SZ-Gespräch mit Peter Klär, Rathauschef und Bürgermeister von St. Wendel

Kostenpflichtiger Inhalt: Interview mit Peter Klär, Bürgermeister von St. Wendel : „Es muss heißen: Wir machen das“

St. Wendels Rathauschef Peter Klär fordert einen finanziellen Bonus für Städte wie St. Wendel, die als Motor ihre Region nach vorne bringen.

Der alljährliche Termin im Herbst mit Peter Klär (CDU) ist obligatorisch. Wo steht St. Wendel, was war wichtig im zu Ende gehenden Jahr, wo soll es hingehen? Das sind gemeinhin die Themen. Zwar blickt Klär auch in diesem Jahr zunächst kurz zurück, berichtet von knapp 16 000 Arbeitsplätzen, die es mittlerweile in seiner Stadt gibt, und davon, dass St. Wendel in vielerlei Hinsicht vergleichsweise gut da stehe. Doch sein Hauptanliegen ist ein anderes. Es geht ihm um die Zukunft – um die der Republik, des Landes, der Stadt und der Menschen.

„Deutschland wirkt wie ein Gebilde, das in Schockstarre verfallen ist.“ Allenthalben herrsche politische Verzagtheit, „und ich habe irgendwie das Gefühl, als würden alle darauf warten, dass irgendetwas passiert, dass irgendetwas kommt – aber was das sein soll, das ist nicht klar“. Dieses Verharren, diese Starre führe zu Stillstand – politisch und gesellschaftlich. „Darum habe ich mich gefragt, was kann ich als Bürgermeister tun, was können wir als Stadt tun, um zu zeigen, dass man absolut nicht verzagt sein muss. Denn dafür gibt es überhaupt keinen Grund. Und es gibt auch keinen Anlass, pessimistisch zu sein“, findet der Chef der St. Wendeler Stadtverwaltung. Das den Bürgern klar zu machen, ihnen Optimismus zu vermitteln, das sei Aufgabe der Kommunen – eine unter vielen. Denn die Gemeinden und Städte sind Deutschland. Sie müssten vor Ort das umsetzen, was die Politik in Berlin oder – für das Saarland – in Saarbrücken beschließt. „Kommunen können, wenn sie wollen und zukunftsorientiert sind, ihre Bürger mitnehmen, können bildlich gesprochen Quell sprudelnden, frischen Wassers sein.“ So wie St. Wendel.

„Nicht, man sollte, man müsste oder man könnte – es muss heißen: Wir machen das.“ Und zwar alle gemeinsam, Stadtverwaltung und Bürgerschaft. „Kommunen, die so handeln, die allen Schwierigkeiten zum Trotz nach vorne gehen, sollten belohnt werden. Für sie sollte es einen finanziellen Bonus geben“, fordert der Rathauschef. Und dann kehrt er gedanklich doch zurück zum Wirtschaftsstandort St. Wendel.

Einen Großteil der weiter oben erwähnten Arbeitsplätze haben in den vergangenen Jahrzehnten die internationalen Player Fresenius und Globus geschaffen. „Ich bin froh, dass sich diese Unternehmen zum Standort bekennen“, sagt Klär. Auch der Mittelstand in der nordsaarländischen Kreisstadt ist gut aufgestellt, was im Gesamtergebnis dazu führt, dass St. Wendel – in diesem Fall gilt das für den gesamten Landkreis – saarlandweit Monat für Monat die niedrigsten Arbeitslosenzahlen vermeldet (Arbeitslosenquote Ende September: 3,2 Prozent). Und da der Mix passt – nichts mit Stahl, wenig Autozulieferer –, spare die aktuelle Krise der Saarwirtschaft St. Wendel weitgehend aus.

Viele Menschen, die in St. Wendel in Brot und Arbeit sind, kommen von außerhalb. Damit ist jetzt primär nicht Ottweiler oder so gemeint. Sondern viele kommen aus dem Rest der Republik – oder gar aus dem Ausland. Damit die sich hier wohl fühlen, muss das Umfeld stimmen, die Standortqualität. In St. Wendel ist das so, denkt Klär. Hier sei immer etwas los, werde den Menschen – auch den hier geborenen – das ganze Jahr hindurch viel geboten. Kunst, Kultur, Sport, Musik, Feste, Märkte und vieles mehr. Und es gibt reichlich Natur. Wichtig sei aber auch ein schnelles und flächendeckendes Internet. Denn St. Wendel hänge ganz sicher nicht hinter der Zeit, sondern sei auf der Höhe. Wobei Klär gerne einmal die Schlagzeile lesen würde: „St. Wendel ist offline.“ Der Verwaltungschef wünscht sich aber nicht, dass das Netz ausfällt. Vielmehr will er damit sagen, „dass sich das gesellschaftliche Leben in St. Wendel analog abspielt“. Man treffe sich in der realen Welt, nicht in anonymen Chatrooms. Man tausche sich aus, rede, diskutiere, feiere – und ja, manchmal streite man auch. „Hier gibt es sie noch, die alte Welt“, sagt Klär, „jedoch ohne altbacken oder altmodisch zu sein.“ Vielmehr meine er damit, dass sich die Menschen in St. Wendel mehrheitlich über ihr Umfeld definieren, also ihre Stadt, ihren Verein, Freunde oder Berufung – nicht über I-Pod, Tablett oder den Auftritt in den sozialen Medien.

