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Mann aus Winterbach war an Bord der Sea-Watch 3

An Bord der Sea-Watch 3 : Schicksalhafte Begegnungen auf hoher See – St. Wendeler Lebensretter auf dem Mittelmeer

Jonas Müller aus Winterbach war an Bord der Sea-Watch 3. In St. Wendel spricht er über seine Erlebnisse auf dem Rettungsschiff.

Carola Rackete stellt die Motoren nicht ab. Zielstrebig steuert sie auf Lampedusa zu. Boote der Küstenwache umkreisen ihr Schiff. Sie wollen das Anlege-Manöver der Kapitänin verhindern. Doch die lässt sich nicht aufhalten. Nach einem tagelangen Nervenkrieg mit der italienischen Regierung setzt sie die 40 Flüchtlinge sicher im Hafen ab. Trotz Verbot. Eine Welle an Emotionen schlägt der Frau entgegen, als sie den schmalen Steg der Sea-Watch 3 herabsteigt. Einige Schaulustige jubeln ihr zu, andere werfen ihr übelste Beschimpfungen an den Kopf. Ein Polizist greift ihren Arm, führt sie ab und nimmt sie in Gewahrsam. Dann verschwindet Rackete im Polizeiauto.

So zeigen es Videoaufnahmen von Journalisten, die sich Jonas Müller aus Winterbach schon oft angesehen hat. Noch immer kann der 33-Jährige kaum glauben, dass er all die Szenen live miterlebte. Dass er Zeuge wurde, wie die Sea-Watch-Mission wieder neuen Schwung in die Debatte über die europäische Flüchtlingspolitik brachte. „Die Entscheidung, bei der Mission mitzufahren, erfolgte sehr kurzfristig“, sagt er. Denn der Sozialarbeiter und Rettungssanitäter war spontan für eine andere Saarländerin eingesprungen. Stefanie Hilt aus Niedaltdorf musste ihren Einsatz wegen Krankheit kurzfristig absagen. „Ich habe am Samstag den Anruf erhalten, am Sonntag alle meine Termine abgesagt und am Mittwoch saß ich schon im Flieger nach Sizilien“, erinnert sich Müller.

Der 33-jährige Jonas Müller aus Winterbach. Foto: Manuel Görtz

Dort angekommen, stand die Mission jedoch auf der Kippe, weil die Sea-Watch 3 noch immer beschlagnahmt war. Wenige Tage später erhielt die 21-köpfige Crew aber endlich die Zusage: Es konnte losgehen. Jetzt hieß es für alle Beteiligten üben, üben, üben. „Wir mussten das Schiff kennenlernen und die verschiedensten Notfall- und Rettungsszenarien durchspielen. Vom Mann-über-Bord-Manöver bis hin zum Feueralarm“, erzählt Müller, der dem Medizin-Team zugeteilt war. Nach der Einführung stach die Mannschaft in See. Rund 80 Seemeilen vor der libyschen Küste musste sie noch ein letztes Training absolvieren. Dazu ließen Müller und seine Kollegen auch die zur Rettung bestimmten Schnellboote zu Wasser. „Wir sollten auf alles vorbereitet sein“, erklärt der freiwillige Helfer.

Die Besatzung der Sea-Watch 3: Insgesamt 17 Tage verbrachte sie mit den Flüchtlingen an Bord des Rettungsschiffes. Foto: Till M. Egen/Sea-Watch

Danach steuerte Kapitänin Rackete ihr Schiff in die sogenannte Search-and-Rescue-Zone. Dort rettete die Besatzung am 12. Juni 53 Flüchtlinge aus Seenot. „Sie waren zu jenem Zeitpunkt bereits einen Tag auf dem Meer und sowohl der Zustand des Bootes als auch der Menschen erforderte – gemäß geltendem Seerecht – ein sofortiges Eingreifen“, berichtet Müller. Einige seien seekrank gewesen, hätten Verletzungen und andere gesundheitliche Beeinträchtigungen gehabt. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm der Geruch auf dem unsicheren Schlauchboot. „Es war eine Mischung aus Salzwasser, Benzin und Urin“, beschreibt er.

