte erheblich zu einer langfristigen ökonomischen und ökologischen Wertstabilität von Wohngebäuden mit beitragen können. Wo sehen Sie die Probleme in der heute noch üblichen Bauweise?Loch: Im Einfamilienhaus-Bereich machen viele Bauherren den Fehler, dass sie nur für den Augenblick planen und die Zukunft außer Acht lassen: Was ist, wenn die Kinder in einigen Jahren aus dem Haus ziehen oder wenn ein Partner einmal pflegebedürftig wird? Wohnungen und Häuser werden meistens nur für einen bestimmten Familienstand zu einem Zeitpunkt X geplant. Das Wohnen ist aber wie keine andere Nutzung Bedarfsänderungen unterworfen. Und eigentlich sind diese Veränderungen auch vorhersehbar. Wohnungen sollten deshalb immer so geplant werden, dass sie auch zukünftige Szenarien mit einschließen. Nur wer Wohnen als Prozess begreift, kann vorausschauend planen.Ist das beim öffentlichen Wohnungsbau nicht genauso?Loch: Das betrifft auch den öffentliche Geschosswohnungsbau: Die Entwicklung der modernen Wohnbauarchitektur war im 20. Jahrhundert stark von der Suche nach flächenoptimierten und funktionalen Grundrissen und Gebäudetypen für den Massenwohnungsbau geprägt. Starre Familienwohnmuster mit festgelegten Raumnutzungen entsprechen aber nicht mehr dem heutigen Bedarf. Heute geht es vielmehr um die Erschließung der großen Potenziale flexibler Wohnmodelle für ein zeitgemäßes, individuelles und nachhaltiges Wohnen. Denn in den letzten Jahrzehnten haben sich nicht nur die Haushaltsformen gewandelt, auch die individuellen Wohnvorstellungen haben sich stark ausdifferenziert. Inwiefern?Loch: Durch die veränderten soziodemografischen Strukturen hat sich die Dynamik im Wohnungsbau insgesamt vergrößert. Auch hohe Scheidungsraten und die Unsicherheit des Arbeitsplatzes haben ihre Auswirkungen auf das Wohnen. Wohnungen, die sich hier anpassen lassen, können viele Vorteile bringen, wie zum Beispiel das Vermeiden von Umzügen. Und das spart auch Kosten. Können Sie Beispiele nennen, wie flexible Wohnmodelle umgesetzt werden können?Loch: In meiner Forschungsarbeit unterscheide ich drei Haupttypen: Die "Funktionale Flexibilität" umfasst Wohnangebote, bei denen die einzelnen Räume so proportioniert sind, dass sie per se für unterschiedliche Nutzungen geeignet sind. Beispielsweise die beliebten Gründerzeitwohnungen besitzen so großzügige Raumzuschnitte, dass sie für unterschiedliche Haushaltsformen geeignet sind. Sie sind so flexibel, dass bei Bedarf Wohnungen mit geringem Umbauaufwand auch zu Büros und Praxen umgenutzt werden können. Und das zweite Wohnmodell?Loch: Den zweiten Haupttyp nenne ich "Integrierte Flexibilität". Kleine Wohneinheiten, insbesondere im Altenwohnbereich können durch integrierte flexible Schiebewände erheblich aufgewertet werden. Wenn beispielsweise in einer kleinen Zwei-Personen-Altenwohnung der Schlafraum mittels großer Schiebewände tagsüber zum Wohnraum hin komplett geöffnet werden kann, dann kann auch eine bettlägrige Person am Wohngeschehen teilnehmen und fühlt sich nicht ausgeschlossen. Auch hier entsteht kein konstruktiver Aufwand, da die Flexibilität bereits beim Einbau der variablen Elemente in die Raumstruktur integriert ist. Und wie sieht das dritte Modell aus?Loch: Dagegen ist die Umsetzung des dritten Typs, der "Konstruktiven Flexibilität" mit einem gewissen Umbauaufwand verbunden. Hier geht es beispielsweise um Vorplanungen, um die Raumaufteilung einer Wohnung langfristig ändern zu können oder eine Wohnung bei Bedarf in zwei Einheiten unterteilen zu können. Diese Konzepte eignen sich besonders zur Erstanpassung des Wohnungsgrundrisses bei Bezug sowie für langfristige Anpassungsrhythmen.Ist dies für öffentliche und private Bauherren gleichermaßen ein Thema?Loch: Beispielsweise in der Schweiz wurden in den letzten Jahren zahlreiche öffentliche und genossenschaftliche Geschosswohnungsbauten und sogar Mietwohnungsbauten so flexibel vorgeplant, dass die Nutzer beim Bezug selbst über die Raumaufteilung und die Ausstattungsstandards ihrer Wohnung entscheiden konnten. Eine solche Mitsprache ermöglicht eine viel stärkere Identität mit der Wohnung, was sich auch in geringeren Umzugsraten deutlich niederschlägt. Aber auch beim Wiederverkauf einer Wohnung kann es ein großer Vorteil sein, wenn Anpassungen an die Wohnwünsche der neuen Nutzer ohne großen Aufwand möglich sind. Und auch Vorplanungen für spätere Anpassungen an Barrierefreiheit gewinnen mit dem demografischen Wandel für