Gedenkveranstaltung in St. Wendel: Gemeinsam gegen das Vergessen

Kostenpflichtiger Inhalt: Gedenkveranstaltung in St. Wendel : Gemeinsam gegen das Vergessen

Zum sechsten Mal veranstaltet der Kreis St. Wendel eine Gedenkveranstaltung. Dann stellt sich auch die Arbeitsgemeinschaft Erinnerungsarbeit vor.

Erinnerungen, das sind besondere Momente, die sich in unser Gedächtnis gebrannt haben. Gerne denken wir an schöne Begebenheiten zurück. Aber auch negative Ereignisse bleiben unvergessen. Sogar solche, die wir gar nicht selbst miterlebt haben. Sie sind Geschichte. Und doch präsent.

Das gilt wohl im Besonderen für jene Gräueltaten, die sich während der Herrschaft der Nationalsozialisten ereignet haben. Wer nicht in die ideologischen Vorstellungen des Regimes passte, wurde verfolgt, Millionen von Menschen ermordet. Seit 1996 gibt es – als Mahnung – den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, zunächst bundesweit, seit 2005 international. Das Datum dafür, der 27. Januar, wurde bewusst ausgewählt. Ist es doch jener Tag, an dem im Jahr 1945 die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreite.

Das Vergangene nicht in Vergessenheit geraten lassen, das hat sich die 2018 gegründete Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Erinnerungsarbeit im Saarland auf die Fahne geschrieben. In deren Leitbild ist als Aufgabe festgeschrieben, an den Nationalsozialismus und an die unter seiner Herrschaft begangenen Verbrechen zu erinnern. 90 Mitglieder hat die Arbeitsgemeinschaft inzwischen. Dazu zählt seit Herbst vergangenen Jahres auch der Landkreis St. Wendel. „Er ist ein leuchtendes Vorbild“, lobt Kirchenrat Frank-Matthias Hofmann, Sprecher der LAG, im SZ-Gespräch. „Hier spielt die Erinnerungsarbeit schon seit längerem eine große Rolle.“

So organisiert der Landkreis seit 2015 eine zentrale Veranstaltung anlässlich des internationalen Gedenktags. Auch bei der sechsten Auflage am Dienstag, 28. Januar, 18.30 Uhr, in der Aula des Gymnasiums Wendalinum in St. Wendel werden Schüler einen Programmpunkt gestalten. Das hat, wie die Veranstaltung selbst, bereits Tradition. „Es ist wichtig, dass sich die Schüler diesem Thema widmen“, sagt Landrat Udo Recktenwald (CDU). Dem pflichtet Hofmann bei. Deshalb beschäftige sich die Arbeitsgemeinschaft mit der Frage, wie junge Menschen erreicht werden können. Moderne Techniken wie QR-Codes, die Informationen aufs Mobiltelefon bringen, oder Online-Angebote könnten ein Weg sein. Konkret, so berichtet der LAG-Sprecher, sei ein virtueller Rundgang in Arbeit, der den Nutzer auf die Spuren jüdischer Orte in Saarbrücken führt.

Ein bekanntes Symbol wider das Vergessen sind Stolpersteine. „Wobei es nicht nur darum geht, diese zu verlegen“, sagt Hofmann. „Sie sollen vielmehr Anlass dafür sein, sich mit den Biografien verstorbener jüdischer Mitbürger zu beschäftigen.“ Das haben im Landkreis St. Wendel unter anderem die Mitglieder der Stolperstein-Arbeitsgemeinschaft (AG) an der Türkismühler Gemeinschaftsschule getan. Sie stellen ihre Aktivitäten während der Gedenkveranstaltung in St. Wendel vor. Konkrete Orte in der Region, Namen von Opfern, die einst hier lebten, Verbrechen, die sich quasi vor der Haustür abgespielt haben wie die Schändung der einstigen jüdischen Synagoge in der Kelsweilerstraße in St. Wendel – das sind laut Recktenwald wichtige Instrumente in der Erinnerungsarbeit. „Denn so können wir Betroffenheit wecken. Und damit können wir erreichen, dass die Menschen darüber nachdenken, was während der NS-Zeit passiert ist“, erläutert der Landrat. Für ihn ist das Erinnern an dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte aktueller denn je.

