Polizei von St. Wendel führt realitätsnahe Anti-Amok-Übung in Marpingen durch

Kostenpflichtiger Inhalt: Realitätsnahe Übung : Schüsse hallen durch Marpinger Schule

Rund 100 Polizisten, Sanitäter und Polizeischüler probten eine mögliche Amok-Lage unter realitätsnahen Bedingungen.

Mehrere Schüsse zerreißen die Stille des ruhigen Vormittags in der Gemeinschaftsschule der Gemeinde Marpingen. Schüler rennen in Panik um ihr Leben. Auf dem Boden liegen Verletzte und schreien. „Helft mir! Mein Bauch tut so weh!“, ruft ein älterer Schüler, der sich mit der Hand mühsam eine klaffende Wunde am Bauch zuhält. Eine junge Schülerin liegt blutverschmiert nur wenige Meter neben ihn. „Ich habe solche Angst“, wimmert sie mit schmerzverzerrter Stimme.

Für die jungen Polizeibeamten des Wach- und Streifendienstes, die als erste vor Ort eintreffen, bietet sich ein schrecklicher Anblick. Zwei Amokläufer haben ein regelrechtes Blutbad in dem Schulgebäude im Zentrum des im Alsbachtal liegenden Ortes angerichtet. Zumindest in der Theorie. Denn das geschilderte Szenario ist nur eine Übung. Diese wurde jedoch so realistisch wie nur möglich gestaltet. „Natürlich geht man das alles in der Theorie durch, doch vor Ort ist das nochmal was ganz anderes“, schildert Übungsteilnehmer Thomas Schaack seine Eindrücke. Für den Dienstgruppenleiter von der Polizeiinspektion (PI) St. Wendel ist es die erste Übung unter solchen Bedingungen. Mit seinen Kollegen des Wach- und Streifendienstes sollte der 49-Jährige laut Übungsszenario einer der ersten Beamten am Einsatzort sein und die Situation als „Einsatzleiter Ort“ aufklären. „Das war schon alles sehr realitätsnah“, sagt Schaack. So wusste er wohl bis kurz vor Beginn nicht, um welche Art von Übung es sich handelt.

Das „Drehbuch“ für diese realitätsnahe Anti-Amok-Übung, die mittlerweile zum dritten Mal im Landkreis St. Wendel über die Bühne ging, lieferte Ralf Kartes, der auch als Übungsleiter  vor Ort war. „Alles was wir hier geübt haben, basiert auf anonymisierten, aber realen Fakten und Geschehnissen“, erklärte der stellvertretende Leiter der PI St. Wendel der Beobachtungsgruppe, die die Übung kurz zuvor direkt verfolgen konnte. Unter den Zuschauern waren nicht nur andere Polizeibeamte, sondern auch Vertreter der Feuerwehr, Mitarbeiter der Gemeinde und des Kreises sowie Journalisten und Lehrer der Gesamtschule Marpingen.

Thomas Schaack von der Polizeiinspektion St. Wendel nahm ebenfalls an der Übung in Marpingen teil. Foto: Tom Peterson

Wenige Minuten vorher standen diese noch im Eingangsbereich und beobachteten zusammen mit Martin Walter, dem ehemaligen Polizei-Chef von St. Wendel und jetzigen Dozenten im Fachbereich Polizeivollzugsdienst an der Fachhochschule für Verwaltung (FHSV) in Göttelborn, wie drei Beamte des Wach- und Streifendienstes das Gebäude unter vorgehaltener Waffe, und nur mit einer schusssicheren Weste ausgestattet, betraten.

Die auf dem Boden liegenden und um Hilfe schreienden verletzten Schüler, die von etwa 60 Studenten der FHSV gemimt wurden, ignorierten die Beamten auf ihrem Weg in Richtung Treppenhaus. Auch wenn dies hart sei, die primäre Aufgabe für die Beamten sei es, „zunächst den Täter handlungsunfähig zu machen“, erklärt Walter den  Beobachtern. Erst danach könne man sich um die Verletzten kümmern. Auch Sanitäter müssten in so einer Lage erst einmal in sicherem Abstand warten, da die Gefahr zu hoch sei, dass die Helfer selber zu Schaden kommen könnten.

Kurze Zeit später betreten auch mehrere Einsatzkräfte der Operativen Einheit (OPE) das Schulgebäude. Mit schwarzen Schutzhelm, Schutzschild und Maschinenpistolen ausgesattet, rücken sie langsam und methodisch durch das Gebäude. Die für außergewöhnliche Gefahrenlagen geschulten Beamte sind seit 2016 in St. Wendel stationiert und würden im Ernstfall die Beamten des Wach- und Streifendienstes vor Ort unterstützen, erklärt Ralf Kartes im Nachhinein. Wenige Minuten später ist die Übung beendet. Die Beamten der OPE führen die Täter ab, und die Verletzten werden abtransportiert. Die Übungsleitung sieht den Ausgang der Übung durchaus positiv.

„Die Übung hat uns erkentnissmäßig vorangebracht“, resümiert Ralf Kartes. Erkenntnisse von früher hätten sich durch die Übung bestätigt. Doch auch neue seien dazu gekommen. „Wir brauchen eine Übungsebene, die uns mit dem Rettungsdienst, der Feuerwehr und anderen Polizeidienststellen vernetzt. Wenn wir jeder für uns alleine üben, bringt uns dies in solchen komplexen Lagen nicht voran. Dies schafft nur das gemeinsame Üben in regelmäßigen Abständen“, erklärt Kartes.

Zwei Polizeibeamte der Operativen Einheit arbeiten sich in Deckung eines Schutzschildes durch das Schulgebäude in Marpingen vor. Foto: Tom Peterson. Foto: Tom Peterson

Wie schnell solche Übungen relevant werden können, zeigte sich erst vor kurzem in Halle/Saale, wo ein schwerbewaffneter Rechtsextremist in der historischen Altstadt Amok lief und zwei Menschen erschoss. Laut Aussagen von Kartes und Walter haben die dortigen Ereignisse jedoch keinen Einfluss auf den Ablauf der Übung in Marpingen gehabt.

Zum Ende der Übung führen drei Beamte einen der „Täter“, der kurz zuvor noch eine Geisel genommen hatte, in Handschellen ab. Foto: Tom Peterson
Realismus war eine der wesentlichen Merkmale der Anti-Amok-Übung in Marpingen. Auch auf kleine Details wurde dabei geachtet. Foto: Tom Peterson

Auch wenn man gut auf solche Situationen vorbereitet sei, seien regelmäßige Übungen notwendig. In einem waren sich an diesem Tag alle Beteiligten einig: Man hoffe, dass das Gelernte nicht im Ernstfall angewendet werden muss. „Lieber bereiten wir unsere Kollegen tausend Mal mehr auf solche Extremlagen vor, bevor sie so etwas auch nur einmal in Echt erleben müssen“, sagt Ralf Kartes.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Anti-Amok-Übung in Marpingen

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