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Geschäfte in der St. Wendeler Innenstadt müssen schließen

Kostenpflichtiger Inhalt: Corona : Stillstand, Abstand und kaum Widerstand

Rundgang durch einen Landkreis, in dem das Coronavirus seit Mittwoch das öffentliche Leben beinahe komplett ausgebremst hat.

Es ist ruhig geworden im Landkreis St. Wendel. Viele Geschäfte mussten schließen, viele Restaurants und Hotels ebenfalls – teils auf staatliche Anweisung, teils aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. Größere Ansammlungen von Menschen in der Öffentlichkeit sind nicht länger erlaubt. Zahlreiche weitere Einrichtungen – darunter Saunas und Schwimmbäder, Bars und Diskotheken, Theaterhäuser und Kinos sowie Freizeit- und Tierparks – müssen ebenso geschlossen bleiben. Manche Apotheken dürfen die Kunden nicht länger betreten, sie erhalten ihre Medikamente durch eine Klappe in der Eingangstür. Auch die St. Wendeler Tafel gibt nur noch Lebensmittel vor dem Gebäude aus und die Leute sind angehalten, Abstand zu halten.

Öffentliche Versammlungen hat die Polizei im Landkreis bislang noch keine stoppen müssen, berichten Sprecher der Polizeiinspektionen St. Wendel und Nordsaarland. Die Polizei selbst sei nicht dafür verantwortlich. Dafür seien die Kommunen, sprich die Ortspolizeibehörde, zuständig. „Die Ortspolizei fährt Streife und kontrolliert. Wir werden nach unseren Möglichkeiten, tun was wir können, müssen aber unser Personal so planen, dass wir immer eine gesunde Reserve haben“, erklärt der Sprecher der Polizeiinspektion St. Wendel. Die Polizei werde nur dann gerufen, wenn die Beamten vor Ort Unterstützung bräuchten, weil sie auf eine zu große Menschenmenge stoßen oder sie angegriffen werde, erklärt der Sprecher weiter.

Ruhig ist es derzeit in der St. Wendeler Bahnhofstraße. Dort bleiben die Türen zahlreicher Geschäfte geschlossen, darunter die von Buch und Papier Klein. „Wir hätten sogar öffnen können“, meint Inhaber Jochen Klein, da er auch Zeitschriften verkaufe und dies gestattet sei. Da er aber an die Gesundheit seiner Mitarbeiter und Kunden denke, habe er sich entschlossen, das Geschäft zu schließen. „Es ist besser, wir machen ganz zu und die Sache ist in vier bis sechs Wochen vorbei, als dass wir öffnen und die Krise zieht sich länger hin“, so Klein. Froh ist er darüber, dass sowohl seine Mitarbeiter als auch seine Kunden bisher großes Verständnis für diese besondere Lage hätten aufbringen können. „Im Gegensatz zu Menschen im Schlauchboot auf dem Mittelmeer geht es bei uns nicht um Leben und Tod, hier geht es um wirtschaftliche Existenzen. Das kriegen wir gemeinsam mit Zusammenhalt und Hilfe der Politik irgendwie aufgefangen, damit es für alle Unternehmen und Mitarbeiter weitergeht“, hofft der Inhaber.

„Wir waren gezwungen, zu schließen, und ich halte diese Entscheidung unserer Regierung für richtig“, sagt Ekkehart Houy, Inhaber der Textilhaus Houy GmbH. „Es geht dabei nicht nur um Umsätze, sondern vor allem um die Gesundheit unserer Mitarbeiter und unserer Kunden.“ Houy weiter: „Das sind jetzt schwierige Zeiten für uns.“ Das Verhalten seiner Mitarbeiter in dieser Krise lobt der Modehaus-Inhaber ausdrücklich: „Keiner hat sich quergestellt, einige haben uns angeboten, auf ihren Lohn zu verzichten, andere haben vorgeschlagen, in unbezahlten Urlaub zu gehen.“ Mit einem solch entgegenkommenden Verhalten habe er nicht gerechnet und zeigte sich entsprechend dankbar. „Da müssen wir jetzt durch. Wir werden es auch irgendwie überleben, aber kaum ohne staatliche Hilfe“, sagt Houy.

