Unfall-Anwohner fordern KreiselEin Tag voll Glück im Unglück

Winterbach. "Irgendwann haben wir einen Toten hier", sagt Jörg Schwan. Er wohnt direkt an der B 269 in Winterbach und ist dem Tanklaster-Unfall vor zweieinhalb Wochen nur knapp entgangen (siehe unten). Seiner Meinung nach war der Fahrer zu schnell in die Kurve gefahren, woraufhin der Lkw umkippte. Nicht der erste Unfall oder Beinahe-Unfall, den er an der Stelle erlebt hat

Winterbach. "Irgendwann haben wir einen Toten hier", sagt Jörg Schwan. Er wohnt direkt an der B 269 in Winterbach und ist dem Tanklaster-Unfall vor zweieinhalb Wochen nur knapp entgangen (siehe unten). Seiner Meinung nach war der Fahrer zu schnell in die Kurve gefahren, woraufhin der Lkw umkippte. Nicht der erste Unfall oder Beinahe-Unfall, den er an der Stelle erlebt hat. Deshalb muss etwas passieren, findet er. "Da müsste ein Kreisel hin", sagt Schwan, ein Nachbar schließt sich der Forderung an. "Man ist schon dran gewöhnt, dass hier in der Kurve dauernd die Bremsen quietschen." Eine Tempo-30-Zone stattdessen? "Da hält sich doch eh keiner dran, das sieht man ja in Alsweiler." Doch Schwan und seine Nachbarn stehen mit ihrem Anliegen quasi allein da. Winterbachs Ortsvorsteher Gerhard Weiand ist zwar "auf jeden Fall dafür, dass etwas passiert" und unterstützt die Anwohner. Planungen für einen Kreisel habe es jedoch schon vor ein paar Jahren gegeben, diese seien aber an finanziellen und Grundstücksfragen gescheitert. Das bestätigt Hans-Peter Rupp, Bauamtsleiter der Stadt St. Wendel. "Vor etwa fünf bis sechs Jahren gab es eine Machbarkeitsstudie, ob an der Stelle ein Kreisel oder eine Ampel gebaut werden soll", berichtet Rupp. Dabei sei es jedoch nicht darum gegangen, den Verkehr zu beruhigen oder ein Unfallrisiko zu beseitigen. "Es ging darum, ob es an diesem Knotenpunkt nach Bliesen zuviel Rückstau gibt und ob man diesen verhindern könnte." Das Problem stellte sich als nicht so groß heraus, zudem fehlten Geld und die nötigen Grundstücke zum Bau eines Kreisels. Erschwerend kommt hinzu: Die B 269 ist eine ausgewiesene Strecke für den Schwerlastverkehr der Bundeswehr. Ein Kreisel an der Stelle müsste also ungefähr die Ausmaße wie die beiden neuen Kreisel in St. Wendel an der Tholeyer Straße haben.Obwohl die Erfahrungen der Anwohner etwas anderes nahe legen, ist die Einmündung an der Kirche in Winterbach kein Unfallschwerpunkt, wie Volker Klos von der Polizei St. Wendel mitteilt. Seit Januar 2008 hat es in der gesamten Ortsdurchfahrt nur 91 Unfälle gegeben, die meisten davon leichte Auffahrunfälle oder gestreifte Autos. Unfälle mit Personenschäden gab es in dem Zeitraum nur vier.

