Pauken für ein großes Ziel

Kriegsflüchtlinge aus Syrien leben im Landkreis St. Wendel an. Aber auch Menschen aus Ländern wie Afghanistan oder Eritrea wollen hier ein neues Leben beginnen. Dazu braucht es einige Voraussetzungen: Die deutsche Sprache muss erlernt werden. Die Neuankömmlinge sollen sich mit der Kultur auseinandersetzen. In einer Serie will die Saarbrücker Zeitung einen Einblick geben, wie es bei uns in Sachen Integration läuft. Heute geht es um Integrationskurse. SZ-Mitarbeiter Frank Faber war bei einem solchen Kurs dabei.

Für meine Mitschüler auf Zeit bedeutet der Besuch eines Integrationskurses Zukunft. Bevor ich die Schulklasse betrete, frage ich mich: "Wie wäre das wohl für mich, wenn ich aus Deutschland fliehen müsste und irgendwo in der syrischen Provinz an einem derartigen Kurs teilnehmen würde?" Lehrerin Malgorzata Degel stellt mich kurz der Lerngruppe vor. Neben Paula nehme ich Platz. Die Syrerin lächelt mich nett an, begrüßt mich. In ihrem Gesicht ist keine Abneigung zu erkennen, obwohl ich ein T-Shirt mit einem Totenkopfmotiv trage. Nicht gerade passend, ich weiß.

Lehrerin Degel fragt: "Wie heißen die Worte zum Thema Verkehr?" Es geht um Symbole im Straßenverkehr, wie im Fahrschulunterricht. "Das Schild heißt Halteverbot, das ist ein Stoppschild", entgegnet ein Schüler und erklärt dessen Bedeutung. Dann erteilt die Lehrerin Bilik das Wort. Er muss den Textblock "Ab in den Urlaub" vorlesen. Aber hallo, wie fließend der junge Mann liest: "Keine andere Nation fährt so gerne in Urlaub wie die Deutschen", betont er dazu grinsend. Nun kommt meine Nachbarin Paula an die Reihe. Sie muss laut fehlende Worte in einem Brief ergänzen.

Seit zehn Wochen läuft dieser Kurs. "Wir arbeiten sehr differenziert, denn das Sprechen bereitet Schwierigkeiten", erklärt mir Lehrerin Degel während der Pause. Sie muss das Niveau und die Bedürfnisse von Schülern aus verschiedenen Ländern im Lehrplan auf einen Nenner bringen. Degel erklärt den Einwanderern, wie das politische System in Deutschland funktioniert, spricht über die deutsche Geschichte und erklärt Sitten, Verhaltensregeln und Gebräuche. Dazu gehöre auch der Einbau von aktuellen Themen. "Wenn ein Attentat verübt wird, dessen Bilder um die Welt gehen, kann das nicht ausgeklammert werden", sagt Degel. Ich habe den Eindruck, jede kleine Anekdote hilft meinen Mitschülern, die Fragen und ein Stück weit die deutsche Kultur besser zu verstehen. Alle Kursteilnehmer pauken für ein großes Ziel: Sie wollen zunächst die interne Zwischenprüfung und nach gut einem halben Jahr die Abschlussprüfung bestehen.

In der Mittagspause erfahre ich mehr über die Persönlichkeit meiner temporären Klassenkameraden. Die in Scheuern lebende Syrerin Safaa ist von Beruf Lehrerin und Mutter von fünf Kindern. "Mit der Grammatik ist das nicht so einfach", meint sei. Das natürliche Sprechen sei etwas anderes als die formale Sprache . Abdul, der in Syrien als Schuhmacher gearbeitet hat, ergänzt: "Der saarländische Dialekt ist dann noch mal was anderes, da werden viele Sätze einfach abgekürzt". Sich die Worte zu merken, die er für den Alltag benötige, sei für ihn nicht schwer. Mohammad und Abdul Rahman schließen sich unserer Gesprächsrunde an. Im Anschluss an den Integrationskurs wollen beide einen Sprach-Aufbaukurs machen und über ein Praktikum einen Job finden. "Ich finde den halbjährigen Integrationskurs zu kurz, der müsste was länger gehen", bemängelt Mohammad. Die Mitschüler nicken sofort mit dem Kopf, alle wollen die deutsche Sprache , Geschichte und Kultur so perfekt wie möglich lernen.

