Notfalldarstellung St. Wendel mimt Verletzte, um im Ernstfall zu helfen

Kostenpflichtiger Inhalt: Notfalldarstellung in St. Wendel : Verletzte mimen, um echten Opfern zu helfen

Claudia Michel von der Notfalldarstellung St. Wendel zeigt, wie sie Knochenbrüche und Co. für Übungen der Hilfskräfte präpariert.

Beharrlich tropft die zähe, rote Flüssigkeit vom Handgelenk auf den Tisch. Sie sieht aus wie Blut, ist aber nicht warm. Claudia Michel wirft noch einen letzten kontrollierenden Blick auf die aus Spezialwachs geformte Erhebung auf dem Unterarm, die zusätzlich mit Puder und Farbe präpariert wurde. Ja, so sieht ein offener Bruch aus. Doch glücklicherweise ist die Hand tatsächlich unversehrt. „Ich kann so ziemlich jede Verletzung schminken“, sagt Michel.

Ihr Talent und der Koffer neben ihr, vollgepackt mit einer professionellen Ausrüstung, die auch Maskenbildner bei Film und Fernsehen verwenden, verwandeln regelmäßig kerngesunde Ehrenamtler in Schwerstverletzte. Die 33-Jährige ist Leiterin des Teams Notfalldarstellung, das zur Nachwuchsorganisation des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) im St. Wendeler Kreisverband gehört. Diese Gruppe von 20 Personen unterstützt Hilfsorganisationen dabei, Notfallszenarien möglichst realistisch nachzustellen. „Es wird bei den Rettern einfach mehr Stress aufgebaut, wenn ein Mensch in die Rolle des Opfers schlüpft, als wenn eine Puppe aus einer Gefahrensituation befreit werden soll“, weiß Michel. Und eben jenen Stress spüren Einsatzkräfte auch bei echten Notfällen.

Claudia Michel, Leiterin der Gruppe Notfalldarstellung, zeigt, wie sich ruckzuck eine realistisch aussehende Verletzung präparieren lässt. Foto: Tom Peterson

Etwa 15 mal rückt das Team Notfalldarstellung pro Jahr bei Übungen von Hilfsorganisationen im Landkreis St. Wendel an. Hinzu kommen regionübergreifende Einsätze, beispielsweise bei Großübungen am Saarbrücker Flughafen. Die Freisener Feuerwehr engagiere die Darsteller regelmäßig zu Großübungen. Pro Mime – so heißen die Ehrenamtler, die in die Rolle der Verletzten schlüpfen – fallen Kosten von fünf Euro an. Damit die Szenarien am Tag der Übung auch wirklich so realistisch wie möglich sind, gibt es Vorbesprechungen. „Da bin ich dann auch dabei und erfahre, was trainiert wird: Unfälle oder Brände“, berichtet die Intensiv-Krankenschwester. Im Anschluss daran verfasse sie entsprechende Drehbücher. „Ich halte darin fest, welche Verletzung wie geschminkt wird, wie sich der Darsteller verhalten muss und wie sich seine Verfassung, Blutdruck und ähnliches, im Laufe der Übung verändert.“

Theaterblut läuft über die aus Wachs modellierte Bruchstelle. Foto: Tom Peterson

Eine Schnittwunde, Brandverletzung oder auch einen Platzbauch zu schminken, ist das eine. Um die Realität perfekt zu imitieren, braucht es aber vor allem das Verhalten eines Verletzten. Da gebe es jene, die vor Schmerzen schreien, andere, die weinen oder die ganz Stillen. „Normalerweise geht die Aufmerksamkeit auf den, der laut ist“, sagt Michel. Doch die erfahrene Rotkreuzlerin weiß: „Dem, der schreit, geht es meistens gut, der Stille ist gefährdet.“ Wobei es für die Retter im Einsatz auch ganz wichtig sei, die Veränderungen wahrzunehmen. Wenn der Laute nicht mehr schreit, ist oft Gefahr im Verzug.

„Bei solchen Übungen ist die Kommunikation ein wichtiges Thema“, betont Michel. Und zwar jene zwischen den Hilfsorganisationen, aber auch die mit den Patienten. Für letzteres können die Mimen sensibilisieren. Sind alle gestellten Einsätze abgearbeitet, gibt es eine Nachbesprechung samt Feedback, was gut gelaufen ist und was noch verbessert werden könnte.

Es sind oft heftig demolierte Autowracks, in die sich die Ehrenamtler mit theaterblutverschmierter Kleidung und aufgeschminkten Verletzungen legen. „Am Anfang der Übung liest man sich ins Drehbuch ein, findet in die Rolle“, sagt Michel. Es gab einen Unfall, Angst, die Sirene ertönt, erste Martinshörner sind zu hören, Blaulicht wird reflektiert, die Einsatzkräfte sind da. „Es ist oft eine Gratwanderung, konsequent in der Rolle zu bleiben, aber nicht zu tief einzutauchen.“ Claudia Michel weiß aus jahrelanger Erfahrung, wie es ist, eine verunfallte Person zu mimen. Mit 15 Jahren ist sie zum Jugendrotkreuz gekommen. „Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn man im Auto sitzt, die Retter die Schere ansetzen und plötzlich das Glas berstet“, beschreibt die heute 33-Jährige. Da könne schon mal der Puls ins Rasen geraten. Zur Sicherheit sind immer Übungsbeobachter in der Nähe der Mimen. „Außerdem haben sie eine rote Karte bei sich“, erklärt Michel. Wenn ein Darsteller diese zieht, werde die Übung sofort abgebrochen.

Um die Ehrenamtler sowohl auf die Darstellung von Verletzten als auch auf das Schminken von Wunden und Co. vorzubereiten, gibt es entsprechende Kurse. „Es gibt Mitglieder, die nur schminken, andere, die nur schauspielern.“ Da Claudia Michel inzwischen mehr koordiniere und schminke, komme sie seltener zum Mimen. „Dabei ist das mein Herzblut. So bin ich dazu gekommen“, gesteht sie.

Meist kommen die Mitglieder der Notfalldarstellung aus Hilfsorganisationen und Pflegeberufen. Claudia Michel würde sich freuen, neue Ehrenamtler in der Truppe begrüßen zu können. Interessierte ab 14 Jahren könnten Verletzte mimen. „Ich nehme die Neulinge gerne mal zu einer Übung mit, damit sie sich alles anschauen und vielleicht schon kleine Rollen übernehmen können.“ Ob Erste Hilfe, Notfalldarstellung, Verpflegung oder Technik – beim Deutschen Roten Kreuz seien verschiedene Talente gefragt, sagt Michel. Sie bereitet sich dieser Tage  auf den nächsten Einsatz mit ihrem Schminkkoffer vor, wenn sie wieder Knochen brechen und Haut aufplatzen lässt – ohne das wirklich etwas passiert.

Wer Interesse an der Notfalldarstellung beim St. Wendeler Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes hat, kann sich bei Claudia Michel melden, Tel. (0 68 57) 9 21 39 99, Mobil: (01 74) 2 09 42 64, Mail: sequoya15@web.de