Mario und das Schwingel-Nest

Oberlinxweiler. Es hat lange gedauert, bis Mario dem "Schwingel-Nest" auf die Spur gekommen war. Viele Jahre hatte der Familienforscher nach der Heimat seiner Vorfahren gesucht, dann hatte er sie gefunden: Oberlinxweiler

Oberlinxweiler. Es hat lange gedauert, bis Mario dem "Schwingel-Nest" auf die Spur gekommen war. Viele Jahre hatte der Familienforscher nach der Heimat seiner Vorfahren gesucht, dann hatte er sie gefunden: Oberlinxweiler. Im Jahr 1828 war sein Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater Johann Jakob Schwingel zusammen mit seiner Frau Margarete, geborene Troes, und sieben Kindern nach Brasilien ausgewandert.Johann Jakob Schwingel war Müller, Wollenweber und Tuchmacher und zu diesem Zeitpunkt bereits 51 Jahre alt und zum zweiten Mal verheiratet. Die beiden Kinder aus erster Ehe blieben in Oberlinxweiler. Möglicherweise war der Grund für die Auswanderung, dass in der Walkmühle, die sein Bruder geerbt hatte, kein Platz mehr für die Familie war. In der Zeit vor dem Eisenbahnbau muss es eine beschwerliche Reise nach Bremen gewesen sein, von wo aus die neun Schwingels den Atlantik mit rund 900 anderen Passagieren auf dem Dreimaster Olbers überquerten. Die Reise hat übrigens Johann Friedrich Löbian aus Niederlinxweiler in einem Brief 1834 anschaulich beschrieben, sie dauerte insgesamt rund zehn Monate. Johann Jakob Schwingel bekam von der brasilianischen Regierung Land in Estancia Velha in der Nähe der Einwandererstadt São Leopoldo zugewiesen. Die "Kolonie" umfasste 75 Hektar Land - für die damaligen Verhältnisse im Fürstentum Lichtenberg eine unvorstellbare Fläche.

Von Estancia Velha aus haben sich die Nachfahren von Johann Jakob Schwingel in ganz Brasilien verbreitet. Seine Söhne wollten eigene "Kolonien" und gehörten um 1856 zu den Gründern der Städte Estrella und Teutonia, die Enkel wanderten weiter nach Neu-Württemberg (heute Panambi), wo drei Generationen später Mario geboren wurde. Heute sind die Nachfahren von Johann Jacob Schwingel aus Oberlinxweiler über ganz Brasilien von der Grenze zu Uruguay im Süden bis zum Amazonasgebiet im Norden verstreut. Und es leben in Brasilien wohl mehr "Schwingels" als in Deutschland: Während es hierzulande 291 Telefonbucheinträge mit diesem Namen gibt, sind es in Brasilien 362. Am 15. und 16. September fand in Panambi das dritte Familientreffen der Schwingels statt. Mehr als 200 von ihnen waren zusammengekommen, um sich über die Familiengeschichte auszutauschen und gemeinsam zu feiern. Die Attraktion auf dem Treffen war das Oberlinxweiler Familienbuch, das Ortsvorsteher Jürgen Zimmer über den Atlantik geschickt hatte. Manfred Caspari vom Verein für Orts- und Familiengeschichte hatte Kopien der Kirchenbuch-Geburtseinträge von Johann Jacob Schwingel und weiteren Stammvätern der Schwingels in Brasilien zur Verfügung gestellt.

Mario Schwingel hat in seiner Jugend genau wie seine Frau Erika nur deutsch gesprochen. Nach dem Studium der Betriebswirtschaft hat er überwiegend für deutsche Firmen in Brasilien gearbeitet und war zu dieser Zeit auch öfter in Deutschland. Damals hat er allerdings noch nicht gewusst, wo das "Schwingel-Nest", wie er Oberlinxweiler liebevoll nennt, liegt. In den letzten Jahren vor seiner Pensionierung war er Beamter des brasilianischen Bundesumweltministeriums und für wichtige Umweltprojekte, zum Beispiel in dem großen Überschwemmungsgebiet Pantanal, zuständig. Heute lebt Mario Schwingel in der Stadt Valinhos im Großraum São Paulo und hofft, dass er noch einmal nach Deutschland reisen und das "Schwingel-Nest" besuchen kann.

Diesen Wunsch hat sich vor einigen Wochen Osmar Schwingel mit seiner Familie erfüllt. Auch er stammt auch Panambi, lebt aber seit vielen Jahren in der rund 60 Kilometer von São Vendelino entfernten Stadt Portão. Er wollte unbedingt die Walkmühle, aus der Johann Jakob Schwingel stammte, sehen und fotografieren.

Die Fotos hat er natürlich bei dem Schwingel-Treffen in Panambi seinen Verwandten gezeigt. Nach dem Fest haben sich bereits die ersten Teilnehmer bei Ortsvorsteher Jürgen Zimmer gemeldet, die im nächsten Jahr auch das "Schwingel-Nest" besuchen möchten. Jürgen Zimmer