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Flüchtlingshelfer aus Winterbach berichtet: „Die Lage auf Lesbos ist sehr angespannt“

Kostenpflichtiger Inhalt: Flüchtlingshelfer aus Winterbach berichtet : „Die Lage auf Lesbos ist sehr angespannt“

Auf der griechischen Insel demonstrieren Bürger gegen den Bau eines neuen Migranten-Lagers. Seit Dienstag herrschen dort chaotische Zustände. Der Winterbacher Flüchtlingshelfer Jonas Müller ist zurzeit vor Ort im Einsatz.

Straßenschlachten, Demonstrationen, Verletzte – auf Lesbos regiert das Chaos. Proteste von Bürgern gegen ein neues Flüchtlingslager sind eskaliert. In Videos von lokalen Medien ist zu sehen, wie die Polizei Tränengas und Gummigeschosse einsetzt, um die Demonstranten auseinander zu treiben. „Die Lage ist gerade sehr, sehr angespannt“, berichtet Jonas Müller. Der Winterbacher leistet Flüchtlingshilfe auf der griechischen Insel, seit zwei Wochen arbeitet er dort für die Organisation One Happy Family (OHF). Doch bisher verlief sein Einsatz ganz anders, als er sich das vorgestellt hatte. „Hier kann gerade alles passieren“, ist der 34-Jährige überzeugt.

Die Ausschreitungen haben bereits in der Nacht auf Dienstag begonnen, als eine Fähre auf der Insel anlegen sollte. Beladen war sie mit mehr als 200 Bereitschaftspolizisten aus Athen sowie Baumaschinen. Die werden benötigt, um ein umstrittenes Abschiebezentrum für Flüchtlinge zu bauen. Oder wie Müller es bezeichnet: „ein Gefängnis“. Es soll nach Informationen des „Spiegel“ das Camp Moria ersetzen, in dem aktuell rund 20 000 Menschen leben würden. Laut des Magazins fast sieben Mal so viele, wie das Lager eigentlich fassen kann. „Die Regierung hat versucht, die Aktion zu verheimlichen“, erzählt Müller. Doch das ist ihr nicht gelungen. Hunderte Menschen kamen und haben den Hafen blockiert. Es folgten Auseinandersetzungen mit der Polizei.

„Hier sind alle sauer auf die Regierung“, sagt der freiwillige Helfer. Die Bürger hätten kein Verständnis dafür, dass noch ein zweites Camp auf Lesbos gebaut werden soll. Sie befürchten, dass eine Einrichtung entsteht, in der ähnliche oder noch schlechtere Bedingungen herrschen werden als in Moria. Die Inselbewohner möchten erreichen, dass die Flüchtlinge möglichst schnell aufs Festland gebracht werden. Am Mittwoch haben die Einheimischen zum Generalstreik aufgerufen. „Seitdem ist auf der Insel alles lahmgelegt. Die Geschäfte haben geschlossen. Es gibt nur noch eine Handvoll Tankstellen, die geöffnet sind“, berichtet Müller beim Telefonat mit der Saarbrücker Zeitung. Auch One Happy Family habe sein Gemeinschaftszentrum vor Ort vorübergehend dicht gemacht. Dort haben Flüchtlinge für gewöhnlich die Gelegenheit, an diversen Projekten teilzunehmen. So gibt es beispielsweise einen kleinen Kindergarten, ein Internetcafé, einen Yoga-Kurs, einen Garten, ein Fitnessstudio, einen Spielplatz und einen Frisör. Nun herrsche an all diesen Stationen gähnende Leere.

Die Schließung sei eine Vorsichtsmaßnahme. Zum einen würden sich die OHF-Verantwortlichen um die Sicherheit der Geflüchteten sorgen. „Zum anderen hat die Regierung in den vergangenen Tagen bereits einigen Nichtregierungsorganisationen (NOGs) einen Riegel vorgeschoben“, erklärt Müller. Nun wachse auch bei One Happy Family die Angst davor, nicht mehr weitermachen zu dürfen. Aus diesem Grund habe man beschlossen, das Angebot für die Geflüchteten diese Woche erst einmal einzustellen.

Für Müller gibt es trotzdem jede Menge zu tun. Der Sozialarbeiter hat spontan einer anderen NGO namens Attika ausgeholfen. Diese sammelt Kleider und Hygieneartikel aus Europa. Die Helfer auf Lesbos sortieren die Spenden und verteilen sie an Hilfsbedürftige. Außerdem war er am Donnerstag bei einer Demonstration. Dort habe er erfahren, dass sich die Polizisten am Morgen größtenteils zurückgezogen hätten. „Das ist ein kleiner Sieg für die Menschen hier“, sagt er. Allerdings würden die Ausschreitungen weitergehen. „Zwei Helfer von OHF sind in der Innenstadt von 20 Rechtsradikalen in ihrem Mietauto angegriffen worden“, erzählt Müller. Die teils Vermummten hätten mit Eisenstangen auf den Wagen eingedroschen und ihn zu Schrott geschlagen. „Zum Glück haben Einheimische meinen Freunden helfen können. Sie wurden nicht verletzt“, berichtet er.

Das überfüllte Flüchtlingslager Camp Moria liegt auf der nordöstlichen Ägäis-Insel Lesbos. Protestgruppen auf drei ostgriechischen Inseln haben begonnen, Blockaden zu errichten. Sie möchten die Regierung daran hindern, ein neues Migranten-Lager zu errichten. Foto: dpa/Michael Varaklas
Jonas Müller aus Winterbach ist gerade als Flüchtlingshelfer auf der Insel Lesbos im Einsatz. Foto: Manuel Görtz

Die Attacke habe ihm jedoch vor Augen geführt, wie gefährlich die Arbeit als Flüchtlingshelfer auf Lesbos ist. Er hat sich vorgenommen, vorsichtig sein und nicht mehr alleine durch die Stadt zu laufen. Angst hat der Winterbacher nach eigenen Angaben aber nicht. Seinen Einsatz auf der griechischen Insel abzubrechen, kommt für ihn nicht infrage. „Wir werden auf gar keinen Fall klein beigeben“, stellt er klar.