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Heemer Net-Kerb sorgt für Furore - nicht nur in Hoof.

Kostenpflichtiger Inhalt: Corona-Krisen-Kirmes : Selbst in Oregon wurde die Net-Kerb gefeiert

Der Hoofer Saisonhöhepunkt wurde situationsbedingt ins Internet verlegt. Die Bürger beteiligten sich real mit originellen Aktionen.

In Hoof im Ostertal wird traditionell Ende April die erste Kirmes im Landkreis St. Wendel gefeiert. Zum Bedauern vieler Hoofer und Hoof-Verbundener konnten sie das Fest in diesem Jahr nicht feiern wie es fällt. Weil es – wie alle anderen Veranstaltungen in der Region – aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden musste. Für Marc Ritter, Vorsitzender der UHG (Unterhaltungsgruppe) Hoof, war das so nicht hinnehmbar: „Ich wollte wenigstens die Kerweredd halten und zu den einzelnen Bürgern ins Wohnzimmer oder auf die Terrasse bringen.“ Hilfe bei der Umsetzung dieser Idee erhoffte sich Ritter von dem „Heemer Bub“ Michael Jung, der als Cutter (verantwortlich für Bild- und Tonschnitt) bei Pro7/Sat1 in München arbeitet und über das entsprechende technische Know-How verfügt. Die beiden nahmen dann mit Mike Höll und Udo Ritter weitere erfahrene Mitstreiter aus der UHG ins Boot und gründeten den „Heemer Kerweclub“. Gemeinsam erstellten sie ein „Net-Kerwe-Programm“. Die Bezeichnung impliziert dabei sowohl die Tatsache, dass die Kirchweih in ihrer üblichen Form nicht stattfinden kann als auch, dass zumindest ein Teil der Programmpunkte digital über die Bühne geht.

Über eine Whats-App-Gruppe ging das Vorhaben online – und die Resonanz war überwältigend: „Wir sind von der Dynamik förmlich überrollt worden. Innerhalb von zwei Tagen war mit 256 Teilnehmern die maximale Teilnehmerzahl einer Whats-App-Gruppe erreicht. Bei etwa 950 Einwohnern im Ort war damit fast jeder Haushalt vertreten“, erzählt Ritter. Aber nicht nur Ortsansässige kommunizierten über die Gruppe, es meldeten sich auch zahlreiche Exil-Heemer aus der Ferne zu Wort: „In München, im Rheingau und in Schaffhausen in der Schweiz war man dabei“, fährt der UHG-Vorsitzende weiter fort.

Auch Janine Zimmer-Berg, deren Mutter aus Hoof stammt, erreichte im fernen Eugene im US-Bundesstaat Oregon ein Ruf aus der Heimat: „Mike Höll, mit dem ich sporadisch über Facebook Kontakt habe, schickte mir eine Einladung, und da war ich natürlich gerne dabei. Meine Großeltern hatten in Hoof einen Bauernhof, daher verbinde ich viele schöne Kindheits- und Jugenderinnerungen mit den Heemer Festen, vor allem aber mit der Kerb. Die Heemer können einfach feiern“, sagt die Dörrenbacherin, die es der Liebe wegen in die Vereinigten Staaten zog. Auf Fotos in der Gruppe konnte man dann auch den eigens montierten Kerwestrauß sehen und im Video bewundern, wie Janine mit ihrem Mann in Tracht die „Die drei Erschde“ im Garten tanzte.

Auch sonst hatten die Hoofer ihren Ort für die Kerb aufgerüstet – real: Als am Sonntagnachmittag die Straußrede in Videoform, vorgetragen von Shari Keller und Marc Ritter, das vergangene Jahr Revue passieren ließ, waren überall an den Häusern und in den Vorgärten liebevoll geschmückte Kerwesträuße zu bewundern. Auch getanzt wurde im Garten und auf der Straße – mit gebührendem Abstand. Hansi Müller untermalte das Ganze musikalisch mit seinem Trompetenspiel. Dabei gab es noch einen besonderen Anreiz: „Ein anonymer Spender hat 1500 Euro für den Sportverein ausgelobt. Voraussetzung für die Auszahlung ist, dass 200 Gruppenteilnehmer Fotos und Videos hochladen, die sie beim Tanzen der ‚Drei Erschde’ zeigen“, enthüllte Marc Ritter.