Das bewertet Hofmann ähnlich. Es habe immer Teile in der Bevölkerung gegeben, die beispielsweise für Antisemitismus empfänglich waren. „Doch seit fünf, sechs Jahren hat das zugenommen. Bestimmte Mechanismen sind wieder salonfähig geworden“, beobachtet Hofmann. Das Internet sei ein Brandbeschleuniger, um Rassismus und Diskriminierung zu verbreiten. Die heutige inklusive Gesellschaft sei quasi das Gegenmodell zur NS-Zeit. „Damals wurde festgelegt, wie ein Mensch zu sein hat. Es gab sozusagen eine exklusive Gesellschaft“, erklärt der LAG-Sprecher. Später gab es die Integration, die Teilhabe auch jener, die anders waren. Die inklusive Gesellschaft bezieht nun alle gleichwertig mit ein. „Wir müssen tagtäglich für unsere Demokratie eintreten“, mahnt Hofmann. „Sonst geht sie flöten. Viele nehmen die Demokratie als selbstverständlich hin, doch das ist sie nicht.“ Daher fordert Hofmann, dass die Erinnerungsarbeit Teil der politischen Bildung werden muss.

Die noch junge LAG sei inzwischen akzeptiert und werde immer bekannter. 3000 Euro für deren Arbeit gibt es vom Bildungsministerium. „Erinnerungsarbeit wird immer gefragter“, hat Hofmann festgestellt. Den vielen Akteuren, die sich bereits seit Jahren in diesem Bereich engagieren, wolle die Arbeitsgemeinschaft keine Themenfelder wegnehmen, sondern vielmehr unterstützen und Lücken besetzen. Während der Gedenkveranstaltung in St. Wendel hat Hofmann Gelegenheit, die Intension der LAG vorzustellen.

„Ich halte es für sinnvoll, sich zu vernetzen“, begründet Recktenwald die Mitgliedschaft des Landkreises St. Wendel – übrigens der einzige bislang – in der Arbeitsgemeinschaft. „Wir lernen andere Konzepte kennen und können vielleicht etwas übernehmen.“ Der Landrat plant, die Erinnerungsarbeit in seiner Region thematisch auszuweiten. Er möchte auch auf das Schicksal politisch Verfolgter, behinderter Menschen und Homosexueller während der NS-Zeit aufmerksam machen.

Jedes Jahr wählt die LAG Erinnerungsarbeit ein spezielles Thema aus. 2020 soll der Deportation der badischen, pfälzischen und saarländischen Juden in das Lager Gurs in Südfrankreich gedacht werden. Dieses schicksalhafte Ereignis jährt sich im Oktober zum 80. Mal. Etwa 6500 Juden sollen Aufzeichnungen zufolge in Zügen in das Lager gebracht worden sein. Auch ein Kapitel in dem Buch „Nazis aus der Nähe“ (edition Schaumberg) widmet sich unter anderem der sogenannten Wagner-Bürckel-Aktion. Dort werden die Namen von zwölf Juden aus dem Landkreis St. Wendel genannt, die ins Lager von Gurs gebracht wurden. Meist nur eine Zwischenstation. Von Gurs aus wurden die meisten Internierten erneut deportiert und schließlich in Gaskammern ermordet.

Mit dem Lager Gurs beschäftigt sich auch der aus Niederlinxweiler stammende Historiker Dieter Wolfanger in seinem Vortrag während der Gedenkveranstaltung. „Starke Referenten zu haben, macht diese Veranstaltung aus“, sagt Recktenwald und erinnert unter anderem an den Redner 2019: den Antisemitismus-Beauftragten des Saarlandes, Roland Rixecker.

St. Wendels Landrat Udo Recktenwald im SZ-Gespräch. Seit Amtsbeginn engagiert er sich in Sachen Erinnerungsarbeit. Foto: Lukas Kowol/Landkreis
Frank-Matthias Hofmann stellt die Arbeit der Landesarbeitsgemeinschaft Erinnerungsarbeit als deren Sprecher vor. Foto: Lukas Kowol/Landkreis

www.erinnerungsarbeit-saarland.de