Groteske Züge eines Wahlkampfs

Die Domglocken läuteten, als Angela Merkel vergangene Woche die Portalstufen der St. Wendeler Basilika hinaufschritt. Purer Zufall? Das bezweifle ich. Denn mir ist nicht bekannt, dass pünktlich um zehn vor fünf nachmittags in gewohnter Regelmäßigkeit der Küster dafür sorgt, das Geläut erschallen zu lassen. Usus ist das nicht. Was sollte dann dieser Lockruf von der Turmspitze aus? Ein höflicher Willkommensgruß für eine hochrangige Politikerin? Oder steckt da doch mehr dahinter?

Zuerst einmal muss klar sein, wer da in welcher Rolle und aus welchem Anlass zu Besuch in die Wendelsstadt kam. Es war die Regierungschefin der Bundesrepublik Deutschland zu Gast. Aber eben nicht in dieser Funktion. Merkel erschien keineswegs als Bundeskanzlerin aller hier in Deutschland lebenden Menschen an Dom, Rathaus und Schlossplatz. Ihr einziger Auftrag an diesem Tag: Sie war Helferin im Kampf um die Landtagswahl für ihre Partei, die CDU. Als Bundesparteivorsitzende leistete sie Annegret Kramp-Karrenbauer prominente Schützenhilfe mit Amtsbonus.

Und genau das macht den überaus wichtigen Unterschied, lässt die Entscheidung der Kirchenleitung - Glockenklang für Merkels Besuch - ins Zwielicht geraten. Sehr wohl kann der politische Gegner darin eine Wahlempfehlung seitens der Pfarrei erkennen, was an längst vergangene Zeiten erinnert, als Pfarrer von der Kanzel aus ihren parteipolitischen Präferenzen keinen Hehl machten. Dabei hat sich Kirche aus dem Wahlkampf tunlichst herauszuhalten, so lange es nicht um menschenverachtende Aussagen geht, die die Grundpfeiler des christlichen Miteinanders ins Wanken bringen. Aus gutem Grund gilt die Trennung von Glauben und Staat, um parteipolitische Einflussnahme vom Kirchturm aus zu verhindern. Zudem tun Verantwortliche der Kirche gut daran, wenn ihnen bewusst wird, dass ihre Schäflein nicht nur einer politischen Richtung nahestehen. Jene fühlen sich in dem Augenblick vor den Kopf gestoßen, wenn ihre religiöse Institution parteipolitisch die Stimme erhebt. Sie muss Neutralität wahren. Ansonsten befinden sich Kirche und Wahlkampf auf Abwegen, auch in St. Wendel.