Nachdem alle Flüchtlinge sicher auf der Sea-Watch 3 angekommen waren, entschied Rackete, den 250 Seemeilen entfernten italienischen statt den 47 Seemeilen entfernten libyschen Hafen anzufahren. Denn Libyen sei – so erklärte es auch die EU-Kommission – kein sicherer Ort für Migranten. Doch die Behörden verweigerten ihr das Anlegen. Nur 13 Geflüchtete – Mütter, Kinder und Schwerstverletzte – durften an Land. Alle anderen mussten ausharren. Ein 17-tägiges Martyrium begann. „Vor allem die letzten drei Tage an Bord waren hart“, berichtet Müller. Psychisch sei es den Passagieren immer schlechter gegangen. „Fast alle Gäste, wie wir die geretteten Menschen nennen, waren traumatisiert. Manche konnten gar nicht mehr schlafen“, erzählt er. Einige hätten damit gedroht, sich umzubringen und vom Schiff zu springen. Die Crew-Mitglieder mussten daher rund um die Uhr Wache halten. „Wir konnten das gesundheitliche Wohl der Geretteten nicht mehr gewährleisten“, sagt Müller. Aus diesem Grund habe die Kapitänin den Notstand ausgerufen. Doch die italienische Regierung lehnte es noch immer ab, die Genehmigung zur Hafeneinfahrt zu erteilen.

Das ganze Hin und Her, das ständige Hoffen und Bangen – all dies hätten auch die Flüchtlinge mitbekommen. Dennoch habe an Bord stets eine solidarische Stimmung geherrscht. Es sei nie jemand aggressiv oder gewalttätig geworden. „Wenn Du nichts Nettes zu sagen hast, dann sage lieber nichts“, sei das Motto auf dem Schiff gewesen. Müller erinnert sich an eine Besprechung, in der die Besatzung mal wieder keine gute Nachrichten zu verkünden hatte. Das habe die Laune der Migranten ganz schön getrübt. „Aber als Beschwerden laut wurden, ist ein Flüchtling aufgestanden und hat unser Motto in der Runde wiederholt. Und es hat gewirkt“, erzählt Müller. Alle hätten dem Mann zugehört und sich wieder beruhigt.

In solchen Situationen habe er die Tränen zurückhalten müssen. „Das waren 17 intensive gemeinsame Tage. Ich würde nicht sagen, dass Freundschaften entstanden sind, aber sicherlich einzigartige Verbindungen“, beschreibt der Helfer. Er habe viel Zeit mit den Flüchtlingen an Deck verbracht, mit ihnen geredet und auch mal Karten gespielt. Vor allem mit einem Mann aus Ghana habe er auch tiefgreifendere Gespräche geführt. Er habe ihm von seiner Familie und seinen Freunden erzählt. Von Folter und Erpressung. Von einer nervenaufreibenden Flucht. „Das volle Programm eben“, sagt Müller.

Durch seinen Job habe er gelernt, mit extremen Erlebnissen umzugehen. Empathisch zu sein, aber trotzdem Abstand zu halten. „Das ist es, was es einem ermöglicht, immer weiter zu machen. Wenn Dir das nicht gelingt, macht es Dich kaputt“, ist der Winterbacher überzeugt. Er versucht, sich darauf zu fokussieren, dass er Menschen das Leben gerettet hat. Ansonsten bleibe ihm nur zu hoffen, dass es den Flüchtlingen gut geht. Mehr könne er nicht tun.

Auch in der Nacht auf den 29. Juni konnte Müller nur zusehen. Ohne Zustimmung der Behörden steuerte die Kapitänin den Hafen von Lampedusa an. Dabei berührte sie ein italienisches Polizeischiff, das ihr den Weg blockiert hatte. Neben dem Vorwurf, das Anlegeverbot für ihr Schiff missachtet und Einwanderung illegal begünstigt zu haben, musste sich Rackete daher auch der Anschuldigung stellen, Widerstand und Gewalt gegen ein Kriegsschiff ausgeübt zu haben. Es folgten Hausarrest, Gerichtstermine und Befragungen. Am 18. Juli wurde die 31-Jährige ohne Auflagen freigelassen und kehrte nach Deutschland zurück.

„Carola war die erste Zeit nach der Hafeneinfahrt komplett abgeschirmt. Nur ihr Anwalt hatte noch Kontakt zu ihr“, erzählt Müller. Über ihn habe die Crew ihrer Kapitänin Grüße und Geschenke zukommen lassen. Mittlerweile kommuniziere sie regelmäßig mit ihren Sea-Watch-Kollegen. Sie verschicke E-Mails, um über den aktuellen Stand zu informieren. So soll Rackete am 3. Oktober im EU-Parlament über die Seenotrettung im Mittelmeer berichten. Das teilte ein Sprecher der Linksfraktion mit.

Und auch Jonas Müller will weiter kämpfen. Für die Flüchtlinge und ihre Helfer. Am Dienstag, 6. August, kommt er daher nach St. Wendel. In der evangelischen Stadtkirche wird er ab 20 Uhr von seinen Erlebnissen berichten. Möglichst viele Menschen sollen von der Situation im Mittelmeerraum erfahren. Denn Müller hofft, dass nach all der Aufruhr um die Sea-Watch-Mission endlich Lösungen gefunden werden – und nie wieder ein Rettungsteam in solch eine Lage gerät wie Rackete und ihre Crew.