öffentliche wie für private Bauherren zunehmend an Bedeutung.Was sollen private Bauherren verstärkt beachten?Loch: Für private Bauherren im Einfamilienhaussektor bieten flexible Konzepte große Potenziale, um für die vorhersehbaren Nutzungsänderungen im Familienzyklus vorzuplanen. Die junge Familie, die ein Haus baut, sollte sich schon am Anfang überlegen, wie das Haus später genutzt werden könnte. Wenn beispielsweise zusätzliche Versorgungsleitungen gelegt oder ein zweiter Hauseingang vorgesehen werden, kann später eine zweite Wohneinheit abgeteilt und untervermietet werden. Für die Eigentümer bedeutet ein solches Konzept auch finanzielle Sicherheit.Was verstehen Sie unter privaten Baugemeinschaften?Loch: Neben den traditionellen öffentlichen Bauträgern und privaten Bauherren entwickeln sich derzeit aber auch die privaten Baugemeinschaften in Deutschland zu einer ernst zu nehmenden dritten Trägerform. Diese Entwicklung startete in den 90er Jahren in Tübingen und Freiburg. Inzwischen zählen wir schon etwa 1000 baugemeinschaftliche Wohnprojekte, allein in Berlin entstehen derzeit 200. Insbesondere bei diesen Projekten sind flexible Grundrisskonzepte sehr stark nachgefragt. Es geht beim gemeinschaftlichen Bauen ja nicht nur darum Kosten zu sparen, sondern auch um die Verwirklichung individueller Wohnvorstellungen in einer selbst gewählten Nachbarschaft. Bei vielen dieser meist städtischen Wohnbauten wird die Tragstruktur so vom Ausbau getrennt, dass der Grundriss in jedem Geschoss unterschiedlich aufgeteilt und auch langfristig wieder verändert werden kann.Können Bauinteressenten bei Neubauten von Ihrer Forschung schon profitieren?Loch: Viele Konzepte des flexiblen Bauens sind prinzipiell nicht neu, aber es gibt wenig Fachliteratur darüber. Insbesondere seit den 1990er Jahren gibt es viele interessante Weiterentwicklungen und verbesserte Umsetzungen, die noch nicht zusammenhängend erfasst wurden. Ich plane daher gerade ein kleineres, stark anwendungsorientiertes Handbuch, das auf meiner Forschungsarbeit aufbauen soll. Ziel ist es, die verschiedenen Prinzipien des flexiblen Bauens und deren Potenziale für Planer und Bauherren mittels Grafiken und Kurztexten schnell erfassbar darzustellen und die jeweiligen Vor- und Nachteile an ausgewählten neueren Projektbeispielen anschaulich zu erläutern. Kostet diese Flexibilität nicht deutlich mehr Geld?Loch: Flexibilität beansprucht meist ein "Mehr" bei der Erstellung: etwas "Mehr" an Raumfläche, etwas "Mehr" an Deckenspannweite oder etwas "Mehr" an Erschließungsmöglichkeiten oder Installationsführung - und in vielen Fällen erfordert sie auch etwas "Mehr" an Engagement vonseiten der Planer. Doch dieses "Mehr" muss nicht automatisch auch immer höhere Investitionskosten bedeuten, wie zahlreiche Projekte aus der Schweiz und den Niederlanden zwischenzeitlich belegen. Und darüber hinaus zahlt sich der höhere Anfangseinsatz schon beim Erstbezug und vor allem über die gesamte Nutzungsdauer einer Immobilie in vielerlei Hinsicht aus. Flexibilität schafft auch "Mehrwert"!

 Wer sein Haus plant, denkt heute oft nur an die aktuellen Erfordernisse Nutzung und vernachlässigt häufig künftige Nutzungsmöglichkeiten. Mit fexiblen Wohnmodellen lässt sich da gegensteuern. Foto: pm/djd
Wer sein Haus plant, denkt heute oft nur an die aktuellen Erfordernisse Nutzung und vernachlässigt häufig künftige Nutzungsmöglichkeiten. Mit fexiblen Wohnmodellen lässt sich da gegensteuern. Foto: pm/djd

Zur PersonSigrid Loch wird 1963 in Saarbücken geboren und wächst in Winterbach auf. Nach der Grundschule in Winterbach besucht sie das Cusanus-Gymnasium in St. Wendel und macht dort ihr Abitur. Anschließend studiert Loch Architektur an der Uni Kaiserslautern und der Akademie der Bildenden Künste Wien. Nach einigen Praxisjahren in verschiedenen Architekturbüros arbeitet Sigrid Loch zurzeit als akademische Mitarbeiterin am Institut Wohnen und Entwerfen der Uni Stuttgart. Dort hat sie auch ihre jetzt ausgezeichnete Doktorarbeit geschrieben. Ihr Vater, Alfred Loch, war auch Architekt. Ihre Mutter Käthe Loch, geborene Lieb, hat Friseurin gelernt und lebt in Winterbach. Sigrid Loch hat zwei Brüder: Jörg Loch, Jahrgang 1961, führt ein Architekturbüro in Ludwigshafen. Christian Loch, Jahrgang 1971, ist Ingenieur für Akustik und Elektrotechnik, er führt die drei Unternehmen "Schallschutz Saar", "Audiotechnik Loch" und "hellhoerig" mit Sitz in St. Wendel/ Winterbach. vf