SZ-Fotograf Josef Bonenberger zeigt Bilder vom Mauerfall im Mia-Münster-Haus St. Wendel

30 Jahre Mauerfall : „Es waren unglaubliche Emotionen“

SZ-Fotograf Josef Bonenberger reiste nach Berlin, um die Tage nach dem Mauerfall mitzuerleben. Seine Bilder erzählen davon.

Am 9. November 1989 war die deutsch-deutsche Grenze Geschichte. Das geteilte Berlin wurde wieder eins. Die Mauer, die 28 Jahre die Stadt in Ost und West teilte und Familien auseinanderriss, fiel. Am Tag danach machte sich der St. Wendeler Josef Bonenberger, seinerzeit noch in der Ausbildung zum Fotografen, mit der Kamera auf den Weg, um Emotionen rund um das Jahrhundertereignis bildlich festzuhalten. „In den Nachrichten ist berichtet worden, dass die Grenzen offen sind“, blickte er drei Jahrzehnte später zurück. Bei seinem Ausbilder Elmar Wagner in Bliesen bat er um drei Urlaubstage. Bonenberger wusste, dass dessen Bruder Hans-Günter in Berlin wohnte.

Am Samstag, den 10. November, saß er dann Richtung Berlin im Zug. „Alle Abteile waren voll besetzt“, sagte er. Menschen aus allen Himmelsrichtungen, aus dem In- und Ausland, waren wie er nach Berlin unterwegs und wollten dabei sein, als die Mauer fiel. Angekommen am Abend in Berlin-Wilmersdorf erhielt Bonenberger von seinem Gastgeber Wagner eine Einweisung, wie er sich in der überfüllten Stadt mit der U-Bahn bewegen soll. Da der Kurfürstendamm und am Brandenburger Tor alles völlig verstopft war, zog es den Fotografen an die Grenzübergänge. „Die Bilder habe ich damals alle für den Fotoclub Freisen gemacht“, erläuterte er.

Am „Checkpoint Charlie“, der zuvor den sowjetischen mit dem US-amerikanischen Sektor verband, roch die Luft vom Zweitaktöl der ratternden Trabi-Motoren wie in Ostberlin. Am Kontrollpunkt wurde zur Begrüßung Sekt über die angekommenen Autos gegossen. Wildfremde Menschen standen Spalier, lagen sich in den Armen, herzten und küssten sich und im Wind wehten etliche Bananenflaggen. Wer aber glaubt, dass es bei der Maueröffnung zugegangen ist, wie beim Fußball-Sommermärchen 2006 mit angestimmten Jubelgesängen, der irrt gewaltig. „Es war mehr die Erleichterung, die Stimmung euphorisch. Es waren unglaubliche Emotionen, die Menschen waren einfach glücklich, dass Deutschland nicht mehr geteilt war“, schilderte Bonenberger seine Eindrücke. Und das passte längst nicht allen. Keine Miene verziehend, beobachteten die DDR-Grenzpolizisten, einer gar in Napoleon-Pose, wie Ost und West sich näher kam.

Doch der Fotograf erlebte auch den knallharten Kontrast, als er mit Gänsehaut vor zwei Flüchtlingsgräbern stand. Beide DDR-Bürger hatten ihre Republikflucht nicht überlebt. „Gott sei Dank kann das nach dem Fall der Mauer nicht mehr passieren“, sagte Bonenberger. Entlang der Mauer lautete der Appell „Make love not wall“ und er fotografierte einen der Männer, einen sogenannten „Mauerspecht“, der das gehasste Bollwerk mit einem Hammer bearbeitete. Tausende Menschen stiegen als Symbol der Befreiung auf den 3,60 Meter hohen steinernen Grenzstreifen. „DDR-Bürger sind gar über die Mauer geklettert“, berichtete Bonenberger.

Im Radio erfuhr er, dass Walter Momper, Berlins Regierender Bürgermeister, veranlasst hatte, dass die Zahlstellen rund um die Uhr für die Ost-Berliner öffneten. Bonenberger sah einen riesigen Andrang vor der Deutschen Bank und mitten drin kämpften sich Momper und Bundespräsident Richard von Weizsäcker durch die Menschenmenge. 100 Mark, die Bundeskanzler Helmut Kohl locker gemacht hatte, gab es als Begrüßungsgeld. Am Abend kehrte Bonenberger nach Wilmersdorf zurück und schaute mit dem ehemaligen Bliesener Wagner in eine Kneipe rein. „Klar wurde da drin gefeiert, die Ost-Berliner waren an ihrer Kleidung zu erkennen“, fand Bonenberger. In Berlin wurde die ganze Woche noch die Friedliche Revolution zelebriert.

Der damalige Oberbürgermeister von Berlin, Walter Momper (mit Glatze), geht mit dem Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker durch die Menge. Foto: B&K/Bonenberger
Dies ist Bonenbergers Lieblingsbild. Es zeigt, wie die ankommenden Ost-Deutschen teilweise mit Blumensträußen und Sekt begrüßt wurden. Foto: B&K/Bonenberger
Auf der westdeutschen Seite schlugen sogenannte „Mauerspechte“ mit Hämmern Stücke aus dem gehassten Bauwerk heraus. Foto: B&K/Bonenberger

Für den Fotografen fuhr am 13. November der Zug in die Heimat ab. „Insgesamt acht 36er-Schwarz-Weiß-Filme habe ich verschossen und selbst entwickelt. Damals war das zeitgemäß“, teilte Bonenberger mit. Die Szenerie des Mauerfalls bedeutete für ihn, der sich zuvor nur mit Porträtfotografie beschäftigt hatte, ein plötzliches Einsteigen in eine neue Motivwelt. „Mitten unter vielen Menschen habe ich auf Situationen reagieren müssen und konnte dabei ja nichts arrangieren. Dabei habe ich sehr viel für den weiteren Weg im Job gelernt“, ist der Pressefotograf überzeugt. Einige seiner Fotos vom Mauerfall können auch im St. Wendeler Mia-Münster-Haus besichtigt werden.

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