Über zurückgehende Kundschaft beklagt sich auch Steffen Bernard, Inhaber des Friseursalons Bernard in der Balduinstraße in St. Wendel. „Kunden und Mitarbeiter, alle sind verunsichert“, weiß Bernard zu erzählen. „Wir haben auch zwei Mitarbeiter, die besonders gefährdet sind, da sie schon über 60 Jahre alt sind. Die haben wir gebeten, zu Hause zu bleiben“, sagt der Friseur. Kunden riefen immer wieder an, um zu fragen, ob der Salon noch geöffnet sei und ob sie noch kommen könnten. „Ein Kunde rief an und sagte, alle hier im Salon sollten sich zuerst auf eine Corona-Infektion testen lassen, bevor er vorbeikommen würde“, erzählt Bernard. Gleichzeitig könne er die Sorge der Menschen verstehen und nachvollziehen, dass nicht mehr so viele in den Salon kämen. „In der derzeitigen Situation macht es ja Sinn, zu Hause zu bleiben, um Infektionen zu verhindern“, erklärt Bernard. „Aber wir rechnen jeden Tag damit, dass von offizieller Stelle die Anweisung kommt, dass wir ganz schließen müssen.“

Auch dem Naturwildpark Freisen brechen nun die Einnahmen weg. „Wir haben gerade den Winter hinter uns und damit unsere Reserven aufgebraucht“, erläutert Inhaber Matthias Broszeit. „Von Mitte März bis Ostern hätten wir wieder Gelegenheit, unsere Kassen zu füllen. Das fällt jetzt alles weg.“ Dem Park macht auch zu schaffen, dass Veranstaltungen wie der historische Frühlingsmarkt, der am ersten Aprilwochenende hätte stattfinden sollen, ausfallen. Im Gegensatz zu vielen anderen Betrieben könne der Naturwildpark seine Mitarbeiter nicht in Kurzarbeit schicken, erklärt Broszeit. „Unsere Tiere müssen versorgt werden, wir müssen Personal und Futter bezahlen, dazu kommen noch Strom- und Wasserkosten sowie Mahngebühren für abgesagte Veranstaltungen. Gleichzeitig kommen jetzt aber keine Einnahmen rein.“ Eine Besserung sei nicht in Sicht, „daher brauchen wir schnelle Gelder“, betont Broszeit. „Von Spenden alleine können wir nicht leben.“

Wolfgang Zeyer, Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft „In St. Wendel tut sich was“, beschreibt die Lage für die Geschäfte als existenzgefährdend. „So wie jetzt wird es voraussichtlich die nächsten zwei Wochen bleiben, danach wird es wohl kaum besser, eher schlechter“, prognostiziert der AG-Vorsitzende. „Es kann durchaus sein, dass manche Geschäfte nach der Krise gar nicht mehr aufmachen werden“, befürchtet Zeyer.

Neben den Ministerien und den Banken müssten auch die Vermieter mitspielen, meint Zeyer „Denn den Vermietern nützt es ja nichts, jetzt darauf zu pochen, dass die Miete in vollem Umfang bezahlt wird, wenn dann in zwei Monaten der Mieter nicht mehr da ist.“ Den Umgang der Agentur für Arbeit und des Bundeswirtschaftsministeriums lobt Zeyer ausdrücklich. „Inzwischen sind zahlreiche Telefonleitungen geschaltet und die Mitarbeiter bei der Arbeitsagentur sind angehalten, unbürokratisch zu entscheiden“, lobt Zeyer.

In der Marien-Apotheke in Freisen bekommen die Kunden ihre Medikamente durch eine kleine Klappe. Foto: B&K/Bonenberger/
Auch das Café Duda in Tholey bekommt die Einschränkungen zu spüren. Inhaberin Duda Eckert konnte gestern nicht viele Gäste begrüßen. Foto: B&K/Bonenberger/
Die St.Wendeler Tafel hat Lebensmittel nur nach außen gegeben. Foto: B&K/Bonenberger/

Wie lange die Krise andauern werde, hänge ganz vom Verhalten der Bevölkerung ab. „Bei vielen sind die Warnungen und der Ernst der Lage scheinbar immer noch nicht angekommen.“ Daher appelliert Zeyer an alle Bürger, sich an Anordnungen zu halten und die Lage nicht zu unterschätzen. „Sonst erwarten uns hier irgendwann die gleichen Maßnahmen wie in Frankreich oder Italien.“