Theoretiker der Verschwörung

Diese Woche hat Gralshüter der freien Meinungsäußerung zuhauf ans Tageslicht befördert. Besser gesagt: jene, die sich dafür halten. Die hinter jeder noch so kleinen Nachricht die Bedrohung vermuten, dass mit Hinterlist der Verfasser ein winz'ges Detail ausließ, um Leser für dumm zu verkaufen. Diese Kritiker, die von fahrlässigem Vorsatz der Journalistenriege faseln, mühten sich als selbsternannte Wahrheitswächter. Kokettierten via Internet mit Insiderwissen. Brachten die womögliche Staatsangehörigkeit des mutmaßlichen Täters ins Spiel. Was sich nach kurzer Draufschau als Weitergabe purer Gerüchte entpuppte. Wenn diese nicht schon von Anbeginn in Schimpfe und Hasstiraden mündeten. Ohne Tiefgang.

Konkreter Auslöser: die Meldung zum blutigen Gerangel am technisch-gewerblichen Zweig der Dr.-Walter-Bruch-Berufsschule in St. Wendel vom Mittwoch. Dort war ein 16-Jähriger auf einen Jugendlichen (17) mit einem Messer losgegangen. Ein weiterer Schüler (22) wurde ebenfalls durch die Klinge verletzt. Ein 20-Jähriger wurde gekratzt. Nach kurzer Behandlung in der Klinik kamen sie wieder raus. Sowohl Schulleitung als auch Polizei stufen die Zeitungsdarstellung als korrekt ein.

Zaungäste waren da ganz konträrer Auffassung. Doch sie zeigten sich einer mutigen und zugleich Respekt zollenden Diskussionskultur entrückt. Zerfressen von Verschwörungstheorien. Von Gleichgesinnten angestachelt, die bei jedem Kommentar im Netz noch eins drauflegten.

Kein Zweifel: Journalisten müssen sich Kritik stellen und diese einstecken. Aber sie sollten zwischen berechtigten Zwischenrufen und dumpfer Hetze unterscheiden. Wie zwischen für den Gesamtzusammenhang sinnvollen und sinnlosen Einzelheiten, um Geschehnisse objektiv und allumfassend abzubilden. Reportern unterlaufen dabei ebenso Fehler. Die müssen korrigiert werden. Aber nicht mithilfe ungeschlachter Kommentare. Verschwörungstheoretiker zerstören eine würdige Diskussionskultur.

Wir bleiben übrigens dabei: Wir nennen Nationalitäten der Beteiligten nur, wenn sie für Ursache und Verlauf eines Falles ausschlaggebend sind. Nicht, um Ressentiments zu schüren und Rassisten zu befriedigen. Darum auch in diesem Fall kein Wort darüber. Punkt.