Generalvikar des Bistums Trier zur Umsetzung der Synode

Interview: Ulrich Graf von Plettenberg : Raum, um neue Ideen zu verwirklichen

Der Generalvikar des Bistums Trier äußert sich im SZ-Gespräch zu der Kundgebung diesen Samstag, 20. Oktober, in Trier und über die Pfarrei der Zukunft, die so manchem Katholiken Sorgen bereitet.

In der Messe zur Wiedereröffnung der Kirche St. Stephanus in Oberthal sprach Bischof Stephan Ackermann davon, dass die Kirche bei entsprechendem Engagement der Menschen im Dorf bleiben werde („Wenn den Menschen die Kirche wichtig ist, dann bleibt sie offen.“). Geht es dabei auch um die Interpretation des Wortes Kirche. Bleibt die Kirche bei den Menschen im Dorf, aber nicht unbedingt das Gebäude Kirche?

Ulrich Graf von Plettenberg: „Kirche“ ist weit mehr als das, was üblicherweise damit verbunden wird: das Gebäude, der Gottesdienst, der Pastor. Kirche ist, „wo zwei oder drei sich in seinem (Jesu) Namen versammeln“ und füreinander da sind. Also ist Kirche an vielen Orten, wo die Liebe zu Gott und zum Nächsten durch Menschen guten Willens gelebt wird. Es geht daher nicht nur darum, dass das Kirchengebäude, die Sonntagsmesse und der Pastor im Dorf bleiben, sondern dass wir Christen aktiv im Dorf bleiben. Dass das Kirchengebäude dabei eine große Rolle spielt, ist mir schon sehr bewusst. Ich habe an verschiedenen Orten selbst erlebt, wie hoch die Identifikation mit einem Kirchengebäude in einem Dorf ist; wie groß die Bereitschaft ist, sich dafür einzusetzen, sie in Ordnung zu erhalten und bei Renovierungen selbst Hand anzulegen oder großzügig zu spenden.

Können Sie den Aufschrei der Menschen und die Angst vor der Großpfarrei, der Pfarrei der Zukunft, verstehen?

von Plettenberg: Ich kann diese Ängste sehr gut nachvollziehen. Jeder kennt diese Angst, wenn sich etwas Gewohntes ändern soll und nicht genau klar ist, wie es danach sein wird. Sei es bei Kindern, die die Schule wechseln, wenn man eine neue Stelle antritt oder umzieht. Das Unbekannte, der Verlust des Gewohnten macht Angst. Die Menschen spüren zurecht, dass es bei der Synodenumsetzung um einen tiefen Einschnitt geht, nicht um ein „Weiter so“ nur in größeren Räumen, sondern auch um neue Sichtweisen und Haltungen, um eine neue Form von Kirche-Sein. Solche Veränderungen sind schmerzhaft. Aber selbst diejenigen, die jetzt aufschreien, benutzen oft das Wörtchen „noch“, wenn sie von der kirchlichen Situation vor Ort sprechen: „Noch“ haben wir genügend Personal. „Noch“ haben wir Geld, unsere Kirche und andere kirchlichen Gebäude zu unterhalten, „noch“ finden wir genügend Menschen, die sich in den Räten engagieren. Die Bistumssynode hat sich aber zum Ziel gesetzt, die Zukunft zu gestalten, bevor unsere Mittel und das pastorale Personal wegbrechen, damit wir nicht in Panik und unter Druck überstürzt und daher unüberlegt handeln, sondern gut abgewogen und überlegt.

