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Erinnerung an tragisches Ereignis

Erinnerung an tragisches Ereignis

Vor genau 70 Jahren flogen amerikanische Flugzeuge über St. Wendel. Ihre Bomben trafen Gesundheitsamt und Bahnhof. Dort stand ein Zug mit saarländischen Flüchtlingen aus dem Warndt – mehr als 100 Menschen kamen ums Leben.

St. Wendel. "16.15 Uhr Angriff auf den Bahnhof und Anlagen. Wartesaal zerstört - Brühlstraße Johann-Nepomuk-Brücke zerstört - Fotohaus Bahn beschädigt - Gesundheitsamt zerstört. Im Bahnhof und Gesundheitsamt circa 100 Tote, meist Flüchtlinge aus der Saarlauterner Gegend", steht es in der Chronik des damaligen Lehrers Emil Dorscheid.

Am Mittwoch, dem 6. Dezember 1944, also genau vor 70 Jahren, starben in St. Wendel mehr Menschen, als bei allen anderen Luftangriffen während des Zweiten Weltkriegs - obwohl relativ wenige Bomben abgeworfen wurden. Grund für die hohe Zahl an Todesopfern: Tragischerweise stand im Bahnhof ein Zug mit Flüchtlingen aus dem südlichen Saarland. Sie stammten überwiegend aus der Gegend um Saarlouis und dem Warndt. An die 100 Menschen starben in den Trümmern des Bahnhofes. Einer überlieferten Geschichte nach sei Johann Ruffing - genannt Eisbär - der einzige Überlebende, der sich aus dem Bahnhof rettete. Ob dies jedoch den Tatsachen entspricht, ist nicht eindeutig geklärt. Auf der gegenüberliegenden Seite wurde das Gesundheitsamt - das zwischen der heutigen Post und dem Landratsamt stand - in Schutt und Asche gelegt. Über 20 Besucher und Angestellte kamen ums Leben.

Regionalhistoriker Roland Geiger wertete die Todesanzeigen aus. Ihnen ist Herkunft und Beruf zu entnehmen; auch die Todesursache - meist Erstickung oder Schädelbruch.

Geiger: "Die genaue Totenzahl ist schwer zu ermitteln. Nur Datum und Todesursache geben Hinweise." Den Geburtsdaten ist zu entnehmen: Es waren zahlreiche Kinder unter ihnen. Insgesamt starben laut Geiger zwischen 120 und 150 Menschen. Sie wurden am 12. Dezember 1944 auf dem St. Wendeler Friedhof beerdigt. Viele Leichen waren so entstellt, dass sie nicht mehr identifiziert werden konnten. Noch in den 1950er Jahren gingen Anfragen auf der Suche nach Vermissten ein.

Obwohl bei den Luftangriffen vom 24. Dezember 1944 (bei der die St.-Annen-Kirche zerstört wurde) und vom 28. Februar 1945 viel mehr Bomben abgeworfen wurden, starben damals viel weniger Menschen als bei der Tragödie vom 6. Dezember 1944.

Geiger vermutet, dass es Jagdbomber waren, die ihre tödliche Ladung aus 8000 Metern Höhe abwarfen. "Sie waren wahrscheinlich auf einer taktischen Mission", sagt Geiger. Ob St. Wendel ihr ursprüngliches Ziel war, sei unklar. Allerdings warfen Luftgeschwader, die ihr anvisiertes Ziel nicht erreichten, ihre tödliche Fracht an anderer Stelle ab. Die strategische Bedeutung St. Wendels sei laut Geiger eher gering gewesen. Hier befand sich neben dem Bahnhof lediglich noch ein Reichsbahn-Ausbesserungswerk. Keine bedeutsamen Ziele.