Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung in St. Wendel

Beratung : Mehr Teilhabe für Menschen mit Behinderung

In St. Wendel wurde jetzt eine von drei EUTB-Beratungsstellen des Landesverbandes der Lebenshilfe eingerichtet.

58 Millionen Euro lässt sich das Bundesministerium für Arbeit und Soziales den Aufbau der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) für Menschen mit Behinderung und von Behinderung bedrohten Menschen in den kommenden fünf Jahren kosten. Laut Bernhard Müller, Vorsitzender des Lebenshilfe-Landesverbandes, seien 650 000 Euro für das Saarland zur Verfügung gestellt worden. „Die Finanzierung ist auf drei Jahre sichergestellt und ist im Koalitionsvertrag verankert“, erläutert Müller. Der Landesverband hat nun drei EUTB-Beratungsstellen für Ratsuchende in Neunkirchen, St. Ingbert und St. Wendel eröffnet. „Es handelt sich um ein niederschwelliges Angebot, die Rechtsberatung ist ausgeschlossen“, teilt der Landeschef bei der Projektvorstellung in der Turnhalle der St. Wendeler Lebenshilfe mit.

Und darum geht es genau. In der St. Wendeler EUTB-Beratungsstelle unterstützt und berät Anne Kiefer alle Menschen mit Behinderungen, von Behinderung bedrohte Menschen, aber auch deren Angehörige kostenlos in allen Fragen zur Rehabilitation und Teilhabe. Die Themen reichen beispielsweise von der Beantragung von Leistungen über die Wohnsituation bis zur Rehabilitation, Mobilität, Schule, Arbeit und Beruf. „Ziel ist, die Verbesserung der Lebenssituation bei Menschen mit Handicap durch Selbstbestimmung“, erklärt Müller. Vorhandene Strukturen und Angebote, so ergänzt er, sollen dazu nun weiterentwickelt, vernetzt und verbessert werden. „Die Beratung ist auch offen für Paten und alle, die mit Menschen mit Behinderung zu tun haben“, merkt der Landesvorsitzende noch an.

Die Beratung und Information erfolge unabhängig, kostenfrei und auf Augenhöhe. Betroffene beraten und unterstützen Betroffene. So genannte „Peer Counselor“ setzen sich für Menschen mit ähnlichen Lebenserfahrungen und Biografien ein. In der Beratungsstelle der Kreisstadt steht der 22-jährige Jerome Laubenthal als Ansprechpartner für Hilfsangelegenheiten zur Verfügung. „Es ist wichtig, dass ich dem Gegenüber auf Augenhöhe begegnen kann“, sagt der Student an der Saarbrücker Hochschule für Technik und Wirtschaft. Die neue Anlaufstelle sieht er als Bereicherung. „Es ist schon ein revolutionärer Ansatz“, findet Laubenthal. Er will sich um offene Bildungsfragen zu Schule und Studium kümmern. „Viele Dinge werden erst gar nicht zum Problem, wenn man vorher weiß, wohin ich mich hinwenden kann“, erklärt der Berater. Dazu könne er nach 13 Jahren Regelschule seine bestehenden Netzwerke anbieten. „Schulbildung und Inklusion kann funktionieren, wenn beide Seiten es wollen“, weiß Laubenthal, der anpacken will, dass andere Menschen ihre Potenziale entfalten und sich weiterentwickeln können.

Soweit alles gut? Nicht ganz. „Ich habe gemischte Gefühle“, äußert der St. Wendeler Lebenshilfe-Geschäftsführer Hermann Scharf seine Befürchtungen zum Bundes-Teilhabe-Gesetzt. Denn was werde aus denjenigen Menschen, die niemanden mehr haben, der sich um sie kümmert? „Auch die Schwerstbehinderten dürfen nicht durch das Netz fallen. Denn wenn wir sie vergessen, dann sind sie vergessen“, warnt Scharf. Zudem: Wie sehe die Sache für einen gesetzlichen Betreuer aus, der den Menschen mit Handicap zur Beratung begleitet. „Wie kann dessen finanzieller Mehraufwand abgedeckt werden?“, fragt Scharf. Die Beratungsstelle stehe erst am Anfang, so deren Leiterin Anne Kiefer. „Sicherlich müssen wir uns künftig auch über solche Fragen Gedanken machen“, sagt Kiefer. Eingangs sei wichtig, dass  die Menschen bei den Beratungen das Gefühl bekommen, dass sie gut aufgehoben seien.

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