Gedenken an die Reichspogromnacht in St. Wendel

Kostenpflichtiger Inhalt: Kranzniederlegung in St. Wendel : Weil das Vergessen eine Katastrophe wäre

Landrat Udo Recktenwald gedachte am Samstag der Reichspogromnacht von 1938. Nazis schändeten damals auch ein jüdisches Gebetshaus in St. Wendel.

Die Kölner Band BAP veröffentlichte 1982 ein Lied, in dem sie vor dem Rechtsruck in Europa warnte und die aus ihrer Sicht mangelnde Aufarbeitung der Nationalsozialistischen (NS) Zeit in der Bundesrepublik. Der Titel in Kölscher Mundart lautete „Kristalnaach“. Der Ausdruck verschleiert jene Gräueltaten, die an jüdischen Mitbürgern verübt wurden, fand unter anderem der Holocaust-Überlebende Meier Schwarz. Deshalb sollte er durch den Begriff Novemberpogrom ersetzt werden.

Seit 2009 erinnert der Landkreis St. Wendel am 9. November mit einer Kranzniederlegung am einstigen Standort der jüdischen Synagoge in der Kelsweilerstraße in St. Wendel an die Novemberpogrome 1938. Vor 81 Jahren wurden im gesamten Deutschen Reich Synagogen geschändet, geplündert und angezündet, jüdische Mitbürger verhöhnt und inhaftiert. Auch in St. Wendel, Tholey, Sötern, Bosen und Gonnesweiler gab es Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung und gegen jüdisches Eigentum.

Die Synagoge in St. Wendel wurde am 10. November 1938 von SS-, SA- und NSDAP-Mitgliedern geschändet und in Brand gesteckt. „Die grauenvolle Tat ist aktueller denn je und kein Schnee von gestern“, betonte der St. Wendeler Landrat Udo Recktenwald (CDU) in seiner Ansprache. Er verurteilte ebenso den jüngsten Anschlag auf die Synagoge in Halle wie die deutlich rechts angesiedelten Äußerungen von AfD-Politikern. „Wir erheben mahnend den Finger, haben den Mut aufzustehen und dagegen zusammenzustehen“, appellierte Recktenwald.

Letztlich, so der Landrat weiter, gehe es bei allem um das Miteinander aller Menschen. „Um Frieden, Freiheit, Menschenwürde, Solidarität und die Werte und Tugenden des Zusammenlebens sowie um die Akzeptanz des anderen“, bekräftigte er. Deshalb müsse die Gesellschaft den Mut haben, dem Hass die Stirn zu bieten und Ausländerfeindlichkeit entgegenzutreten. „Wir müssen für die Menschenrechte und den Frieden eintreten“, plädierte Recktenwald.

In St. Wendel wurden die ersten gewaltsamen Aktionen gegen die jüdische Synagoge bereits 1916 gestartet. Am Abend des 10. November 1938 waren die NS-Schergen dann außer Rand und Band. Gegen 20 Uhr gab es einen Brandalarm. Die Feuerwehr soll jedoch nur die umliegenden Häuser an der Synagoge gegen ein Übergreifen der Flammen geschützt haben. Dagegen brannte der Betsaal nieder und zwei Wochen später wurde die Ruine von städtischen Arbeitern abgerissen.

Die St. Wendeler Synagoge, die einst in der Kelsweilerstraße stand, nach einer Zeichnung des Malers F. W. Leismann. Foto: F. W. Leismann
Bildhauer Egon Dewes hat die Erinnerungsstele geschaffen. Foto: Bonenberger & Klos/B&K

Im Oktober 1942 kaufte die Stadt das Grundstück von der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, wobei die Abbruchkosten vom Kaufpreis abgezogen wurden. 1981 wurde am Nachbarhaus eine Gedenktafel angebracht und am 9. November 2016 eine 1,6 Meter hohe Gedenkstele aufgestellt. „Die Erinnerung an den Holocaust bleibt eine Sache aller Bürger, er gehört zur Geschichte des Landes“, meinte Landrat Recktenwald. Und ein Vergessen dieses Ereignisses sei die größte Katastrophe.

Mehr von Saarbrücker Zeitung