Ich habe das Gefühl, dass jene, die sich engagieren, die Befürchtung haben, ihre Aufgabe in der Kirche zu verlieren. Dass im Leben der Ehrenamtler eine Lücke entsteht. Können Sie erklären, inwieweit die engagierten Menschen auch in Zukunft gebraucht werden. Lässt sich ein künftiges Verwaltungsteam mit dem Pfarrgemeinderat oder Verwaltungsrat vergleichen?

von Plettenberg: Kein Kirchenchorsänger, keine Messdienerin, kein Lektor und keine Kommunionhelferin, kein Engagierter in der Flüchtlingsarbeit oder beim Besuchsdienst muss Angst haben, dass er oder sie zukünftig nicht mehr gebraucht wird. Diese Aktivitäten und Engagements werden heute in der Pfarrgemeinde und morgen in der Pfarrei der Zukunft gebraucht. Wenn die Synode von der „Würde der Getauften“ spricht, ist gemeint, dass die Kirche nicht einfach ein Anbieter religiöser Dienstleistungen ist, sondern nur lebt, weil Menschen mit diesem Engagement den Glauben der Kirche lebendig machen. Auch die Mitglieder in den Räten werden gebraucht. Ihre Erfahrung, ihre Kenntnis der Gegebenheiten und von den Menschen vor Ort werden für einen guten Start der neuen Pfarreien wesentlich sein. Die Pläne sehen vor, dass sie weiterhin in die Verantwortung eingebunden sein werden. Die Verwaltungsteams werden auf Ebene der Verwaltung in ähnlicher Form wie die bisherigen Verwaltungsräte Verantwortung übernehmen, ausgestattet mit einem Mandat, das eine konkrete Zuständigkeit beschreibt, mit einem finanziellen Budget zur Bewirtschaftung der kirchlichen Immobilien vor Ort und als „Anwalt“ des Vermögens, das an Zwecke vor Ort gebunden ist. Diese Verwaltungsteams sollen als rechtliches Organ in das Kirchliche Vermögens- und Verwaltungsgesetz (KVVG) eingefügt werden, damit sie auch einen rechtlichen Status bekommen. Ich habe zudem die Hoffnung, dass es in den Pfarreien der Zukunft Raum und Möglichkeiten geben wird, neue Ideen mit neuen Menschen zu verwirklichen, dass wir zukünftig freiwilliges Engagement besser und vielfältiger begleiten, unterstützen und gestalten können, dass wir mit neuen Initiativen Menschen ansprechen können, von denen wir uns als Kirche entfernt haben.

Es wird eine Demo, organisiert von der Initiative „Kirchengemeinde vor Ort“ diesen Samstag, 20. Oktober, in Trier geben. Wie empfinden Sie das?

von Plettenberg: Es ist ungewohnt und natürlich bin ich da auch etwas aufgeregt. Wann hat es das letzte Mal eine Demonstration in einer kirchlichen Angelegenheit gegeben? Die Kundgebung ist eine freie Meinungsäußerung, die ich respektiere. Es ist das gute Recht der Menschen, ihrem Unmut und ihrer Kritik auch auf diese Weise Ausdruck zu geben. Es zeigt ja auch, wieviel Energie und Motivation in den Menschen steckt, wenn sie für ihre Sache auf die Straße gehen. Ich hoffe nur, dass wir währenddessen und auch danach im Gespräch bleiben können; dass es nicht zu einer Verhärtung und Polarisierung kommt und dass die gegenseitigen Perspektiven – einerseits der Blick für die örtlichen Verhältnisse, andererseits der Blick für das Ganze – geachtet werden.

Wie viele Kirchengebäude gibt es allein im Landkreis St. Wendel? Werden diese erhalten bleiben? Und würde es überhaupt Sinn machen, diese weiterhin zu unterhalten, wenn jene fehlen, die sie „bespielen“? Sprich: Wie ist es um den Priesternachwuchs bestellt?

