Tierischer Besuch: Vier Pfoten begleiten letzten Weg

Tierischer Besuch : Vier Pfoten begleiten letzten Weg

Seit einem halben Jahr nimmt Pflegefachkraft Margit Dürpe ihre Hündin mit zur Arbeit ins Hospiz Emmaus. Der ausgebildete Besuchshund bringt Freude zu den Menschen.

„Wir sagen immer, wir haben eine neue Mitarbeiterin“, scherzt Winfried Schäfer schmunzelnd. Dann deutet der Geschäftsführer des Hospiz Emmaus auf eine Wand mit vielen kleinen Rahmen. Aus diesen lächeln die Mitarbeiter des stationären Hospiz’ den Besuchern  entgegen. Es reiht sich Foto an Foto, dann stockt der Blick des Betrachters: Auf einem Bild ist ein Hund zu sehen. Der Labradoodle Lucy gehört zum Team. Ebenso wie Frauchen Margit Düpre. Sie hat im Frühjahr eine Ausbildung mit der siebenjährigen Hündin absolviert. Trainingseinheiten in Sachen Gehorsam, ein Test auf Eignung und Praxiseinsätze im Hospiz standen auf dem Lehrplan. Jetzt begleitet Lucy ihr Frauchen einmal in der Woche zum Dienst.

Ob bei Personal oder Gästen — der Labradoodle ist bereits bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. „Die Menschen freuen sich auf den Besuch“, weiß Pflegedienstleiter Thomas Löffler. Für einen Moment treten Krankheit und Existenz-
angst  in den Hintergrund. Und mehr noch: Das Tier wirkt sich positiv auf die Schmerztherapie aus. „Der Kopf lernt, was Schmerzen sind und wenn man etwas hat, mit dem man das durchbrechen kann, ist für Schwerstkranke viel erreicht“, erklärt Löffler.

Die Idee, Lucy zum Besuchshund auszubilden, ist durch den Kontakt mit einer Hospiz-Bewohnerin entstanden. Margit Düpre erinnert sich: „Eine junge Frau, die Tiere sehr liebte, hat mir gesagt, sie würde so gerne noch einmal einen Hund sehen.“ Da das Hospiz eine Zulassung hat, dass auch Bewohner ihre Haustiere mitbringen dürfen, nahm die Pflegefachkraft ihren Vierbeiner mit zur Arbeit. „Der Effekt war so toll, es war ein Stück Lebensfreude und die Frau sagte zu mir: ,Jetzt kann ich mal nur an den Hund denken.’“ Dass Düpre die Patienten kennt, das entsprechende Fachwissen hat, ist für Löffler ein entscheidender Pluspunkt des Mensch-Hund-Gespanns.

An diesem Mittag geht es für Lucy zu Horst Oschmann. Der 68-Jährige ist seit eineinhalb Wochen im St. Wendeler Hospiz. Zum zweiten Mal schaut der Vierbeiner vorbei. Die beiden begrüßen sich, als ob sie sich schon lange kennen. Oschmann hatte selbst nie einen Hund, aber „Lucy kann von mir alles kriegen.“ Zum Beispiel ein Leckerli. Oschmann schätzt die Nähe der Hündin. „Es ist unterhaltsam, wenn sie da ist. Sie ist so neugierig.“ Ging es nach dem 68-Jährigen dürfte sie mehrmals in der Woche zu Besuch kommen. Margit Düpre hat mit ihrem Vierbeiner ein Abschiedsritual trainiert: Die Hündin winkt mit der Pfote, ehe sie das Zimmer wieder verlässt. Zurück bleibt ein Lächeln. Pflegedienstleiter Löffler hat die Erfahrung gemacht, dass  Besuche der Hündin bei den Bewohnern nachwirken. Es bleibt eine positive Energie zurück.

Diese und ein schönes Ambiente sind dem Hospiz-Team wichtig. Schäfer lobt seine Mitarbeiterinnen, die immer wieder neue Ideen hätten, um die Räume zu verschönern. „Es wird hier viel gelacht“, sagt Margit Düpre. Es geht im Hospiz eben nicht nur ums Sterben. „Wir versuchen alles, um die Lebensqualität zu erhalten“, betont Löffler. Daher stünden neben Schmerztherapie beispielweise auch Physiotherapie oder Massagen an. Doch verliere das Team auch nie die Wahrhaftigkeit aus dem Blick. Es kommen Fragen der Bewohner zu dem, was vor ihnen liegt: Wieviel Zeit habe ich noch? Werden noch Schmerzen kommen? Dann gelte es, ehrlich zu sein.

Nach den wenigen Monaten, die Lucy jetzt im Einsatz ist, können ihre menschlichen Kollegen bereits von besonderen Momenten berichten. So besuchte die Hündin mit Frauchen Margit Düpre einen demenzkranken Mann, der nach Aussage seiner Angehörigen wenig orientiert sei. Kaum war Lucy im Zimmer, erinnerte er sich und erzählte der Pflegefachkraft von seinen Hunden. Eine Frau, die eigentlich nur noch im Bett lag, sei bei der Nachricht, dass der Labradoodle im Haus ist, so aufgeregt gewesen, dass sie sofort aufstand und in den Flur lief, um die Hündin zu begrüßen. „Nach einer Weile ist sie wieder in ihr Zimmer gegangen und Lucy hinterher. Als ich einige Minuten später nach den beiden sah, saßen sie zusammen im Sessel“, berichtet Düpre. Umgekehrt baue aber auch die Hündin eine gewisse Bindung zu den Menschen auf. Winfried Schäfer denkt an ein bestimmtes Beispiel. Ein Mann war gestorben und Lucy saß vor seiner Tür, verstand nicht, warum er nicht mehr da war. Sie vermisste ihn. Vermisst wird auch der Vierbeiner. Wenn die Hündin selbst nicht im Hospiz sein kann, soll eine pfiffige Idee die Wartezeit auf ihren nächsten Besuch verkürzen: ein Herz aus Stoff mit dem Bild der Hündin drauf und einer Locke ihres Fells im Innern. Gefertigt hat sie Schwester Irene, wie Düpre verrät.

Eine genähtes Stoffherz soll an Lucy erinnern, wenn sie nicht da ist. Foto: Josef Bonenberger (B&K)

Für Lucy geht es weiter zum nächsten Besuch. Schwänzelnd läuft sie vorbei an einem Tisch, auf dem Kerzen und Blumen stehen. Bald beginnt die Adventszeit, draußen ist es grau. Im Gehen erinnert sich Margit Düpre zurück an den Sommer. Da hat die Pflegefachkraft das schöne Wetter genutzt, um mit ihrem Vierbeiner und Bewohnern nach draußen zu gehen. Sie denkt an einen Gast, den sie im Rollstuhl nach draußen fuhr. Dort durfte er dann Lucys Futterbeutel werfen, den die Hündin stolz zurückbrachte. Auch als er schwächer wurde, wollte er den Labradoodle noch sehen. An einem Tag war er sehr ruhig. „Aber als Lucy bei ihm, war, strahlte er.“ Am nächsten Tag ist er gestorben.

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