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Schulschließungen wegen Corona im Landkreis St. Wendel

Coronavirus im Landkreis St. Wendel : „Wir hätten nicht gedacht, dass es so schnell gehen würde“

So reagieren die Menschen im St. Wendeler Land auf die Schul- und Kita-Schließungen.

Udo Recktenwald (CDU) ist umgezogen. Er hat sein Büro vom Landrats- ins Gesundheitsamt verlegt. „Jetzt muss ich nicht mehr ständig hier hochfahren und bin mittendrin im Geschehen“, berichtet der Landrat. So auch am Freitagnachmittag, als weitere positive Testergebnisse eintrudelten. Sie bestätigten zwei weitere Corona-Fälle in der Gemeinde Namborn sowie einen in der Gemeinde Oberthal. Dort ist eine 60-jährige Person betroffen. Ihr gehe es soweit gut, sie sei mit leichten Symptomen in häuslicher Quarantäne. Jetzt gelte es, mögliche Kontakte zu ermitteln. Aber Recktenwald weiß: „Das könnte schwierig werden. Denn die Person ist schon vor einer Woche aus dem Urlaub in Südtirol zurückgekehrt.“

Das Wort schwierig beschreibt auch die Situation, in der gerade viele Eltern stecken. Denn sie müssen sich in den kommenden Wochen um eine Betreuung für ihre Kinder kümmern. Der Ministerrat hat beschlossen, ab Montag alle Schulen und Kindertagesstätten im Saarland zu schließen – beziehungsweise „die Schulpflicht auszusetzen“, wie Recktenwald konkretisiert. Zwar solle es eine Notfall-Betreuung geben, doch wie die aussehen könnte, stand bis Redaktionsschluss noch nicht fest. Der Landrat betont jedoch: „Das ergibt nur Sinn, wenn die Kinder in kleinen Gruppen von bis zu fünf Personen betreut werden.“ Schließlich sei es das Ziel, Zeit zu gewinnen. Es gehe darum, die Verbreitung des Virus einzudämmen und vor allem zu verlangsamen. Die Entscheidung der Minister hält er daher für richtig. „Wir haben diesen Schritt bereits am Mittwoch vorgeschlagen. Dann hätten wir mehr Zeit zum Organisieren gehabt“, sagt Recktenwald.

Mehr Zeit könnten wohl auch die meisten Eltern gut gebrauchen. Via Facebook hatte die Saarbrücker Zeitung gefragt, wer sich ab Montag um ihren Nachwuchs kümmern wird. Viele hatten noch keinen Plan. Kerstin Pfeiffer etwa schreibt: „Ich arbeite im Schichtdienst und zu Oma soll man sie ja angeblich nicht geben. Wie soll das funktionieren?“ Nathalie Müller klagt: „Ich bin alleinerziehend und habe zwei Kinder. Ich habe jetzt Urlaubssperre und werde auch nicht befreit. Ich habe keinen, der auf die Kids aufpassen kann.“ Auch Melanie Hahn muss sich selbst um ihre Kleinen kümmern. „Meine Kinder müssen mit auf die Arbeit – ich habe einen Arbeitgeber, der mir das angeboten hat“, erklärt sie auf Facebook.

Die unterschiedlichen Reaktionen von Erziehungsberechtigten hat Marina Müller, Leiterin der Katholischen Kindertageseinrichtung in Neunkirchen/Nahe, am Freitagmorgen hautnah miterlebt. „Manche sehen das Ganze sehr realistisch und sind gefasst. Andere sind aufgelöst und etwas panisch“, berichtet sie. Auch Müller selbst sei überrascht gewesen, als sie im Radio von den Kita-Schließungen erfuhr. Trotzdem nahm die Leiterin die Nachricht gelassen. Sie vertraue auf die Minister. „Sie haben eine Entscheidung für die Allgemeinheit getroffen und diese müssen wir akzeptieren und ernst nehmen“, erklärt sie.

