Wallfahrtswoche in St. Wendel mit den beliebtesten Bibelstellen

Kostenpflichtiger Inhalt: Wallfahrtswoche in St. Wendel : Zeit, Fürsorge und ein Flüchtlingskind

Viele Menschen haben eine Bibelstelle, die sie besonders schätzen. In der Basilika erläuterten vier Politiker die ihren.

Ihre schönsten Bibelstellen stellten am Sonntag vier Politiker vor. Sie lasen dazu – beim neuen Format während der Wallfahrtswoche – in der Wendelinus-Basilika vor 50 Zuhörern aus der Heiligen Schrift. Saar-Landtagspräsident Stephan Toscani (CDU) hatte eine Stelle aus dem Buch Kohelet (Prediger), Kapitel drei gewählt. Toscani zitierte: „Ein jegliches hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“ „Auch Politiker stehen unter Zeitdruck“, meinte Toscani. Dennoch habe „alles im Leben seine Zeit“. Und das müsse explizit als Aufforderung verstanden werden, sorgsam mit der zur Verfügung stehenden Zeit umzugehen. „Die Zeit hat sich extrem beschleunigt, und dabei müssen wir den richtigen Zeitpunkt erkennen“, so der 52-Jährige. Für Politiker bedeute dies, bei den großen Fragen in Europa enger zusammenzuarbeiten und sich nicht von der messbaren Zeit jagen lassen. „Aber dabei immer auf den richtigen Zeitpunkt achten und das Bewusstsein zu bewahren für die wichtigen Dinge im Leben“, betonte Toscani.

Für die Landtagsabgeordnete Petra Berg (SPD) zeichnet der erste Apostelbrief von Paulus an die Korinther ein starkes Bild für die Gemeinschaft und Gesellschaft. „Dabei darf der vermeintlich Starke nicht auf einen Schwachen herabblicken“, sagte Berg. Denn jeder habe in der Gemeinschaft seine Funktion. „Und die Gemeinschaft zeigt sich in der Beziehung zum menschlichen Miteinander“, meinte die 55-jährige Juristin aus Nalbach. Die Macht der Politiker, so Berg weiter, müsste dazu führen, dass sie Menschen und ihre Wähler überzeugen und Hass und Rassismus bekämpfen. Eine starke Gemeinschaft sei die Familie. „Eltern schützen ihre Kinder, und wenn sie dann groß sind, begleiten sie ihre Eltern im Alter“, sagte Berg. Apostel Paulus unterstreicht das in seinem Brief, in dem er an die Wahrheit von dem einen Leib erinnert. „Es gibt einen Leib, der aber besteht aus vielen Gliedern. Jedes Organ, jedes Körperteil hat eine eigene Funktion“, zitierte sie. Als Fürsorge bezeichnete Berg, wenn ein Leib zu einem Organismus der Vielfalt wird.

„Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst“, ist die schönste Bibelstelle für Angelika Hießerich-Peter. Im Brief wandte sich Apostel Paulus an das Volk der Galater. „Ein wankelmütiges, leicht verführbares Volk, was ihm missfiel“, erklärte die stellvertretende FDP-Landesvorsitzende. Heutzutage sehe es kaum anderes aus. „Damals falsche Propheten, nun zieht Populismus die wankelmütigen Menschen in ihren Bann“, stellte die Mettlacherin fest. Aktuell würde sich der Blick auf die Situation verlieren, dass 300 000 Menschen in Syrien ihre Heimat verloren hätten. „Wo ist unser Aufschrei? Wer übernimmt die Verantwortung für die Kinder?“, so die 55-Jährige fragend. Auch Freiheit befreie keinesfalls von Verantwortung. „Das Prinzip der Menschlichkeit ist die goldene Regel und der Grundwert für alle“, meinte Hießerich-Peter.

Landtatspräsident  Stephan Toscani philosophierte in der Basilika über das Thema Zeit und die entsprechende Bibelstelle. Foto: B&K/Bonenberger/

Das Gleichnis des verlorenen Schafs aus dem Matthäus-Evangelium zog sich wie ein roter Faden durch die Ausführungen und Erlebnisse von Markus Tressel (Bündnis 90/Die Grünen). Der Bundestagsabgeordnete berichtete von einer Begegnung mit einem unbegleiteten Flüchtlingskind auf der griechischen Insel Lesbos. „Es wollte Brot haben, das bei uns auf dem Tisch stand“, erzählte Tressel. Er habe sich danach die Frage gestellt: „Was sind das für Kinder, die in den großen Flüchtlingstrecks mitgezogen werden?“. Flucht und Vertreibung, ergänzte der 42-Jährige, mache das Gleichnis vom verlorenen Schaf aktuell. „Wir müssen wieder mehr auch das Einzelschicksal und das von benachteiligen Menschen, die sich außerhalb unseres Blickfeldes bewegen, sehen“, appellierte Tressel. Zu oft gehe das Schicksal eines Einzelnen wegen anderer Nachrichten in unserer Welt verloren. „Die Einzelschicksale dürfen nicht vergessen werden, und genau dafür steht das Gleichnis vom verlorenen Schaf“, stellte Tressel klar. Zwischen den Texten der Politiker musizierten: Stefan Klemm (Orgel), Uwe Leismann (Geige), Moritz Helling (Altblöckflöte), Michael Klein (Orgel) und Jürgen Brill (Klarinette).

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