Landrat Udo Recktenwald (CDU) sagte der SG Hoof-Osterbrücken, der durch den Ausfall der seit 2007 ausgerichteten Zeltkirmes Einnahmen fehlen, per Videobotschaft ebenfalls 300 Euro aus der Sparkassenstiftung zu. Der Vorsitzende des Vereins, Frank Keller, legte zudem gemeinsam mit dem „Kerweclub“ eine virtuelle Elferkarte auf. Diese kann man zum Preis von 20 Euro erwerben und damit den Verein finanziell unterstützen. Denn als Gegenwert bekommt man nach Aussage von Frank Keller lediglich ein Bier serviert, wenn das Sportheim wieder geöffnet ist. Der Rest der Summe gehe als Spende an den Verein, damit dieser auch im kommenden Jahr wieder die Heemer Kerb in Zusammenarbeit mit der UHG und der Stadt St. Wendel auszurichten kann.

Frank Keller und seine Ehefrau Daniela hatten sich für den Sonntag noch ein zusätzliches Schmankerl in Form eines Losstandes überlegt. Hier erhielt die Jugend der SG Hoof-Osterbrücken den Erlös. Besonders erwähnenswert war dabei die Ausführung, denn alles ging kontaktlos vonstatten: Man musste einzeln ins Gartenhäuschen der beiden eintreten, sich ein Bier, das mit einer Losnummer versehen war, aus dem Kühlschrank nehmen und eine freiwillige Spende in die danebenstehende Kasse werfen. Am Abend wurden dann die Gewinner ausgelost.

Doch Frank und Daniela waren nicht die einzigen Heemer mit originellen Ideen: So fanden sich vor vielen Häusern und in zahlreichen Gärten Wurfbuden und Fahrgeschäfte und man brachte mit Popcorn, Zuckerwatte, Grumbeerwaffele und Currywurst auch kulinarisch Kirmesflair ins eigene Heim. Sogar an den „Kerwe-Ägel“ wurde gedacht: Stefanie und Ann-Kathrin Dell gestalteten ihn und positionierten ihn dann vor der Eingangstür von „Fischersch“, der Kneipe ihrer Famile, die von 1986 an 20 Jahre lang als Straußwirtschaft fungierte. In der Gruppe postete man unterdessen zahlreiche selbstgedrehte Videos, veröffentliche Playlists und prostete sich aus der Distanz zu.

Die Moderatorin des Pro7-Magazins „Red“ schickte zu Beginn ihrer Sendung einen Gruß ins Ostertal-Dorf. Michael Jung, Cutter bei eben diesem Sender, hatte indes alle Hände voll zu tun: „Ich habe ganz viel Foto- und Videomaterial, da ich von 1995 bis 1998 bei der Straußjugend dabei war und auch vorher und nachher fotografiert und gefilmt habe. Viele Fotos stammen aus dem Jubliäumsjahr 2003, als wir die 150. Kirchweih feierten. Aber auch ganz viele Leute aus der Whats-App-Gruppe haben mir ihre Schätze geschickt, die ich dann zu Dateien und Files zusammengestellt habe.“ Obgleich so manches Video und Foto schöne Erinnerungen in ihm wach riefen und vor allem auch die Gesangseinlagen des erfahrenen Faasenachts-Protagonisten Udo Ritter, der unter anderem einen Pandemie-Song zum Besten gab, zu Lachsalven verleiteten, vermisse er doch das Zusammensein mit Freunden vor Ort: „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal an einem Kerwesonntag im Sender sitzen würde. Ich wohne seit 1999 im Münchener Umland, aber ich habe nie eine Heemer Kerb verpasst, das war für mich immer der Ankerpunkt im Jahr.“

Auch Marc Ritter hofft, dass der Saisonhöhepunkt im kommenden Jahr wieder in gewohnter Manier stattfinden kann, er bedankte sich vor allem aber bei allen Mitwirkenden für die tollen Aktionen. Zum Schluss äußert der UHG-Vorsitzende noch einen Wunsch: „Die Heemer Kerb sollte irgendwann zum Weltkulturerbe ausgerufen werden.“

Gerlinde Müller hatte mit Tochter Nadine und Enkelin Johanna einen  fantasievollen Kirmesstand aufgebaut. Das Foto zeigt (von links) Gerlinde Müller, Johanna und  deren Freundin Joline. Foto: Mike Höll
Marc Ritter bei seiner Straußrede vorm eigenen Haus. Foto: Mike Höll
Der "Kerwe-Ägel" saß vor Fischersch, der ehemaligen Straußwirtschaft. Foto: Jennifer Fell Foto: Mike Höll

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