Cornelia Rauber, Leiterin der Kindertagesstätte Hand in Hand Freisen, sieht die Schließung zweischneidig, da es eine Notbesetzung geben wird. Dadurch werde die Kette schließlich nicht vollständig unterbrochen. „Was rechtfertigt es, dass bestimmte Kinder kommen dürfen und andere nicht?“, fragt sie. Die Kleinen wüssten bereits genau, warum ihre Kita geschlossen wird. „Wir haben den Kindern schon vor zwei Wochen erklärt, was es mit dem Coronavirus auf sich hat – kindgerecht und ohne Panik zu verbreiten.“ So hätten die Erzieher mit den Kleinen beispielsweise geübt, die Hände richtig zu waschen.

Hektisch ging es derweil am Freitagmorgen in der Grundschule Nohfelden zu. „Uns hat die Nachricht schon überrascht. Wir hätten nicht gedacht, dass es so schnell gehen würde“, gesteht Rektor Volker Morbe. Er und seine Kollegen setzten zunächst einen Brief auf, um die Eltern auf den neuesten Stand zu bringen. Unter anderem auch darüber, dass sie in den nächsten Tagen Arbeitspläne für ihre Kinder per E-Mail erhalten werden. So wolle man sicherstellen, dass die Schüler von zu Hause aus lernen können. „Wir werden keinen neuen Stoff einführen. Bei den Aufgaben wird es sich hauptsächlich um Wiederholungen handeln“, kündigt Morbe an. „Wir werden nach der Unterbrechung ohnehin einiges aufholen müssen.“ Denn das Lernen mit den Plänen zu Hause sei nicht vergleichbar mit dem Unterricht in der Schule.

„Ich bin froh, dass die Entscheidung getroffen wurde“, sagt Alexander Besch, Schulleiter des St. Wendeler Gymnasiums Wendalinum. Er hofft, dass damit etwas Schwung aus der Dynamik, die die Verbreitung des Coronavirus inzwischen gewonnen hat, genommen werden kann. Der vorerst letzte Schultag begann für ihn mit einer Dienstbesprechung, in der er die Kollegen über die Schließung informiert hat. Als souverän und ruhig beschreibt er die Reaktion der Lehrer auf die Neuigkeit. Aber auch eine leichte Bedrückung sei spürbar gewesen. Und wie haben es die Schüler aufgenommen? „Freude war nicht festzustellen, den Jugendlichen ist bewusst, dass das keine verlängerten Ferien sind.“ Um mit Schülern und Eltern in den kommenden vier Wochen in Kontakt zu bleiben, hat das Wendalinum quasi ein eigenes Netzwerk aufgebaut. „Wir haben Elternvertreter und Kurssprecher angeschrieben, damit sie die jeweiligen Mail-Adressen sammeln“, erklärt Besch. Der Schulleiter lobt ausdrücklich die Arbeit des Landkreises in der Corona-Krise. „Mit dem Leiter der Schulverwaltung und dem Brandinspekteur haben wir schon Anfang der Woche vorbesprochen, was zu tun ist, wenn eine Schule geplant oder ad hoc geschlossen werden muss“, berichtet Besch.

Aus Presse und den sozialen Medien erfuhr Marc André Müller, Schulleiter der Gemeinschaftsschule Freisen, am Freitagmorgen von den Schulschließungen. Er sei prinzipiell darauf vorbereitet gewesen, jetzt sei es aber doch recht schnell gegangen. Glücklicherweise habe die Schule schon am Donnerstag Zugangscodes für die interne Kommunikationssoftware verteilt. „Somit ist der Austausch schon mal gesichert“, sagt Müller. Den Schülern sei bewusst, dass die Schließung nicht als Ferien zu verstehen sei. „Sie müssen weiter ihre Aufgaben erledigen.“ Da die Schule mit Pensenplänen arbeite, seien die Jugendlichen ohnehin mit Aufgaben versorgt. „Vielleicht können wir über digitale Medien noch Kurse anbieten.“ Am Montag trifft sich das Kollegium nochmal, um das weitere Vorgehen in Ruhe zu besprechen.