Eine Folge alldessen sei, dass der St. Wendeler Boden für populistischen Stuss recht nährstoffarm ist. Daran habe auch Bildung einen Anteil. „Es ist in meinen Augen wichtig, dass die Menschen hier aufgeklärt sind, dass sie gebildet sind. Wer gebildet ist, hinterfragt Dinge, und Bildung immunisiert zumindest ein Stück weit gegen populistische Parolen.“ St. Wendel und dessen Umfeld sei in der Vergangenheit „ruhig gewachsen, harmonisch und gut orchestriert“, findet Musiker Klär. Er selbst spielt Posaune, „aber in einem guten Orchester hört man auch die Piccolo-Flöte. Und das ist bei uns der Fall, wir hören auch auf die zarten Stimmen.“ Vielleicht aber nicht, wenn es um die Zukunft der Grundschule geht. Die Nikolaus-Obertreis-Schule im Herzen der Stadt schiebt einen riesigen Sanierungsstau vor sich her, und es wird schwer, sie für künftige Herausforderungen zu ertüchtigen. Die CDU mit der absoluten Mehrheit im Stadtrat und Bürgermeister Klär würden die Grundschule gerne ans Missionshaus verlagern.

Die SPD präferiert einen Neubau. Oder den Umzug in die seit Sommer ebenfalls leerstehende Annenschule in Alsfassen. Ein vom Stadtrat beauftragter Gutachter soll nun klären, wo der beste Standort ist. Dort soll dann „eine Schule im Grünen“, wie Klär sie nennt, entstehen. Studenten des Umwelt-Campus Birkenfeld (UCB) entwickelten derzeit ein entsprechendes Konzept. „Wir wollen eine Naturparkschule“, sagt der Rathauschef, dessen Stadt inmitten des Naturparks Saar-Hunsrück liegt. In dem vom UCB entwickelten Konzept gehe es etwa um Nachhaltigkeit, den bewussten Umgang mit Ressourcen, Klimaschutz. Das Gutachten zum zukünftigen Schulstandort soll übrigens Ende des Jahres fertig sein.

Apropos Klimaschutz: „Was jetzt überall diskutiert wird, das machen wir seit 30 Jahren. Nur hieß es damals Umweltschutz.“ In diesen würde Klär auch eventuell den Bonus stecken, den er für St. Wendel und andere Städte fordert, die ähnlich gut ihre Aufgaben erfüllen und mutig ihren Weg beschreiten. So könne er sich vorstellen, davon einen E-Bus anzuschaffen. Der würde dann im Stadtgebiet laufen und den Öffentlichen Personennahverkehr attraktiver machen.

Er könne sich auch vorstellen, das Geld in die Gesundheitsgrundversorgung zu stecken. In eine Ansiedlungsprämie für Ärzte etwa, damit in Zukunft nicht noch mehr Menschen in St. Wendel keinen Arzt mehr in ihrem Stadtteil finden. In diesem Zusammenhang kritisiert er auch das Gesundheitssystem, das Ärzte quasi dazu zwinge, sich an einem Ort zu konzentrieren und Gemeinschaftspraxen einzurichten. Das lastet er Berlin an.

Überhaupt kritisiert er, dass in der Hauptstadt viele Dinge beschlossen würden, die dann die Kommunen umzusetzen hätten. „Ohne dass wir entsprechendes Werkzeug in die Hand bekommen.“ Geld. Und die Kommunen und Städte müssten bei den großen Diskussionen ein gewichtigeres Wort haben. Zwar versuche der deutsche Städtetag aktuell, „den Kommunen ihren Stolz zurück zu geben“. Aber das sei ein schwieriger Weg, zumal Klär auf vielen Ebenen einen Hang zur Zentralisierung ausmacht. Dabei sei doch oftmals das Klein(teilig)e das erfolgreichere Modell.

Das zeige sich etwa bei den am Markt sehr erfolgreichen St. Wendeler Stadtwerken. Oder an der eigenverantwortlichen Müllentsorgung. Oder am eigenen städtischen Umweltamt, „mit direktem Ansprechpartner vor Ort. Und mit eigenen Kompetenzen und viel Fachwissen“, lobt Klär. All dem – und vielem mehr – müsse, wie er mehrfach erwähnt, vonseiten der Landesregierung finanziell mit einem Bonus Rechnung getragen werden. Das berge zwar die Gefahr, bei dem einen oder anderen Konkurrenten – und das seien die saarländischen Mittelstädte untereinander – Neid zu wecken. Aber damit müsse man leben können. Es mache jedenfalls keinen Sinn, mit der Gießkanne Fördergelder zu verteilen. Vielmehr müssten außerhalb Saarbrückens fünf, sechs Kristallisationspunkte geschaffen werden, an denen das Umland wachsen kann. Davon profitiere das ganze Land.

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