1. Saarland
  2. St. Wendel
  3. St. Wendel

Wenn es zum Essen nicht mehr reicht

Wenn es zum Essen nicht mehr reicht

Die Hände ganz tief in den Taschen vergraben, so steht Michael Bier vor der Ausgabestelle der St. Wendeler Tafel. Es ist kalt an diesem Mittwochmorgen, der Nebel verdeckt den Himmel über St. Wendel. Hätte Bier die Wahl, würde er jetzt lieber bei seinen fünf Kindern und seiner Frau zu Hause sein

Die Hände ganz tief in den Taschen vergraben, so steht Michael Bier vor der Ausgabestelle der St. Wendeler Tafel. Es ist kalt an diesem Mittwochmorgen, der Nebel verdeckt den Himmel über St. Wendel. Hätte Bier die Wahl, würde er jetzt lieber bei seinen fünf Kindern und seiner Frau zu Hause sein. Doch diese Wahl hat der 44-Jährige nicht: Das Einkommen seiner Frau, die Krankenpflegerhelferin ist, reicht einfach nicht aus. "Es fehlt an allen Ecken und Enden", sagt der Familienvater. Seit einem Jahr ist er Kunde bei der St. Wendeler Tafel, die vom Caritas-Verband Schaumberg-Blies betrieben wird, und holt einmal die Woche Lebensmittel für die Familie. "Am Anfang habe ich mein Auto immer weit weg geparkt, damit die Leute nicht sehen, dass ich zur Tafel gehe", erzählt Bier. "Ich habe mich so geschämt." Heute macht der Bubacher kein Geheimnis mehr daraus - doch immer noch fällt ihm jeder Gang hierher schwer. Michael Bier ist nicht der einzige, der bereits über eine halbe Stunde vor Ausgabebeginn an der weißen Eingangstür der St. Wendeler Tafel steht. Außer ihm sind bereits rund 30 weitere Bedürftige da - ein altes weishaariges Mütterchen steht dort genauso wie die junge Frau mit dem Kind auf dem Arm, der Rentner genauso wie der Mann Mitte 30. Viele kennen sich bereits. Mit einem Plausch überbrücken sie die Wartezeit. Um halb zwölf ist es endlich so weit. Tafel-Mitarbeiter Rolf Kiesgen tritt in die Tür und ruft die erste Gruppe auf, die sich sogleich vor der Empfangstheke drängelt. Auch Michael Bier tritt an die Tresen, zeigt seine Berechtigungskarte vor: Zwei Erwachsene, fünf Kinder, steht auf dem grünen Zettel. Er zahlt den symbolischen Betrag von einem Euro und geht zur Ausgabe. Wie in einem gut sortierten Obst- und Gemüseladen sind die grünen Kisten in vier Regalen aufgereiht. Verschiedene Salate, Lauch, Blumenkohl sind dort neben Apfelsinen, Kaki-Früchten und Trauben deponiert. "Obst und Gemüse spenden hauptsächlich Supermärkte, weil sie es nicht mehr verkaufen können", erklärt Rolf Kiesgen, "weil es optisch nicht mehr so schön ist und vielleicht eine Delle hat." Auch andere Lebensmittel, wie Milch, Butter und Wurst, geben die Supermärkte an die Tafel ab, weil das Verfallsdatum bald überschritten ist. "Wir geben aber keine Lebensmittel aus, deren Mindesthaltbarkeitsdatum schon abgelaufen ist", stellt Kiesgen klar. Bei der Obst- und Gemüseausgabe steht Angelika Milles, die seit der Gründung der Tafel ehrenamtlich mithilft, und nun Michael Bier bereits erwartet. "Brauchen Sie Kartoffeln und Karotten?", fragt sie den Tafel-Kunden, "davon haben wir zurzeit genügend." Mit beiden Händen greift Milles in die Kiste und lässt die Kartoffeln in Biers Tüte fallen. Auch Äpfel und Bananen gibt es reichlich. Knapp sind heute allerdings Paprika und Zitronen - die bekommen an diesem Tag nur Familien mit Kindern, und so hat Michael Bier Glück. Die Tüten gut gefüllt, geht Bier weiter zu Annelie Martin, die heute die Milchprodukte verteilt. Sie packt Joghurts, Milch und Eier in Biers Tüte und auch noch Sahnepudding. "Über die süßen Nachspeisen machen sich meine Kinder immer sofort her, weil es die bei uns sonst nicht gibt", erzählt Bier, der seine Runde gleich beendet hat. Bei der Brotausgabe holt er noch einige Kaffeestückchen ab, bevor er wieder in den kalten Herbsttag hinaustritt. "Am Anfang kam ich mir hier wie ein Bittsteller vor", sagt Bier, "inzwischen habe ich gemerkt, dass die Leute die Lebensmittel von Herzen geben. Das macht die Sache für mich etwas leichter."

Auf einen BlickUm Lebensmittel bei der St. Wendeler Tafel erhalten zu können, müssen die bedürftigen Menschen einen Selbstauskunftsbogen ausfüllen. Die Tafel benötigt dazu eine aktuelle Haushaltsbescheinigung und einen Einkommensbescheid. Betrieben wird die Tafel vom Caritas-Verband Schaumberg-Blies. Die Ausgabetermine der St. Wendeler Tafel sind mittwochs und freitags ab 12.30 Uhr. Samstags gibt es noch eine Extra-Brotausgabe ab 17.30 Uhr. bali