von Plettenberg: Praktisch in jedem Dorf des Landkreises gibt es wenigstens ein kirchliches Gebäude. Hinzu kommen an vielen Stellen noch kleinere Kapellen. Und viele von diesen Gotteshäusern werden schon heute nicht nur „bespielt“, wenn ein Priester da ist, also in Gestalt der Heiligen Messe. In den Pfarreien am Schaumberg, in denen ich als Pfarrer tätig sein durfte, war es selbstverständlich, dass sich Gläubige auch ohne mich zu Andachten gemäß der Zeit im Kirchenjahr, Gebeten und anderen Gottesdienstformen getroffen haben. Abgesehen davon, weiß ich von vielen, die eine Kirche auch einfach mal so besuchen, um zur Ruhe zu kommen, eine Kerze anzuzünden oder zu beten. Es ist also sinnvoll, eine Kirche zu unterhalten, sofern sie von den Menschen genutzt wird. Was den Priesternachwuchs betrifft, ist er weiter zurückgehend. Wir haben derzeit im Durchschnitt zwei Neupriester pro Jahr, aber etwa 25 Priester, die versterben. Heute sind rund 350 Priester im Dienst (ohne die aktiven Ruheständler), aber wir gehen davon aus, dass es alle zehn Jahre etwa 100 weniger werden. Das ist alles andere als beruhigend. Auch bei den Pastoral- und Gemeindereferenten sind die Zahlen rückläufig, wenn auch etwas weniger drastisch. Gleiches gilt für die Zahl der Ständigen Diakone. Dieser Rückgang geht parallel mit dem Rückgang der Zahl der Gläubigen. Die Umsetzung der Synode zielt daher in erster Linie auch nicht auf eine Steigerung der Zahlen – das wäre unrealistisch –, sondern auf den Blick darauf, was Kirche ist: mit der Frohen Botschaft Jesu für die Menschen da zu sein, mitten unter ihnen.

Wenn sich das Bistum von Kirchen trennen muss, wer entscheidet welches Gebäude seine sakrale Aufgabe verliert? Darf die Pfarrei, die besser wirtschaftet, ihr Gotteshaus behalten?

von Plettenberg: Die Entscheidung liegt bei den Kirchengemeinden. Sie sind die Eigentümer der Kirchengebäude. Sie werden natürlich ein Gesamtkonzept für ihre Immobilien aufstellen müssen – da sind aber mit dem 2013 gestarteten Immobilienkonzept schon hilfreiche Vorarbeiten und eine umfassende Bestandsaufnahme geleistet worden. Die wirtschaftliche Kraft einer Kirchengemeinde ist daher nicht unwichtig. Das Bistum ist aber insofern relevant, weil es bei Renovierungen einen erheblichen Teil an Zuschüssen beisteuert. Der Blick des Bistums geht aber nicht nur auf die Wirtschaftskraft der Kirchengemeinden; entscheidender wird in Zukunft sein, ob das Gotteshaus genutzt und belebt wird von den Gläubigen.

Wäre das Szenario denkbar, dass das Bistum die Synode noch stoppt?

von Plettenberg: Nein, hinter die Synode gibt es kein Zurück. Seit dem Beginn der Bistumssynode vor jetzt fünf Jahren sind wir auf dem Weg. Das Wir ist eine Vielzahl von Menschen in unserem Bistum, nicht nur die Synodalen, sondern auch viele Gläubige, die sich in Teilprozessgruppen engagieren oder sich in den Resonanzphasen einbringen oder auf andere Weise ihr Interesse und ihre Meinung kundtun. Und die Synode, das wird leider oft vergessen, hat mit den Perspektivwechseln und den damit verbundenen beschriebenen Haltungen eine inhaltliche Neuausrichtung für die Kirche im Bistum Trier eröffnet. Die Strukturen, die derzeit so stark diskutiert werden, sollen dieser Neuausrichtung Halt und Orientierung geben. Die Notwendigkeit zu Veränderungen im Sinne der Perspektivwechsel werden mit jedem Tag deutlicher: Schauen Sie auf die die aktuellen Entwicklungen in der Kirche etwa durch die Missbrauchsdebatte oder den von Papst Franziskus eingeschlagenen Kurs. Gläubige und Experten und selbst einige Kritiker aus der Initiative „Kirchengemeinde vor Ort“ sehen und unterstützen die Veränderungen. Es ist ein Weg, der herausfordert und der nicht in wenigen Jahren abgeschlossen sein wird. Es ist aber auch ein Weg, der mich persönlich reizt, weil es so viel Neues, so viel von Gott Geschenktes zu entdecken gibt. Die Bistumssynode hat den Anfang gesetzt, ein Samenkorn ausgesät. Ich bin gespannt, wie es keimt und wächst.

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