Ich bin beeindruckt über die Motivation der Menschen, die aus ihrem Heimatland Syrien wegen des Bürgerkrieges geflohen sind. Könnte ich mich in der arabischen Welt so anpassen? Dieser Gedanke spukt mir nach der Verabschiedung durch den Kopf. Am Abend beschäftigt mich noch eine Nachrichtenmeldung. Gerichte in Frankreich müssen sich mit einem Burkini-Verbot am Strand befassen. Es geht um einen muslimischen Ganzkörperbadeanzug. Ist das überhaupt angemessen? Ist die westliche Welt konservativ und beschäftigt sich mit Oberflächlichkeiten? Darüber hätte ich mich gerne mit Safaa und Paula ausgetauscht. Vielleicht sieht man sich ja wieder.Mit dem Zuwanderungsgesetz wurde erstmals die Förderung der Integration als eine Aufgabe des Bundes gesetzlich verankert, deren zentraler Bestandteil die 2005 eingeführten Integrationskurse zur Vermittlung deutscher Sprach- und Gesellschaftskenntnisse sind. Im Mai dieses Jahres wurde das neue Integrationsgesetz beschlossen. Es fördert den schnellen Zugang zum Arbeitsmarkt und die Integration durch Arbeit. Dafür ist das Angebot an Integrations- und Sprachkursen verbessert und ausgebaut worden. Das Aufenthaltsgesetz regelt in den Paragrafen 44 und 44a, wer am Integrationskurs teilnehmen darf oder wer dazu verpflichtet werden kann. Die Kosten für einen Integrationskurs trägt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Bedarf an Lehrern gestiegen

Im Landkreis St. Wendel koordiniert die Kommunale Arbeitsförderung - Jobcenter - das Kursangebot. "Das BAMF meldet uns die Bewerber, von denen jeder einen Fallmanager hat", erläutert Jobcenter-Dezernent Thomas Schmidt. Zur Zielgruppe für die Teilnahme an Integrationskursen gehörten, so Schmidt, neben Asylberechtigten auch Asylbewerber sowie weitere Zuwanderer aus EU-Staaten. "Wir haben eine Warteliste, wenn uns freie Kursplätze gemeldet werden, wird die Liste chronologisch abgearbeitet", erklärt Schmidt. Mit dem Höhepunkt der Einreisewelle im vergangenen Jahr, ergänzt Schmidt, sei zudem bei den diversen Kursanbietern der Bedarf an Lehrkräften und Personal gestiegen und aufgestockt worden.

"Ohne Sprachkenntnisse und Informationen über die Gesellschaftsformen ist ein späterer Übergang für die Zuwanderer in den Beruf nicht möglich", meint Harry Hauch, Leiter des Kultur- und Bildungs-Instituts (KuBI), ein Eigenbetrieb des Landkreises St. Wendel , dem die Kreisvolkshochschule (KVH) unterstellt ist. Seit zehn Jahren werden Integrationskurse angeboten, derzeit läuft Nummer 31.

Doch was unterscheidet eigentlich einen Integrations- von einem Sprachkurs? Dazu Hauch: "Zehn Prozent eines Integrationskurses bestehen inhaltlich aus gesellschaftlich-politischer Bildung". Der Kurs à 660 Unterrichtstunden läuft ein halbes Jahr, den die Teilnehmer mit Prüfung B1 (vergleichbar mit einem Fremdsprachenniveau der mittleren Reife), abschließen. "Vor Beginn führen wir einen Einstufungstest durch. Das Ergebnis hilft uns, zu entscheiden, mit welchem Kursabschnitt die Teilnehmer beginnen sollen, oder ob ein spezieller Kurs sinnvoll wäre", erklärt Hauch. Des Weiteren hat die KVH einen Alphabetisierungskurs für Anfänger über 960 Stunden im Programm. "Hier wird in kleinen Gruppen gelernt und so hat die Lehrkraft mehr Zeit für jeden Teilnehmer", sagt der KuBi-Chef. Die Wiederholer-Kurse richten sich an Teilnehmer, die bereits am Abschlusstest eines Integrationskurses teilgenommen haben, diesen jedoch nicht mit dem Niveau B1 abschließen konnten.

Zum Thema:

Auf einen Blick Die Planung der Sprachförderung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sieht für das laufende Jahr zirka 210 Plätze für Integrationskurse vor. Diese verteilen sich auf folgende Träger: Kultur- und Bildungs-Institut (KuBi) 115 Plätze, Wege in Arbeit und Fortschritt Berufliche Integration (Wiaf) 40 Plätze, Diakonisches Werk (DW) 40 Plätze, Beratung Bildung Vermittlung (IBBV) GmbH 22 Plätze, Logos Hermeskeil zehn Plätze. frf

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