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Kerzenkirche in Leitersweiler lud Gläubige dazu ein,

Kerzenkirche in Leitersweiler : Ein Lichtblick in schwierigen Zeiten

Evangelische Gesamtkirchengemeinde begeht Reformationstag mit der „Kerzenkirche“ in Leitersweiler. Pfarrerin ruft dazu auf, nicht die Hoffnung zu verlieren und sich gegenseitig beizustehen.

Unzählige Kerzen brennen weithin sichtbar in der Umgebung der evangelischen Kirche und des Gemeindehauses in Leitersweiler. Flackernd erhellt ihr Lichtschein die Nacht. Im Außenbereich warten Besucher darauf, in Zweiergruppen eingelassen zu werden. Im Foyer des Gemeindehauses empfängt sie nacheinander – und mit gebotenem Abstand – Christine Unrath. Die Pfarrerin weist jedem angemeldeten Gast eine Nummer zu. Innen hängen zahlreiche Bilder, die jeweiligen Plätze davor sind durchnummeriert. Nun nehmen die Teilnehmer ihren Platz vor dem Bild ein – die Nummern weisen den richtigen zu. Andrea Schwan, Mitglied der ökumenischen Gruppe „Aufbruch“, die den Abend mitgestaltet, schlägt nach einigen Minuten eine Klangschale an. Das ist das Zeichen für alle, zum Gemälde mit der nächsthöheren Zahl zu wechseln.

Tina Cerovsek, die als Presbyterin und zudem bei der Musikgruppe aktiv ist, erklärt das Konzept der „Kerzenkirche“: „Das ist eine Veranstaltung zum Reformationstag. Die Gläubigen werden im Gemeindehaus mit Bildern und Texten zum Thema Lichtblick konfrontiert, die sie inspirieren sollen, ihre eigenen Gedanken fließen zu lassen. Anschließend findet ein kurzer Gottesdienst in der Kirche statt.“ Pfarrerin Unrath ergänzt, dass sämtliche Gemälde aus dem Fundus von Annette Grandke-Oberholz stammen, die ebenfalls bei „Aufbruch“ mitwirke.

Die „Kerzenkirche“ sehe sie als gelebte Reformation, fügt die Geistliche hinzu: „Martin Luther forderte das Priestertum aller Gläubigen, diesen Gedanken greifen wir hier auf, indem der gesamte Abend von Mitgliedern der Gruppe Aufbruch gestaltet wird. In den vergangenen Jahren war die Kerzenkirche sehr feierlich, mit vielen Kerzen, einem langen Gottesdienst und einem gemeinsamen Abendmahl.“

Das sieht nun, im Coronajahr 2020, freilich anders aus. Alle Teilnehmer mussten sich im Vorfeld mit Name und Telefonnummer für einen der drei angebotenen Termine anmelden und angeben, ob sie um 20, 20.30 oder 21 Uhr kommen wollen. Beim Betreten des Gemeindehauses werden die Daten abgeglichen. Andrea Schwan berichtet, dass pro Termin nur 16 Gläubige teilnehmen können, damit der gebotene Abstand nicht unterschritten wird. Zudem tragen alle einen Mund-Nasen-Schutz und es stehen Desinfektionsmittel bereit.

Nach 20 Minuten verlassen die Gäste das Gemeindehaus und begeben sich in den Außenbereich. Dort warten bereits die Teilnehmer des nachfolgenden Termins darauf, das Gemeindehaus betreten zu dürfen. Die erste Gruppe nimmt nun im Gotteshaus Platz, auch hier mit gebührendem Abstand. Im Altarraum haben sich sechs Mitglieder der Gruppe „Aufbruch“ versammelt, die den Gottesdienst musikalisch gestalten. Bei Liedern wie „In Gottes Hand“ von Hanns Dieter Hüsch und Thomas Quast, „Im Dunkel unsrer Nacht“ (Frère Roger) oder „Ein Licht in dir geborgen“ von Gregor Linßen kommen neben Gesangstimmen auch eine Gitarre, ein E-Piano und eine Kastentrommel zum Einsatz.

Pfarrerin Unrath greift das Thema Lichtblick, das bereits in den Bildern zum Ausdruck kam, in ihrer Predigt auf. Dabei stellt sie ein Gemälde der Künstlerin, das ein stilisiertes Kreuz zeigt, in den Mittelpunkt ihrer Ansprache. Sie ruft dazu auf, auch in der momentanen Situation nicht die Hoffnung zu verlieren und sich gegenseitig beizustehen: „Das Kreuz steht für das Leid, das wir Menschen ertragen müssen, es ist aber gleichzeitig auch ein Hoffnungszeichen.“ In schwierigen Zeiten müsse man sich für eine bessere Welt einsetzen. Aktuell sei es zudem wichtig, gefährdete Menschen zu schützen. Jedoch dürfe man diese auch nicht vergessen und solle über Briefe, Telefonate, Textnachrichten oder kleine Geschenke weiterhin Kontakt zu ihnen halten, damit sie nicht vereinsamen.

 Kerzen erleuchteten den Außenbereich der evangelischen Kirche in Leitersweiler am Reformationstag. Foto: Jennifer Fell
Christine Unrath stellte bei ihrer Ansprache das von der Künstlerin gestaltete Kreuz in den Vordergrund. Foto: Jennifer Fell
Die Gruppe „Aufbruch“ gestaltete den Gottesdienst musikalisch. Foto: Jennifer Fell

Am Schluss verteilt die Seelsorgerin Kerzen an alle Teilnehmer und entzündet sie gleich. Die Gläubigen verlassen die Kirche. Draußen erwartet sie Tina Cerovsek mit ihrer Querflöte. Nur Kerzen erleuchten die Nacht, als Matthias Claudius` „Der Mond ist aufgegangen“ die Stille durchbricht.