Patient Blood Management: Jeder Tropfen Blut ist kostbar

Patient Blood Management : Jeder Tropfen Blut ist kostbar

Krankenhäuser in St. Wendel und Ottweiler haben ein neues Behandlungskonzept eingeführt.

Ärzte auf der ganzen Welt retten täglich unzähligen Menschen mit Bluttransfusionen das Leben. Doch die Ressource ist knapp und die Behandlung mit Fremdblut birgt auch Risiken. Das Marienkrankenhaus in St. Wendel und die Marienhausklinik in Ottweiler möchten daher in Zukunft sparsamer mit Blutkonserven umgehen. Sie sind dem Netzwerk Patient Blood Management (PBM) beigetreten und haben ein neues medizinisches Konzept eingeführt. Wie das aussieht und was es für die Patienten bedeutet, erklären Dr. Martin Bier, Chefarzt der Abteilung Anästhesie, und Dr. Martin Gutjahr, Oberarzt der Anästhesie und operativen Intensivmedizin sowie Transfusionsverantwortlicher.

Herr Gutjahr, was sind die Gefahren einer Bluttransfusion?

Martin Gutjahr Patienten, die Blutkonserven bekommen, haben unter anderem ein erhöhtes Risiko für Wundheilungsstörungen. Bei Menschen mit Tumorerkrankungen kann die Gabe von Fremdblut das Risiko, dass eine Metastase zurückkehrt, um ein Mehrfaches erhöhen. Außerdem ist die Ein-Jahres-Mortalität ebenfalls erhöht.

Martin Bier Streng genommen ist eine Bluttransfusion auch eine Organtransplantation. Das heißt, es kann zu einer Abstoßungsreaktion kommen. Werden Blutgruppen verwechselt, endet das für den Patienten ziemlich sicher tödlich.

Wann haben das Marienkrankenhaus und die Marienhausklinik beschlossen, weniger Fremdblut zu verabreichen?

Gutjahr Ich habe auf einem Kongress Näheres über Patient Blood Management erfahren. Dann habe ich mich in die Materie eingelesen und angeregt, das Konzept auch an unseren Kliniken einzuführen. Wir nehmen jetzt seit dem 1. Mai an dem Patient-Blood-Management-Netzwerk teil. Das war der Stichtag, an dem wir begonnen haben, die fremdblutsparenden Maßnahmen strukturiert einzuführen. Teile davon wurden bereits vorher gemacht, jedoch ist es jetzt in einem Gesamtkonzept zusammengefasst.

Was genau hat es mit Patient Blood Management auf sich?

Bier Patient Blood Management ist der bewusste Umgang mit Blutkonserven. Unser Ziel ist es, die knappe Ressource zielgerichtet den richtigen Patienten zukommen zu lassen. So wollen wir die Risiken der Fremdblut-Behandlung minimieren.

Wie kann man in einem Krankenhaus Blut sparen?

Bier Wir haben mehrere Maßnahmen getroffen. Vor der OP kontrollieren wir den Hämoglobinwert eines Patienten. Daran können wir erkennen, ob eine Blutarmut vorliegt. Die ist oft auf Eisenmangel zurückzuführen. Daher hilft es in vielen Fällen, Eisenpräparate zu geben. So kann der Körper wieder mehr eigenes Blut bilden. Während der OP sammeln wir das Blut, bereiten es auf und stellen Eigenblutkonserven her. Dadurch können wir dem Patienten einen großen Teil des Blutes, das er verloren hat, wieder zurückgeben.

Was tun sie noch, um weniger Blutkonserven verwenden zu müssen?

Bier Wir wählen die Indikation für eine Transfusion kritischer.

Was bedeutet das?

Bier Früher hat man gesagt, der Hämoglobinwert muss zwingend über zehn sein. Bei 9,5 hat man eine Blutkonserve verabreicht. Und jetzt wägen wir das bei jedem Patienten individuell ab. Wir prüfen also in jedem Einzelfall, ob eine Transfusion wirklich nötig ist.

Bei welchen Operationen wenden Sie Patient Blood Management an?

Bier Bei größeren Operationen, etwa nach einem schweren Verkehrsunfall. Aber auch in der Orthopädie, wenn ein neues Gelenk eingesetzt wird. Oder in der Gefäß- und Abdominalchirurgie.

Gehen Sie künftig auch außerhalb des OPs sorgsamer mit dem Blut ihrer Patienten um?

Gutjahr Ja, unter anderem fragen wir Laborwerte gezielter ab und benutzen zur Blutentnahme volumensparendere Röhrchen.

Wie viel Blut können sie dadurch pro Jahr sparen?

Gutjahr Wir haben hochgerechnet, dass wir allein durch die Umstellung der Röhrchen den Patienten rund 140 Liter Blut pro Jahr weniger abnehmen werden.

Bier Wie viel Blut weniger wir im OP benötigen, werden wir erst in etwa zwei Jahren sagen können. Erst dann haben wir einen Vergleich. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass wir an die 100 Blutkonserven pro Standort und Jahr sparen. Aber das ist momentan nur eine Schätzung.

Ist trotzdem sicher gestellt, dass jeder Patient das Blut bekommt, was er braucht?

Gutjahr Ja klar. Patienten, die eine Blutkonserve benötigen, werden sie auch nach wie vor bekommen. Wir wollen nur versuchen, zukünftig die Patienten besser zu identifizieren, bei denen der Nutzen einer Fremdblutgabe das Risiko übersteigt.

Bier Patient Blood Management ist auch auf keinen Fall dazu gedacht, Geld einzusparen. Finanziell gesehen haben wir davon keine Vorteile. Das Gerät, das die Eigenblutkonserve herstellt, kostet pro Einsatz mindestens 150 Euro. Und auch das Eisenpräparat ist richtig teuer. Wir sparen zwar das Geld für die Blutkonserven, müssen dafür aber in andere Dinge in ungefähr der gleichen Höhe investieren.

Haben Sie seit dem Start von PBM schon Rückmeldungen von Patienten bekommen?

Gutjahr Speziell zur Teilnahme an dem Netzwerk haben wir noch keine Rückmeldungen bekommen. Aber einige Patienten sprechen uns schon darauf an, was wir tun, um fremdes Blut zu sparen. Vor allem bei den jüngeren ist das Bewusstsein für das Thema da.

Kann Patient Blood Management die Blutspende ersetzen?

Bier Nein. Es gibt viele Krankheiten, bei denen die Patienten auf fremdes Blut angewiesen sind. Wir erleben täglich Situationen, in denen Menschen sterben würden, wenn sie keine Bluttransfusion bekommen würden. Patient Blood Management ist der kritische Umgang mit Blutkonserven. Das Kunststück liegt darin, die Entscheidung zu treffen, ob eine Transfusion dem Patienten schadet oder ob er sie wirklich braucht.

Dr. Martin Gutjahr. Foto: Raphael Maass
Dr. Martin Bier. Foto: Raphael Maass

Gutjahr Die Ressource Blutkonserve wird zunehmend knapper. Die Bereitschaft der Bevölkerung zur Blutspende zu gehen, ist geringer als das noch vor 20 Jahren der Fall war. Und es ist heute schon so, dass wir in gewissen Regionen Deutschlands und zu gewissen Jahreszeiten massiven Mangel an Blutprodukten haben. Da haben wir Probleme, Patienten mit Blut zu versorgen. Dem will Patient Blood Management entgegenwirken. Trotzdem brauchen wir nach wie vor viele Blutspender.

Mehr von Saarbrücker Zeitung