Dabei fahren pro Tag im Schnitt etwa 11 550 Fahrzeuge zwischen St. Wendel und Winterbach sowie etwa 12 700 Fahrzeuge zwischen Winterbach und Alsweiler, wie Klaus Kosok vom Landesbetrieb für Straßenbau (LfS) mitteilt. Zum Vergleich: An St. Wendel fahren auf der B 41 pro Tag etwa 15 bis 16 000 Fahrzeuge vorbei. "Die B 269 ist schon eine ordentlich frequentierte Strecke, allerdings im Saarland-Vergleich nichts Ungewöhnliches", sagt Kosok. Da die Ortsdurchfahrt von Winterbach eine Bundesstraße ist, ist der LfS für die Fahrbahn zuständig, die Stadt für Bürgersteige und dergleichen. Handlungsbedarf sehen derzeit aber weder LfS, noch die Stadt oder der Landkreis als oberste Verkehrsbehörde im Kreis. "Wir haben bei Geschwindigkeitskontrollen auch kaum Überschreitungen festgestellt", nennt Hans-Peter Rupp einen weiteren Grund. Winterbach. "Dieser Unfall ging ganz schnell und trotzdem so langsam wie in Zeitlupe." Den 22. September wird Jörg Schwan aus Winterbach nicht so schnell vergessen. Er ist gerade aus seinem Haus an der Winterbacher Straße (B 269) getreten, als ein Tanklaster mit Anhänger aus Richtung Alsweiler die Bundesstraße herunterkommt. Doch in der engen Kurve an der Kirche verliert der Fahrer die Kontrolle über den Lkw: Der Anhänger schert aus, der Tanklaster kommt direkt auf Jörg Schwan zu. "Zuerst hat der Anhänger den Zaun des gegenüberliegenden Hauses erwischt, dann blieb er am erhöhten Bordstein der Ausfahrt hängen und kippte um", erzählt der 47-Jährige. Jedes Detail hat er noch vor Augen. Der ganze Lkw liegt nun quer zur Straße, rutscht weiter auf Schwan zu. "Das gab ein fürchterliches lautes Quietschen." Auf der gegenüberliegenden Straßenseite bleibt der Anhänger schließlich an einem Betonmast hängen. Das Führerhaus hingegen knallt gegen die Wand von Jörg Schwans Haus und einen Weidenbaum, bleibt liegen - an der Stelle, an der er selbst noch wenige Augenblicke zuvor gestanden hatte. "Ich bin am Nebeneingang zur Tür reingesprungen", erzählt er von seiner Rettung. Der Haupteingang weiter oben an der Straße sollte gerade erneuert werden, deshalb war er durch den Nebeneingang nach draußen gegangen. Ein Glück im Unglück.

Nicht das Einzige an diesem Tag. Denn obwohl die Straße in Winterbach sonst sehr belebt ist, an einem Samstag viele Menschen zum Einkaufen unterwegs sind, fährt in diesem Moment nur eine Marpingerin in ihrem Auto. Sie kann dem Tanklaster nicht mehr ausweichen. "Die Frau hatte schon die Augen zugemacht und auf den Tod gewartet", sagt Schwan mit belegter Stimme. Doch sie hat Glück. Das Auto fährt in die Lücke zwischen Lkw und Anhänger, wird dort eingequetscht. Die Frau trägt nur Schnittwunden davon. Jörg Schwan, der eben noch sich selbst gerettet hat, eilt gemeinsam mit einem Nachbarn zu Hilfe. Zusammen ziehen sie die Marpingerin über den Rücksitz und den Kofferraum aus dem Wagen, versorgen sie mit Decke und Wasser, warten auf die Polizei und die Feuerwehr. "Die Frau hat Glück gehabt, dass sie da lebend rausgekommen ist", meint Nachbar Josef Riefer, durch dessen Zaun der Anhänger gebrettert war.

Als Polizei und Feuerwehr schließlich am Unfallort eintreffen, wird die Autofahrerin ins Krankenhaus gebracht. Jörg Schwan und seine Nachbarn sollen zur nahen Brennerei gehen. "Elisabeth Michels, die Inhaberin, hat uns aufgefangen, uns mit Essen und Getränken versorgt. Der Zusammenhalt in der Nachbarschaft war toll, als hätten wir das vorher geübt", meint der Winterbacher.

Mehr als zwei Wochen nach dem Unfall läuft in Winterbach alles seinen gewohnten Gang. Doch links und rechts der Straße zeugen noch Spuren von dem schweren Unfall. Der Weidenbaum direkt neben dem Haus ist umgestoßen, im Gras liegen Plastikstücke von Lampen und Blinkern, das Regenrohr ist zerdrückt. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite fehlt ein Stück des Bordsteins, Gehwegsteine sind zerbrochen und zerkratzt, überall sind Löcher im Rasen. Ganz aufgeregt schildert Jörg Schwan wieder und wieder den Unfall. Zum Schlafen muss er manchmal Tabletten nehmen. "An diesem Tag hatte jeder von uns ein Wahnsinnsglück", sagt er, als könne er es umso mehr glauben, je öfter er es wiederholt.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort